HOME

Eklat im Bundestag: Israel-Kritiker verfolgen Gregor Gysi bis aufs Klo

Zwei berüchtigte Israel-Kritiker mit Vorliebe für Nazivergleiche bedrängen Linken-Chef Gregor Gysi im Bundestag. Der hat erst Ruhe, als er sich im Klo einschließt. Die Hintergründe der Attacke.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Gregor Gysi eilt einen Gang im Bundestag entlang, ihm folgt ein großer, kahlköpfiger Mann, der eine kleine Kamera hält: "Sie haben mich einen Antisemiten genannt", ruft er Gysi hinterher. Er müsse nun um sein Leben fürchten, wenn er nach Israel reise. Was Gysi dazu zu sagen habe. Ob er die Verantwortung für sein Leben übernehmen werde. Das alles in aggressivem Staccato. Als der Linksfraktionschef die Tür zur Toilette vor dem Verfolger schließen will, drückt der sie auf und Gysi fast an die Wand. Gysi flüchtet daraufhin in einen WC-Raum und schließt sich ein. Der Verfolger dreht die Kamera zu sich und schaltet sie aus.

Der Mann ist David Sheen, und es braucht keinen Gregor Gysi, damit ihn in Israel jemand "Antisemit" nennt. Aber zurück auf Anfang.

In den Top Ten der "Antisemiten-Liste"

David Sheen und Max Blumenthal sind berühmt-berüchtigte Journalisten und Autoren aus Kanada und den USA, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Verfehlungen der israelischen Politik anzuprangern. Das tun sie mit publizistisch wirksamer Brutalität, ziehen gern mal Nazi- oder auch IS-Vergleiche und bemühen sogar die Verschwörungstheorie der "Protokolle der Weisen von Zion".

Blumenthal brachte es 2013 sogar in die Top Ten der "Antisemiten-Liste des Simon-Wiesenthal-Centers, weil er israelische Soldaten "Judeo-Nazis" schimpfte.

Einladung nach Berlin

Trotzdem haben die Linksabgeordneten Inge Höger und Annette Groth (die auch schon an der Gaza-Flotilla teilgenommen haben) ausgerechnet Sheen und Blumenthal eingeladen, um in Berlin am 9. November, also am Gedenktag der Pogromnacht 1938, in der Volksbühne über "Israels Kriegsverbrechen in Gaza" zu sprechen, wie die "Bild"-Zeitung berichtet. Am 10. November sollten sie es dann im Sitzungssaal der Linksfraktion im Bundestag tun. Als Fraktionschef Gysi davon erfuhr, sagte er beide Veranstaltungen ab, da er von keiner in Kenntnis gesetzt worden war, obwohl sie offiziell unter dem Namen der Linken laufen sollten.

Also machte Höger die Veranstaltung zu einer privaten im Abgeordnetenhaus. Jeder Abgeordnete kann dort ohne zu fragen Gäste empfangen. Das Treffen fand im kleineren Kreis statt. Eine Langversion des Videos von Sheen zeigt, wie er und Blumenthal sich danach über die doppelte Absage aufregen und verkünden, dass hier immernoch die Stasi herrsche, dass Gysi nicht demokratisch handle. Äußerst kameraverliebt schreitet Blumenthal einher und verkündet, dass Gysi unter dem Deckmantel der Linken die Rechte der Palästinenser zertrete. Dann macht er ihn auch noch kurz zum Außenminister. Kurz darauf kommt es zur Verfolgungsjagd bis zum Klo.

"Die haben sich einen Bärendienst erwiesen"

Ebenfalls bedrängt wurde der Pressesprecher der Linksfraktion, Hendrik Thalheim. "Man kann und muss Israels Politik im Nahost-Konflikt durchaus kritisieren. Die Frage ist aber wie, wo und mit wem", sagte er im Telefonat mit dem stern. "Bei diesem Thema verbieten sich bestimmte Vergleiche. Bestimmte Grenzen dürfen nicht überschritten werden." Das aggressive Verhalten von Sheen und Blumenthal habe die Richtigkeit von Gysis Entscheidung bestätigt, die Veranstaltungen abzusagen, so Thalheim weiter. "Die haben sich damit einen Bärendienst erwiesen."

Wird der Vorfall Folgen für die Organisatoren haben? "Die Fehler wurden eingeräumt, und sie haben sich entschuldigt. So etwas darf sich nicht wiederholen. Das ist allen Beteiligten klar."

"Stasi-Taktik"

Derweil fordern Sheen und Blumenthal via Twitter ihrerseits Entschuldigung von Gysi.

"Gregor Gysi sollte sich entschuldigen für seine Stasi-Taktik und seine Billigung einer Kampagne zur Aufhetzung und rassistischer Beleidigungen"

Die Entrüstung, die Sheen und Blumenthal sich offensichtlich zu ihren Gunsten gewünscht haben, bleibt wohl aus. Im Gegenteil: Gysi nimmt es sogar mit Humor. Auf Nachfrage von Journalisten bei einem Pressestatement vor der Fraktionssitzung am Dienstag, sagte der 66-Jährige mit einem Schmunzeln: "Ich werde Sie über meine Klo-Besuche nicht unterrichten."

(die Langversion des Videos)