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Corona-Risikogebiet Hamburg Eine Stadt auf dem Weg zum Hotspot: "Ich glaube, dieses Jahr ist durch"

Das Schanzenviertel nach der Sperrstunde: Die letzten Überbleibsel einer kurzen Partynacht
Das Hamburger Schanzenviertel nach der Sperrstunde: die letzten Überbleibsel einer kurzen Partynacht
© Leonie Scheuble
Erweiterte Maskenpflicht, Begrenzung von Privatparties und Sperrstunde ab 23 Uhr: In Hamburg wurden vergangene Woche die Corona-Regeln verschärft. Seit Montag ist klar, die Maßnahmen kamen zu spät. Hamburg ist Corona-Risikogebiet. Auf Streifzug durch eine Stadt kurz bevor sie zum Hotspot wird.

Die Ampel steht auf Rot. Das, was in den letzten Tagen von allen befürchtet wurde, ist eingetreten: Seit Montag ist Hamburg offiziell Corona-Risikogebiet. Die Gesundheitsbehörde hatte am Vormittag mitgeteilt, dass die wichtige Warnstufe von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner überschritten wurde. Trotz aller getroffenen Vorsichtsmaßnahmen.

Dabei hatte der Senat die geltenden Corona-Regeln erst Freitagnachmittag nochmal verschärft: Die Maskenpflicht an stark besuchten öffentlichen Plätzen wurde teilweise auf den Schulunterricht ausgeweitet, öffentliche Veranstaltungen und private Feierlichkeiten wurden weiter begrenzt und ab Samstag wurde eine Sperrstunde in der Gastronomie sowie ein Alkoholverkaufsverbot erlassen. Angesichts der steigenden Zahlen hatte Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) auf der Pressekonferenz des Senats eindringlich an die Bürger appelliert, sich an die Regeln zu halten: "Es kommt jetzt auf uns alle an", ermahnte Tschentscher. An diesem Montag klingen die Worte des Bürgermeisters wichtiger denn je.

Drei Tage vorher sind noch viele Fragen unbeantwortet, die Leute sind unsicher, es gibt Kritik an den neuen Regeln. Ein Rückblick auf Hamburgs kurzen Weg zum Corona-Hotspot.

Hamburger Polizei: "Wir machen hier nicht die Regeln"

Es ist Freitag, der 16. Oktober, 13 Uhr. Pünktlich zur Mittagspause kommt die Sonne hinter den Wolken hervor. Auf dem Steindamm nahe des Hamburger Hauptbahnhofs herrscht reges Treiben. Umgeben von Leuten, die ihre Einkäufe erledigen, schlendern zwei Polizisten in Uniform den Bürgersteig entlang – kein ungewöhnliches Bild. Schließlich ist das Bahnhofsviertel St. Georg berüchtigt für seine Blaulicht-Einsätze. Doch heute haben die Polizisten einen Spezialauftrag: Sie kontrollieren die erweiterte Maskenpflicht, die seit Montag an mehreren öffentlichen Plätzen in der Stadt gilt, auch hier am Steindamm. Laut Holger Vehren, Referatsleiter der Polizeipressestelle Hamburg, ist es die Aufgabe der Polizei, in den ersten Tagen "zu informieren und zu ermahnen". Anstatt strenger Kontrolle werde man die Bürger und Bürgerinnen auf die neuen Regeln zunächst hinweisen.

Zwei Mädchen mit Schulrucksäcken kommen den Beamten entgegen. Die beiden tragen keinen Mundschutz und quatschen eifrig. "Einmal bitte die Masken auf", ermahnt einer der beiden Polizisten freundlich. Ein paar Schritte weiter unterhält sich ein älterer Herr mit Gehstock mit einem Gemüsehändler – beide tragen die Maske unterm Kinn. "Ab hier gilt jetzt Maskenpflicht", ruft der andere Polizist. "Da vorne hängen auch Schilder", fügt sein Kollege erklärend hinzu. Die Männer am Gemüsestand nicken beschwichtigend und ziehen die Masken über Mund und Nase.

