Glosse Die Selbstabschaffung der Silvana Koch-Mehrin


Eva Herman hat sich aus ihrem Vertrag geplaudert. Silvana Koch-Mehrin, FDP-Model im Europaparlament, ist konsequenter und fordert öffentlich ihre eigene Entsorgung. Wäre sie Familienministerin, würde sie das Familienministerium abschaffen, sagte sie der "Bild". Wow!
Von Lutz Kinkel

Das Foto von Silvana Koch-Mehrin ist hinreißend. Sie ist so blond, so schön, so schwanger, nun zum dritten Mal. Mit gesenkten Lidern blickt sie auf ihren Babybauch, betastet ihn zärtlich und lächelt zufrieden in sich hinein. So posiert das FDP-Model für die "Bild"-Zeitung. Selbstredend nicht auf Seite eins, dafür ist sie zu umfänglich bekleidet. Sondern auf Seite 2, dort, wo die politischen Themen stehen. Und damit beginnt das Problem.

Denn auf der Politikseite muss auch Politisches gesagt werden, bitteschön möglichst krawallig, damit die Welt darüber spricht. Silvana Koch-Mehrin hätte sich zu vielem äußern können. Zu den politischen Planspielen für die Zeit nach der Wahl 2009 zum Beispiel. Zu ihrem Verhältnis zu den Grünen, zu den sprudelnden Staatsfinanzen, zum Bürokratieabbau, vielleicht sogar zur Europapolitik der Liberalen. Aber die 36-Jährige entschied sich für ein Thema, das in der politischen Klasse extremen Seltenheitswert hat und deswegen hohe Aufmerksamkeit erregen muss: Sie forderte öffentlich ihre Selbstabschaffung.

Zurück zum "Gedöns"?

Frage der "Bild": "Was würden Sie ändern, wenn Sie Familienministerin wären?" Antwort Koch-Mehrin: "Ich würde das Familienministerium abschaffen." Wow! So uneigennützig hat man schon lange keinen Politiker mehr reden hören. Sich zum Minister bestellen lassen, um dann als Liquidator in eigener Sache aufzutreten - das hat Kern. Normalerweise sind solche Jobs nicht beliebt. Man erinnert sich noch an die langen Gesichter in der letzten DDR-Regierung, die sich auf Geheiß von Monarch Helmut Kohl selbst abwickeln musste. Respekt, dass Silvana Koch-Mehrin diesen schweren Weg aus freien Stücken zu gehen gewillt ist.

Eine eigenständige Familienpolitik, eines der wenigen Glanzlichter der großen Koalition, ist ihrer Meinung nach nämlich überflüssig. "Der Bereich Familie, Jugend, Senioren gehört ins Sozialministerium. Außerdem: Ein Finanzminister kann mehr für Familien tun", sagte sie der "Bild". Würde ihr Plan sofort umgesetzt, wären die Herren Peer Steinbrück (Finanzen) und Franz Müntefering (Arbeit und Soziales) für die demografische Aufforstung der Republik zuständig. Zwei Sozialdemokraten, die von Gerhard Schröder jahrelang zu hören bekamen, Familienpolitik sei nichts weiter als "Gedöns". Eine interessante Perspektive.

Stelle gestrichen

Die auch Silvana Koch-Mehrin überrascht haben muss, so kurzfristig, wie sie sich im Kopf der Liberalen zusammengesetzt hat. Vor knapp einem Monat noch outete sie sich als Fan einer starken Familienpolitik. Der "Super Illu" sagte sie über Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen: "Ich finde es klasse, dass eine konservative Politikerin, die aus altem CDU-Adel kommt, sieben Kinder hat und genau das lebt, was sie propagiert, jetzt die Familienpolitik der Union umkrempelt. Genau die richtige Frau an der richtigen Stelle!" Nun will Silvana Koch-Mehrin genau diese Stelle streichen. Höchstpersönlich.

Von der Leyens Familienministerium will Koch-Mehrins Aussagen übrigens nicht kommentieren. Man muss auch nicht alles ernst nehmen. Selbst die FDP hält sich zurück. Es gäbe zur Abschaffung des Familienministeriums keinen in den Gremien gefassten Beschluss, sagte ein Sprecher. Es handele sich um eine Anregung von Frau Silvana Koch-Mehrin.

Gut, dass wir mal darüber gesprochen haben.


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