Glosse Klinsmann muss Kanzler werden


Jürgen Klinsmann hat eine als Gurkentruppe verschrieene Fußballer-Equipe ins Halbfinale gehievt, die zur Hoffnungs-Koalition gekürte Merkel-Münte-Riege kommt dagegen über Reform-Klein-Klein nicht heraus. Klinsmann muss jetzt dringend eingewechselt werden.
Von Florian Güßgen

Mal ehrlich. Das war doch eine reichlich ernüchternde Woche bislang.

Am Montag präsentieren uns übernächtigte, blasse Politiker zur morgendlichen Unzeit eine Reform, die im Detail keiner versteht, die im Großen und Ganzen das Gegenteil dessen ist, was dieselben Politiker seit Monaten predigen, und die auch noch Geld kostet. Am gleichen Nachmittag entscheidet sich irgendein Gremium des Fußball-Welt-Blatter-Herrscherverbandes dafür, unseren defensiven Mittelfeldspieler Torsten Frings nicht spielen zu lassen, weil italienische Journalisten ihnen einen Film gezeigt haben.

Wie in einer spätpubertierenden Schulklasse

Am Dienstag spielt unsere Mannschaft gut, aber leider mit Schwächen im defensiven Mittelfeld, weswegen wir gegen die Italiener aus dem Turnier fliegen - nein, nicht fliegen, wir spielen ja noch, pardon, das Wir-sind-gute-Verlierer-und-können-auch-bei-einem-Kokolores- Gekicke-um-den-dritten-Platz-mit-Leidenschaft-dabeisein-Spiel, bei dem wir natürlich mit Leidenschaft dabei sein werden.

Damit aber hat uns diese Woche - vielleicht sollten wir ihr, wie einem Unwetter, einen Namen geben - noch nicht genug drangsaliert. Am Dienstag und Mittwoch entfaltet sich ein großkoalitionäres Gerangel wie in einer spätpubertierenden Schulklasse. Gemeinsam haben die Achtklässler das Schulklo gesprengt. Jetzt macht der Rabauke Peter S. Klassensprecherin Angela M. dafür verantwortlich, dass sie nicht richtig Schmiere gestanden hat. Angela sagt, sie konnte nichts dafür, weil sie die Jungs vom Lande - Roland K., Jürgen R. und der sonst eher verlachte Streber Edmund S. - sonst verpfiffen hätten. Um Angela zu rächen, fällt der schwer verliebte, ansonsten harmlose Ronald P. dem Peter überraschend in die Parade und wirft ihm vor, dass er ohnehin nichts gebacken kriege und seine Mutter schlecht koche. Seitdem haben sich alle hinter umgekippten Pulten verschanzt und werfen mit Radiergummis, Stink- und Wasserbomben.

Risikobereit, stahlherzig, entschlossen

Wie nun kann man diese Woche noch retten? Zunächst mit einer ordentlichen Analyse. Wenn man nämlich die Erfolge der Klinsmannschen Fußballmannschaft mit dem zwistbehafteten Gebaren der Großkoalitionäre vergleicht, gibt es einen entscheidenden Unterschied. Klinsmann hat eine Mannschaft, auf die vor zwei Jahren kein Mensch einen Pfifferling gegeben hat, mit einer klaren Strategie, perfektem Selbst-Marketing und mutigen Entscheidungen über sich hinauswachsen lassen. Kernpunkte des Klinsmannschen Erfolgs war dabei ein eindeutiges Ziel, eine gewissen Stahlherzigkeit und eine enorme persönliche Risikobereitschaft.

Bei der Kanzlerin ist das anders. Merkel weiß zwar, wie eine Risikostrategie aussehen könnte, aber Wähler und großkoalitionäre Zwänge haben sie eine Strategie der Hasenfüßigkeit wählen lassen, die dazu führt, dass große Hoffnungen, die auf diese Koalition gesetzt werden, zwangsläufig enttäuscht werden müssen. Der Kanzlerin fehlt mittlerweile das klare Ziel ihres Tuns und vor allem die persönliche Risikobereitschaft. Stahlherzigkeit alleine genügt nicht. Den Koalitionsspitzen - und dazu gehören auch Peter Struck und die Jungs vom Lande - fehlt zudem offenbar die Disziplin, ihr Schicksal ehrlich an den Erfolg der großen Koalition zu knüpfen. Patriotischer Teamgeist? Von wegen!

Der amerikanische Coach

In dieser Situation hilft nur entschlossenes Handeln. Deshalb muss Jürgen Klinsmann Kanzler werden, am Samstag, nach dem Spiel gegen Portugal, ausgerufen von, sagen wir, Lukas Podolski aus einem Fenster des Reichstags. Es wird Zeit, dass Koalitionsspitzen und widerspenstige Abgeordnete endlich mit Plastikbändern um die Knie durch das Parlament laufen, wir brauchen Trainer für Psyche und Physis im Bundesrat, im Bundestag und im Kanzleramt, es muss alles umgekrempelt werden - und wir brauchen einen, der auch bereit ist, persönliche Risiken einzugehen, um dieses Land auf Vordermann zu bringen. Klinsmann trauen wir das zu. Er könnte etwa entscheiden, dass dieser oder jener Minister einen Tick vorne oder hinten (Glos, Jung) wäre, er könnte junge Talente fördern und dafür sorgen, dass die Regierung an ihren Plänen auch dann fest hält, wenn's mal eng wird - und dabei trotzdem lächelt. Für uns wäre es auch, um das gleich anzusprechen, in Ordnung, wenn Klinsmann, der USA-Fan, das alles vom Weißen Haus aus machen würde, oder dem Amtssitz des kalifornischen Gouverneurs. Einerlei. Hauptsache es rührt sich was, Hauptsache, er hat keine Angst vor großen Namen.

Für die scheidende Merkel hätten wir im Gegenzug ohnehin schon einen fantastischen, amerikanischen Trainer gebucht. Er heißt George W. und soll schon in der kommenden Woche in ihrem Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern eintreffen. Mit diesen frohgemuten Erwartungen bringen wir auch diese ernüchternde Woche sicher besser zu Ende als sie angefangen hat.


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