Glosse Das Protokoll des Beckenbauer-Komplotts


Schröder schickte also nach der Wahl 2005 einen Beckenbauer-Freund los, um Stoiber ein unmoralisches Angebot zu unterbreiten. Handelt es sich um ein düsteres Komplott gegen Angela Merkel? Was sagt Beckenbauers Geheimprotokoll?
Eine Glosse von Florian Güßgen

18. September 2005, Wahltag, 16.30 Uhr, Kaisersuite, Hotel Adlon, Berlin

Ein wunderschöner Tag. Die Heidi, die Kinder und ich sind im Adlon. Gewählt haben wir schon. Per Brief. Die Sozen. Nicht wegen dem Müntefering. Wegen dem Gerd. Den mag ich. Der ist ein Mensch. Der versteht was vom Spiel und den Frauen. Aber die Merkel liegt vorn. Ich bin nervös. Beim Eröffnungsspiel möcht' ich den Gerhard neben mir haben. Wie sähe das denn aus, wenn die Merkel bei der WM - ich mag gar nicht daran denken.

18. September, 17.00 Uhr, Kaisersuite, Hotel Adlon, Berlin

Der Gerhard hat gerade angerufen. Ganz euphorisch war er. "Wir sind dran an den Schwarzen", hat er gesagt. "Du Franz. Wir schaffen das mit dem 9. Juni in München." Ich bin jetzt richtig aufgeregt. Die Heidi hab' ich zum Shoppen geschickt. Hier wird ja irgendwas offen haben am Sonntag. Ist doch Berlin! Dann hat das Telefon noch mal geklingelt. "Gerd? Bist Du's?", habe ich gefragt. Ich Depp! War doch tatsächlich der Edmund dran. Noch nervöser als ich. "Hast Du das gesehen?", hat er mich gefragt. "Der Schröder holt auf. Das ist wie der Ausgleich in der 91. Minute. Wenn die Roten jetzt in Führung gehen, dann ist die Merkel weg vom Fenster. Wie Ihr damals gegen Manchester!", hat der Edmund gesagt. "Und das ganze Theater mit den Ossis und den Leichtmatrosen hat ein Ende. Daumen drücken!"

18. September, 20.00 Uhr, Kaisersuite, Hotel Adlon, Berlin

Ich krieg' vor Wut fast keine Luft mehr! Der Gerhard ist ein Rindviech. So geht's doch nicht! Hat der denn überhaupt nix verstanden? Der hat ein noch ein schlimmeres Testosteron-Problem wie der Lothar. Ein Elfmeter aufs leere Tor war das! Eine einmalige Chance! Und dann geht der auf die Gegenspieler los. Und auf den Schiedsrichter. Und fliegt raus. Live! Im Fernsehen! Ist der des Wahnsinns fette Beute? Ich hab' sofort die Doris angerufen. Wir müssen uns treffen, hab' ich gesagt. Unbedingt. Später. Inkognito. Zuerst wollte sie nicht, weil sie dachte, ich hätt's auf sie abgesehen. Aber dann hat sie verstanden. "Der Gerd", hat sie gesagt, "der will dich auch sehen. Um halb zwei. Bei Konopke." In einer Würschtl-Bude! Der Mann hat Nerven.

