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Guttenberg-Mania in Hamburg: Und alle so Yeah!

Der Baron hält Hof in Hamburg: Lange Sätze, keine Aussagen zu Kanzlergerüchten - und dennoch war das Publikum am Ende glücklich, einen gut gelaunten Karl-Theodor zu Guttenberg erlebt zu haben.

Ein Ortstermin von Niels Kruse, Hamburg

Zum Schluss herrschte im Spiegelsaal des Grand Elysee-Hotels eine Stimmung wie im Musikantenstadl, wenn Florian Silbereisen durch die Zuschauerreihen tänzelt und einem selbstvergessenen Publikum den letzten Rest Verzückung verpasst. Zugegeben, Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist nicht Florian Silbereisen, und sein Auftritt in Hamburg hatte auch nicht viel mit Samstagabendunterhaltung zu tun. Aber am Ende des einstündigen Besuchs bei einer Konferenz der Wochenzeitung "Zeit" ging trotzdem ein kurzes Raunen durch den Saal - einige der anwesenden Wissenschaftler, Militärs und Rüstungsindustriellen hatten ein "Yeah" auf den Lippen, was dem einen oder anderen sicher peinlich war.

Was war geschehen? Eigentlich nicht viel. Zu Guttenberg hat das getan, was er derzeit als seine Hauptaufgabe bezeichnet: Die Wehrpflicht abschaffen und den Menschen wieder und wieder erklären, warum. Dass es der Freiherr von der CSU geschafft hat, dieses Heiligtum der Unionsparteien innerhalb kürzester Zeit in die Geschichtsbücher der Bundesrepublik zu verbannen, hat ihm viel Respekt eingebracht. So viel Respekt, dass es seit Tagen heißt, er wolle, nein, er müsse bald Kanzler werden. Zum Beispiel wenn Amtsinhaberin Angela Merkel nach einer möglichen Wahlniederlage ihrer CDU im Baden-Württemberg den Stuhl räumen sollte.

Über allem schwebt die K-Frage

Alles Blödsinn, sagt zu Guttenberg selber. Das sei eine bizarre, absurde Diskussion. Er wolle kein Star sein, sondern seine Arbeit machen. Punkt. Aus. So wie hier in Hamburg, bei einer Konferenz zum Thema Internationale Sicherheitspolitik. Doch so leicht macht man es ihm natürlich nicht. Josef Joffe, Herausgeber der "Zeit" und Gastgeber dieses Abends, war offenbar sehr glücklich über den Besuch aus Berlin. Man müsse ihn gar nicht mehr vorstellen, sagte er diebisch erfreut und spielte auf die aktuelle "Spiegel"-Titelgeschichte über die zu Guttenbergs an.

Draußen, vor dem Hotel, versperrten derweil Dutzende Polizisten die Zufahrt und ein Grüppchen von linken Demonstranten skandierte Parolen gegen die im Saal versammelten Sicherheits- und Rüstungsexperten.

Drinnen stand der Verteidigungsminister und gab eine halbstündige Kostprobe seiner rhetorischen Fähigkeiten. Der Mann kann erstaunlich lange und komplizierte Schachtelsätze bauen. Die finden zwar irgendwann ein Ende, aber ihre Bedeutung bleibt im Verlauf umständlicher Passivkonstruktionen und Doppelverneinungen oft auf der Strecke. Er benutzt Wörter wie "Aufholraum" und die Mehrzahl von Triptychon (Triptycha). Und dazwischen immer wieder solche Perlen: "Glühende Wangen der Euphorie", sagte er an einer Stelle, "nackte Finger der Schuldzuweisung" an einer anderen.

Inhaltlich skizzierte er ein Bedrohungsszenario, das beim Terrorismus beginnt und bei Wasserknappheit endet. Unumwunden räumte zu Guttenberg ein, dass die Bundeswehr längst noch nicht über ein umfassendes Sicherheitskonzept verfügt. Es fehle etwa eine Perspektive bei den künftigen transpazifischen Verhältnissen, und mögliche Auseinandersetzungen per Computer und Internet seien ebenfalls offene Baustellen: "Der Cyberwar ist nicht nur Star Trek und Buck Rogers".

Ein Politiker, der selbstkritisch ist

Zu Guttenberg nimmt man ab, dass er Star Trek kennt. Vor allem aber nimmt man ihm diese unzerknirschte Selbstkritik ab, die vielleicht Masche sein mag, aber immer noch erfrischend wirkt bei einem Berufspolitiker. Der Grund, warum der Verteidigungsminister noch im Frühjahr an der Wehrpflicht festhalten wollte, aber kurz danach genau ins Gegenteil umschwenkte, lag nach seinen Worten daran, dass "ich mich nicht ausreichend mit dem Thema beschäftigt hatte." Zack. Einen solchen Satz würde man von seinem Parteichef Horst Seehofer, der gerne einmal seine Meinung ändert, wohl kaum hören.

Kurz vor Schluss goss der Minister sich und dem Moderator Joffe ungefragt Wasser ein. "Wenn Sie mich nun etwas Überraschendes fragen, bleibe ich fünf Minuten länger", sagte er seinem Gegenüber - wissend, dass nun wieder das Thema Kanzlerschaft kommen würde. Josef Joffe versuchte einen umständlichen Scherz und erntete einen typischen Guttenberg-Satz: "Wissen Sie", hob der an, "die Bundeswehrreform wird zu unglaublichen Umkehrschüben meiner Beliebtheitskurve führen." Sprachs, grinste - und machte das Publikum glücklich.