Ein weißes DIN-A4 großes Schild weist auf die neue Maskenpflicht am Steindamm hin.
Ein weißes DIN-A4 großes Schild weist auf die neue Maskenpflicht am Hamburger Steindamm hin.
© Leonie Scheuble

Die Beamten gehen weiter. "Die meisten sind sehr entspannt und halten sich an die Regeln", sagt der Polizist, der die Mädchen gerade ermahnt hat. "Manche wissen es noch nicht, aber sind total einsichtig und holen sofort die Maske raus." Ärgerlich sei natürlich die Abgrenzung der Maskenpflicht-Bereiche mit Hausnummern. Laut der Anordnung des Senats gilt die Maskenpflicht "auf dem Steindamm im räumlichen Bereich von der Hausnummer 33 bis zum Steintorplatz, täglich von 12 Uhr bis 22 Uhr". "Sinnvoller wäre natürlich der ganze Steindamm", erklärt der zweite Polizist. "Aber wir machen hier schließlich nicht die Regeln." 

"Ich glaub gar nicht, dass jeder weiß, wann hier die Zeiten sind"

Später am Nachmittag, die Sonne verschwindet langsam wieder hinter den Wolken und es wird spürbar kälter. An den Landungsbrücken ist weniger los als in der Innenstadt. Ein paar Touristen sind zu Fuß unterwegs. "Die nächste Hafenrundfahrt beginnt in zehn Minuten." Die laute, tiefe Stimme gehört zu einem rundlichen Mann mit Kapitänsmütze und blauem Regenmantel, der versucht, noch ein paar Gäste an Bord zu holen. Eine Maske trägt er nicht.

Ein junger Mann, Anfang 20, schiebt einen E-Roller neben sich her. Der Freiberufler hat gerade seinen Kumpel von der Arbeit im Eiscafé an der Brücke 10 abgeholt. Die zwei tragen einen hellblauen Mundschutz. Namentlich genannt werden möchten beide nicht. "Ich glaub gar nicht, dass jeder weiß, wann hier die Zeiten sind", sagt der eine mit dem E-Roller. "Manchmal vergessen die Leute die Maske wahrscheinlich auch einfach." "Ja, das ging mir doch am Montag auch so", antwortet sein Freund, der Eis verkauft, und nickt bekräftigend. "Da wusste ich das einfach nicht und bin hier ohne lang. Da haben mich dann alle mit Maske angeguckt, als wäre ich so'n Krimineller." 

"23 Uhr Zapfenstreich bedeutet für uns die Hälfte des Umsatzes"

Es ist dunkel geworden. Am Alma-Wartenberg-Platz in Ottensen ist gegen 21 Uhr schon einiges los. Dass auch hier die erweiterte Maskenpflicht gilt, ist noch nicht bei allen angekommen. Die Szene-Bar "Aurel" ist seit dem frühen Abend gut besucht. Aus den Boxen dröhnen laute Beats, das Licht ist gedimmt, die Stimmung ausgelassen. Hinter den durchsichtigen Plastik-Trennwänden an der Bar bereiten zwei junge Barkeeperinnen einen Drink nach dem anderen zu. Wie immer zur Happy Hour sind Caipis besonders gefragt. Auch draußen vor der Bar sind alle Tische belegt. Immer wieder kommen neue Nachtschwärmer vorbei, setzen vor der Tür die Maske auf und wollen rein. Ein junger Mann mit schwarzem Mantel und hipper Schiebermütze steht an der Tür und weist die Leute freundlich darauf hin, dass drinnen alles voll sei. "Ihr könnt euch gerne mit 'nem Drink draußen irgendwo hinsetzen", sagt Fred, der eigentlich nicht Fred heißt und sich selbst als "Doorboy" bezeichnet. "Aber dann einmal hier bitte den Barcode scannen und registrieren."

Drei Polizisten in Uniform bleiben vor dem "Aurel" stehen. Sie sind hier, um Bescheid zu sagen, dass ab morgen die Sperrstunde gilt. Fred hat die schlechten Nachrichten schon aus der Pressekonferenz vom Nachmittag mitbekommen. Kaum sind die Beamten um die nächste Ecke, macht er seinem Ärger Luft: "23 Uhr Zapfenstreich bedeutet für uns die Hälfte des Umsatzes an so einem Freitag." Das Problem sei vor allem, dass jeden Tag etwas anderes gelte. Der Doorboy findet es schwierig, dass die Gastronomie "ein extrem außenwirksamer Buhmann für alle ist, die irgendeinen Aktionismus von der Politik erwarten." Dabei zeigen sich die meisten Gäste echt verständnisvoll. "In der Masse sind alle sehr devot und ziehen mit", sagt Fred. "Von 100 Leuten gibt's mal einen, der richtig querschießt und der kann sich dann auch verpissen."

