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Guttenberg bei den Schweizern: "Ich wäre sowieso aus der Politik gegangen"

Was macht eigentlich Karl Theodor zu Guttenberg? Jüngst trat er beim "Aargauer Wirtschaftssymposium" in der Schweiz auf - und plauderte danach in einem Interview über alte Berliner Zeiten.

Von Johannes Dudziak

"Es gibt intellektuell belastbarere Sätze": Ex-Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg

"Es gibt intellektuell belastbarere Sätze": Ex-Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg

Es ist wie mit einem Gespenst. Gelegentlich taucht es auf, rasselt mit den Ketten, dann verschwindet es wieder in der undurchdringlichen Nacht. Karl Theodor zu Guttenberg, Ex-Wirtschaftsminister, Ex-Verteidigungsminister, Ex-Kanzlerhoffnung, ist jüngst beim "Aargauer Wirtschaftssymposium" in der Schweiz aufgetreten. Aargau? Ja, im Kanton Aargau (rund. 600.000 Einwohner). Guttenberg, angekündigt als "distinguished statesman" und "Seniorberater der Europäischen Kommission", war einer von zwei Referenten. Sein Vortragsthema jedoch lässt erahnen, dass er auch auf kleiner Bühne Bedeutendes zu verkünden hat. Der Freiherr sprach über "Die fünf größten Herausforderungen unserer Zeit".

Wie die Aargauer Zeitung berichtet, redete Guttenberg eine knappe Stunde, "frei von der Leber weg und um Pointen nie verlegen". Das Publikum habe sich prächtig unterhalten gefühlt, auch wenn Guttenberg insgesamt vage geblieben sei und mal übers Internet, mal übers Klima und mal über Brasilien gesprochen habe. Nach dem Auftritt gab Guttenberg einem Journalisten der Aargauer Zeitung in der Künstlergarderobe des Kultur- und Kongresshauses ein Interview - und plauderte dabei auch über alte Berliner Tage.

"Leben im Hamsterrad"

Völlig überraschend behauptet Guttenberg, der zurücktreten musste, weil er sich seinen Doktortitel erschlichen hatte, dass er ohnehin aus der Politik ausgestiegen wäre. "Auch wenn mir das heute kein Mensch glaubt: Ich wäre mit ziemlicher Sicherheit Ende der letzten Legislatur aus der Politik ausgeschieden. Wenn man feststellt, dass einem die Politik die geistige Unabhängigkeit und Kreativität raubt, gilt es aufzuhören. Das war bei mir 2011, als ich das Amt als Verteidigungsminister niederlegte, noch nicht der Fall. Eine Ahnung von diesem Leben im Hamsterrad hatte ich freilich schon damals."

Hinreichend abschreckende Wirkung schien das "Hamsterrad" damals in der Tat nicht gehabt zu haben. Acht Monate nach seinem Rücktritt legte Guttenberg den Interviewband "Vorerst gescheitert" vor, der eine Welle der Empörung auslöste, weil der Gescheiterte darin viele wohlfeile Ratschläge an seine noch aktiven Kollegen erteilte. Politische Beobachter werteten den Band als eine Art Stimmungstest, mit dem Guttenberg seine Chancen für ein mögliches Comeback habe ausloten wollen - was Guttenberg heute bestreitet: "Es wäre nachgerade absurd gewesen, nach ein paar Monaten in Amerika bereits wieder in die Politik zurückkehren zu wollen." Immerhin räumt er ein, dass ihm damals die Distanz zu den Berliner Geschehnissen gefehlt habe. Im Rückblick hält er das ganze Buch für verunglückt. "Ich würde heute gänzlich die Klappe halten."

"Intellektuell belastbarere Sätze"

Über seine aktuelle Beziehung zur Berliner Spitzenpolitik sagt er, der Kontakt zu Bundeskanzlerin Angela Merkel sei "ungebrochen". Über seinen Parteichef Horst Seehofer - Guttenberg ist nach wie vor Mitglied der CSU - äußert sich Guttenberg nicht. Der Journalist der Aargauer Zeitung konfrontiert ihn damit, dass Seehofer ihn nach dem Fall in einem "Spiegel"-Interview als "Glühwürmchen" bezeichnet hatte. Guttenbergs Antwort: "Es gibt Äußerungen, die liebevoll sind, und solche, die das Gegenteil sind. Auf diesem Niveau zu reagieren, würde doch von zu großer Dünnhäutigkeit zeugen." Einen Kommentar zum aktuellen CSU-Slogan in der Einwanderungsdebatte ("Wer betrügt, der fliegt") kann sich der Adelige allerdings nicht verkneifen. Es gäbe "intellektuell belastbarere Sätze", bemerkt er trocken.

Interessant sind auch Guttenbergs Anmerkungen zur NSA-Affäre, immerhin berät er offiziell die Europäische Kommission in Sachen Internetfreiheit. Über den Whistleblower Edward Snowden sagt er: "Die Debatte, die er ermöglicht, hat offenbar sehr viel Scheinheiligkeit, sie ist aber doch auch notwendig. Wer sich darüber wundert, dass Geheimdienste auch verbündete Partner ausspionieren, verfügt über wenig Realitätssinn." Konzerne wie Google und Facebook hätten inzwischen jedoch weit mehr Macht als Geheimdienste der Regierungen: "Facebook hat weit über eine Milliarde Nutzer. Heute stehen vernünftige Leute an der Spitze von Facebook. Theoretisch aber kann das Unternehmen binnen einer Nanosekunde irgendwo auf der Welt einen Staatsstreich durchführen. Indem man etwa ein Gerücht streut - die angegriffene Regierung hätte gar nicht die Zeit, darauf rechtzeitig zu reagieren."

"Nach genauer Prüfung ..."

Die Frage, ob er nicht doch eines Tages wieder in die deutsche Politik zurückkehren wolle, lässt Guttenberg in dem Interview offen. Er lebt mittlerweile in den Vereinigten Staaten, berät nach eigenen Angaben größere Unternehmen und investiert in junge, aufstrebende Startups. Auf die Frage, ob sich aus seinen verschiedenen Rollen - Investor und Berater der öffentlichen Hand - nicht notwendig Interessenskonflikte ergäben, antwortet Guttenberg mit einem typischen Guttenberg: "Sollte es nach genauer Prüfung solche Konflikte geben, sehe ich von Investitionen ab." Na dann.

Mitarbeit: lk