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Guttenberg vor dem Verteidigungsausschuss: Baron ohne Stil

Gorch-Fock, geöffnete Feldpost, tödlicher Schuss auf einen Hauptgefreiten: Verteidigungsminister Guttenberg peitscht der Wind ins Gesicht. Sein Aktionismus in eigener Sache ist dabei wenig hilfreich.

Ein Kommentar von Axel Vornbäumen

Die nachfolgenden Zeilen sind geklaut: Das Einhorn gilt als das edelste aller Fabeltiere. Ihm werden seit Jahrhunderten Wunderkräfte zugeschrieben wie die Erweckung von Toten. So gesehen ist Karl-Theodor zu Guttenberg das Einhorn der deutschen Politik. Ende des geistigen Diebstahls, gefunden auf dem Boulevard.

Bitte sehr! Wer solche Metaphern zu Füßen gelegt bekommt, hat der noch die Chance, nach irdischen Maßstäben beurteilt zu werden? Oder droht Karl-Theodor zu Guttenberg eine Art "Franz Beckenbauer der deutschen Politik" zu werden, Lichtgestalt mit der Lizenz zum Abheben?

Dies ist ein Versuch, die Maßstäbe zurecht zu rücken, inmitten des Orkans, der den Verteidigungsminister in dieser Woche umtost. Satte drei Stunden hat Guttenberg heute dem Verteidigungsausschuss Rede und Antwort stehen müssen - in Sachen Gorch Fock, in Sachen geöffneter Feldpostbriefe in Afghanistan und im Fall des tödlichen Kopfschuss auf einen Hauptgefreiten in Nordafghanistan. Hat er sich gut geschlagen? Stopp! Das darf nicht die Frage sein. Vor den Türen des unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagenden Ausschusses spielten sich auch heute Nachmittag wieder die üblichen Polit-Rituale ab. Die beherrscht der Minister, da kommt so schnell keiner an ihn ran.

Merkwürdiger Aktionismus

Doch es geht ja um mehr. Viel ist zusammen gekommen aus dem Riesenapparat Bundeswehr, das das Zeug hat, sich zu einem handfesten Skandal auszuweiten - wohlgemerkt: einzeln besehen. Erst aber die zeitliche Nähe, unter der die Ereignisse an die Öffentlichkeit kamen, haben in diesen Tagen das Potenzial, ein Zerrbild von der Bundeswehr entstehen zu lassen. Beim schnellen Hinsehen könnte der Eindruck entstehen, Guttenberg stehe einer Truppe vor, in der es drunter und drüber geht! So ist es aber nicht. Was da gerade alles bekannt wird ist, bis zum Beweis des Gegenteils, mehr Ausnahme denn Regel. Darauf hat auch der dem Verteidigungsminister nicht eben wohl gesonnene Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus, hingewiesen. Ein knappes Jahr lang hat er für seinen Mängelbericht recherchieren lassen. Tenor: Es gibt viel zu verbessern, aber die Substanz ist in Ordnung.

Es ist deshalb umso merkwürdiger, welch Aktionismus in diesen Tagen von Karl-Theodor zu Guttenberg ausgeht, angefangen von der nächtlichen Abberufung des Gorch-Fock-Kapitäns Norbert Schatz bis hin zu den Prüfaufträgen nach menschenunwürdigen Ritualen in der gesamten Truppe. Mit anderen Worten: Guttenberg, der selber davon redet, dass das "Mäandern der Vorwürfe" den Soldaten im Allgemeinen schade, verhält sich derzeit exakt so, als ob da der Grad an Verkommenheit in der Truppe weit größer sei als bisher bekannt. Guttenberg wirkt dabei eher wie ein Getriebener in eigener Sache, als jemand, der den Zustand der Bundeswehr im Sinn hat.

Für einen Minister, der gerade die einschneidendste Reform seit der Wiedervereinigung einleitet, ist das kein guter Stil. Das wenigste, dass Guttenberg dabei gebrauchen kann, ist der Eindruck, ihn interessiere es erst in zweiter Linie, was aus der Bundeswehr wird.