"Weckt mich auf, wenn der ganze Scheiß hier vorbei ist"

Eine gute Stunde später im Hamburger Schanzenviertel. Vor dem "Haus 73" unterhalten sich ein paar Leute. Im Moment wird niemand mehr in die Bar reingelassen, denn drinnen ist es voll. Wo normalerweise dicht an dicht getrunken, gequatscht und zur späteren Stunde auch gerne getanzt wird, sind die Tische nun auseinandergeschoben. Trotzdem ist der weitläufige Raum bis auf den letzten Platz belegt. Ein DJ legt laute 90er-Mucke neben der Bar auf, bunte Lichter tanzen durch den Raum, die Leute unterhalten sich. Angesichts der drohenden Sperrstunde ist dem sonst gutgelaunten Barbetreiber Gerrit nicht zum Feiern zumute. "Man merkt schon, es ist so ein bisschen Katastrophenstimmung", sagt Gerrit. "Ich möchte den Leuten eine gute Zeit machen, das war schon immer mein Ziel", sagt der Barbesitzer. "Aber das ist im Moment wirklich nicht einfach!" 

Er verstehe es ja auch, dass es Regeln geben muss, wenn man sich die Fallzahlen anguckt. "Aber wir reißen uns hier echt den Arsch auf, versuchen neue Konzepte zu machen und natürlich kommt man sich dann irgendwann verarscht vor, wenn es von heute auf morgen heißt: Gastro zu." Was die Sperrstunde an drastischen finanziellen Einbußen für die Hamburger Bars bedeutet, erklärt der Betreiber in zwei Sätzen. "Wir machen normalerweise 80 Prozent unserer Umsätze am Freitag und Samstag", sagt Gerrit. "Davon machen wir aber 85 Prozent unseres Umsatzes zwischen 22.30 Uhr und dann 2 bis 3 Uhr nachts." Deswegen seien hier am Schulterblatt natürlich alle total verzweifelt: "Wir stehen hier vor den Trümmern unserer Existenzen."

"Ganz ehrlich, ich hätte gerne einige Leute aus dem Schoß von Frau Merkel", sagt er. "Die sollen mir jeden Monat die Fixkosten für den Laden hier überweisen und dann sollen sie mich aufwecken, wenn der ganze Scheiß hier vorbei ist." Der DJ spielt "Bring it back, sing it back, sing it back to me". Draußen fährt ein Polizeiwagen mit Sirene und Blaulicht vorbei.

Hamburger Kiez: "Hier ist ja schon tote Hose"

Mittlerweile ist es kurz nach Mitternacht. Wenn man die Augen schließt, kann man auf der Großen Freiheit für einen kurzen Moment vergessen, dass es Corona gibt: Aus den Bars und Clubs wummert die Musik, Leute rufen durcheinander, es riecht nach der einzigartigen Kiezmischung aus Bier, Parfüm, Rauch und Urin. Doch sobald man die Augen wieder öffnet, fallen einem ungewöhnliche Dinge auf: Anstatt drinnen auf den Tischen zu tanzen, sitzen die Leute draußen an auseinandergestellten Bierbänken. Anstatt Shots auszuschenken, verteilen die Bedienungen Desinfektionsmittel. Anstatt dass sich ein Stripper im Polizeikostüm für einen Junggesellinnenabschied auszieht, gehen mehrere Polizisten durch die Straße und ermahnen die Feiernden, die Masken anzuziehen.

Ein Schild an einer Bar am Hamburger Berg: "Hey Senat, so geht's nicht!" - barkombinat.
Eine Bar auf dem Hamburger Berg fordert: "Hey Senat, so geht's nicht!" - barkombinat.
© Leonie Scheuble

Zwei Parallelstraßen weiter liegt ein für Freitagabend vergleichsweise ruhiger "Hamburger Berg". Einige der Tanzbars sind geschlossen. In denen, die noch geöffnet haben, ist wenig los. Die meisten Leute sitzen mit Decken vor den Bars, rauchen, trinken Bier, einige spielen Karten. Weiter entfernt von dem Prä-Corona-Partytreiben könnte die Stimmung hier nicht sein. Vor der Bar "Blauer Peter" sitzen vier junge Männer, Ende 20, und überlegen, wie sie den Abend ausklingen lassen wollen. Aus der Bar hört man ein Ed-Sheeran-Mash-Up von "Shape of You".