19. September, 5 Uhr, im Taxi, Berlin

Mir geht's jetzt wieder besser. Ich hab' mir einen Trainingsanzug von der Heidi angezogen. Im Taxi hab' ich meine Stimme verstellt. Erkannt hat mich keiner. Und der Gerhard ist pünktlich gewesen. Ist ohne Leibwächter gekommen - und ohne den Müntefering. Selbst die Doris hat er zu Hause gelassen. Nur den Schlüssel für diese Würschtl-Bude hat er dabei gehabt, der Schlawiner. Und zwei Flaschen Weißbier und eine Flasche Barolo. Das Bier für mich, den Wein für sich. So gehört sich's. Wir haben uns auf den Boden gesetzt. Nur eine Kerze hat gebrannt. Es war fast wie ganz früher im Trainingslager. Mit den Jungs. Mit dem Paul. Und dem Sepp. Und dem anderen Gerd. Ich hab's ihm dann auch gesagt, was ich von der Sache halte: "Ich will die Merkel beim Eröffnungsspiel nicht im Stadion haben", habe ich ihm gesagt. Klipp und klar. "Aber wie willste denn das verhindern, Franz?", hat er gewinselt. "Nu liegt das Kind im Brunnen." - "Ah was", hab' ich gesagt. Und dass er jetzt aufhören soll mit der Jammerei. "Wenn ich den Klinsmann ertrag', den Streber", hab' ich gesagt, "dann musst Du halt den Edmund ertragen. Du musst mit ihm reden! Sofort!", habe ich gesagt. "Und dann spielt's ihr einen sauberen Doppelpass. Oder zwei. Links rum. Rechts rum. Und die Merkel ist draußen." Am Anfang ist der Gerhard ein wenig skeptisch gewesen. Aber ich hab' ihm erklärt, dass er jetzt alles nach vorne werfen muss, alles auf eine Karte setzen, dass der Torwart in den gegnerischen Strafraum muss, dahin, wo's weh tut. Und ich hab' ihm angeboten, den Fedor Radmann nach München zu schicken. "Der ist mein Mann. Mein Elefant für's Dickicht. Auf den ist Verlass. Der richtet das schon für dich", habe ich gesagt. Da ist er richtig gerührt gewesen, der Gerhard. Und er hat mich umarmt in dieser Würschtl-Bude. "Schon gut, Gerhard", habe ich gesagt. Man darf es nicht übertreiben mit dieser Gefühlsduselei, sag' ich der Heidi immer.

19. September, 5.25 Uhr, Kaisersuite, Hotel Adlon, Berlin

Grad mit dem Fedor gesprochen. Der fand' die Idee super. Seine Sekretärin hat den Flug nach München schon gebucht.

19 September, 5.45 Uhr, Kaisersuite, Hotel Adlon, Berlin

Grad mit der Muschi Stoiber in Wolfratshausen gesprochen. Habe ihr erklärt, dass der Schröder sich mit dem Edmund verbünden will, damit die Merkel nicht beim Eröffnungsspiel neben mir sitzt, und der Edmund in Berlin ganz wichtig wird. Aufgelegt hat sie! Wer soll denn nur die Frauen verstehen? Hab' versucht, den Edmund mobil zu erreichen. Geht aber nicht dran. Ich werd' noch narrisch mit den Stoibers. Was hat die Frau bloß gegen Berlin?

19. September, 6 Uhr, Kaisersuite, Hotel Adlon, Berlin

Grad noch mal mit dem Gerhard gesprochen. Leise, weil die Heidi schläft. "Wenn das alles nichts wird", hab' ich geflüstert, "dann hat unsere Nacht bei Konopke nie statt gefunden. Verstehst?" - "Klar, Franz", hat der Gerhard gesagt, "Indianer-Ehrenwort. Darauf kannste dich verlassen. Aber wenn's was wird, mach' ich dich noch vor der WM zum Nachfolger vom Köhler. Dann darfst du den Spaß auch noch eröffnen, du altes Multitalent." Dabei hat er gelacht, dreckig gelacht. Diese Politiker.

19. September, 8 Uhr, Kaisersuite, Hotel Adlon, Berlin

Grad bei der Merkel angerufen. Hab' ihr zum Wahlsieg gratuliert. Und ihr gesagt, wie sehr ich mich für sie freue. "Ich finde es toll, dass nun eine Frau beim Eröffnungsspiel in München neben mir sitzen wird", habe ich gesagt. "Das zeigt der ganzen Welt, wie fortschrittlich und weltoffen Deutschland ist." Das hat der Merkel gefallen. Und mir auch. So viele, schöne Sätze. Müssen in die "Bild"-Kolumne. Die darf man nicht vergeuden. Wär' ja schad' drum.


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