Viel wird heute nicht mehr gehen, das ist den vieren bewusst. "Ist halt jetzt so", sagt Jonas. "Klar ist's blöd, wenn man feiern gehen will, aber man kann's halt auch verstehen mit den steigenden Zahlen." Alle sind sich einig: Das Problem sei vielmehr, dass die Regeln so unübersichtlich seien und die Grenzen verschwämmen. "Wenn man hier jetzt rumläuft, muss man 'ne Maske tragen und sobald man sich hinsetzt, dann auf einmal nicht mehr", Michael schüttelt den Kopf. "Das macht doch keinen Sinn." Die vier beschließen in Richtung Schanze weiterzuziehen. "Hier ist ja schon tote Hose", sagt Jonas.

Gespenstische Stimmung nach Hamburger Sperrstunde

Knapp 24 Stunden später. Es ist Samstag, 1 Uhr nachts. Seit zwei Stunden gilt die angekündigte Sperrstunde. Im gelblichen Licht der Straßenlaternen wirkt das Hamburger Schanzenviertel wie ausgestorben. Die Straßen sind menschenleer, die vielen Restaurants und Bars dunkel.

Im Schanzenviertel sind nach der Sperrstunde am Samstag die Tische hochgeklappt.
Im Hamburger Schanzenviertel sind nach der Sperrstunde am Samstag die Tische hochgeklappt.
© Leonie Scheuble

Der einzige Laden, in dem noch Licht brennt, ist ein Kiosk. Drinnen ist kein einziger Kunde. Der Besitzer, ein älterer Mann, tritt vor sein Geschäft und zündet sich eine Zigarette an. Die Maske trägt er unterm Kinn. Was er von der Sperrstunde halte? "Verbote bringen doch nichts", sagt der Mann und spuckt verächtlich auf den Boden. "Dann kaufen die Leute ihren Alkohol eben früher." Die neuen Regeln machen für ihn wenig Sinn, sagt der Kioskbetreiber, nimmt einen langen Zug von seiner Zigarette und bläst den Rauch in die kalte Luft. Wie die Barbesitzer macht auch er den größten Umsatz mit dem Verkauf von Alkohol nach 23 Uhr. Natürlich machen die Kioske jetzt enorme Verluste, sagt der Mann. "Heute war hier fast nichts los." Er drückt die Zigarette aus und verschwindet wieder in seinem Laden.

Auf der Schanze ist es jetzt gespenstisch ruhig. Eine Gruppe junger Leute biegt um die Ecke, sie warten auf ein Taxi. Rund 10.000 Menschen weniger waren laut Holger Vehren, von der Polizei Hamburg, am vergangenen Wochenende auf den Straßen unterwegs. Das sei aber nicht allein den verschärften Regeln zuzuordnen, sagt Vehren. Dabei spielen natürlich auch andere Faktoren, wie das zunehmend kältere Wetter, eine Rolle. Sowieso sei es aus Polizeisicht deutlich ruhiger im Vergleich zu den letzten Wochenenden. "Die Allermeisten haben sich an die Sperrstunde gehalten", sagt Vehren. "Von den mehr als 300 überprüften Örtlichkeiten – wie Restaurants, Bars, Clubs und Kioske – gab es nur eine geringe Anzahl an Verstößen." Der einzige größere Ausreißer war eine aufgelöste Party mit knapp 90 Personen in einem Club-Keller auf der Reeperbahn. Der Großteil der Gastronomen habe sich jedoch an die Sperrstunde gehalten, so Vehren.

Am Montag, den 19. Oktober, ist das für viele nur ein schwacher Trost. Die Nachricht der Hamburger Gesundheitsbehörde, dass die Infektionszahlen den kritischen Grenzwert überschritten haben, hängt wie eine graue Wolke über der Stadt. Wer noch die leise Hoffnung hatte, dass die strengen Maßnahmen bald wieder gelockert werden, wird nun enttäuscht sein. 

Der junge Eisverkäufer und sein Kumpel mit dem E-Roller haben das schon drei Tage vorher gewusst. Feiern gehen war für die beiden schon vor der angekündigten Sperrstunde keine Option mehr. "Wir haben's aufgegeben", seufzt der Eisverkäufer. "Wir sind echt weit weg von 'Wir gehen nochmal in 'ne Bar und verreisen'. Ich glaub, dieses Jahr ist durch", sagt sein Kumpel.


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