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Botschaft an Gesundheitsminister: "Völlig lächerlich" – Krankenschwester kritisiert Jens Spahn mit offenem Brief

Jens Spahn ist wegen seiner Aussagen über Hartz IV und das Werbeverbot für Abtreibungen heftig angegangen worden. Nun kritisiert ihn auch noch eine Krankenschwester mit einem offenen Brief.

Von Linda Göttner

Screenshot eines Bildes von Jana Langer, daneben ihr Brief an Jens Spahn

Was läuft falsch im deutschen Gesundheitssystem? Für die OP-Krankenschwester Jana Langer sind die Probleme schnell benannt. Die Bedingungen für Pflegekräfte und das deutsche Gesundheitssystem sind ihrer Meinung nach inzwischen untragbar. "Der Mensch ist die Ware und wird auch als solche behandelt" – so schreibt sie es in ihrem offenen Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn, den sie auf Facebook veröffentlichte.

Lange ist es her, dass ich meinem Unmut Luft machte. Heute war es wieder soweit...... bevor mir der Kragen platzt,...

Gepostet von Jana Langer am Sonntag, 25. März 2018

In dem Brief, der gerade vielfach beachtet wird, kritisiert sie unter anderem, dass dem Krankenhauspersonal vor allem Zeit fehle, sich ausreichend um die Patienten zu kümmern. Zudem erschwerten unterbezahlte Nachtschichten, das daraus resultierende eingeschränkte Familienleben und die Privatisierung von Pflegeeinrichtungen die Arbeitsbedingungen für das Personal, wie Langer im Gespräch mit dem stern erzählt.

Vor Jens Spahn bekam auch schon Angela Merkel Post

"Mein größter Wunsch ist es, dass das Gesundheitssystem in Deutschland wieder menschlich wird", sagt  . In ihrem Brief beschreibt sie das System als "menschenunwürdig", und im Gespräch mit dem stern legt sie nochmal nach und spricht sogar von "Fabrikhandel". Die Krankenschwester wendet sich nicht zum ersten Mal in einem persönlichen Brief an ein Mitglied der Regierung: Im vergangenen Jahr schrieb sie in derselben Angelegenheit an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Hierauf hätten die Politiker aber nur mit Floskeln reagiert. Die Arbeitsbelastung der Pflegekräfte erhöhte sich laut Langer anschließend sogar noch, und das Personal sei verringert worden.

"Ich bin ungeduldig"

Für die 46-Jährige war das Grund für einen erneuten Appell an die Politik: "Ich bin ungeduldig, weil ich hoffe, dass möglichst gestern etwas passiert wäre." Auslöser für den Brief an war dessen Auftritt bei "Hart aber Fair", in der er sich zur aktuellen Situation des Gesundheitssystems äußerte. Hier fokussierte er statt einer Verbesserung der Zugänge zu ärztlicher Versorgung und dem Ausgleich der Leistungen der gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen, die positiven Seiten der "Solidargemeinschaft" im Hinblick auf die Pflege. Langer stimme ihm zwar zu, dass in Deutschland ein hohes medizinisches Niveau herrsche, pflegetechnisch sei das Gesundheitssystem aber katastrophal.

Herzkatheter statt psychologischer Behandlung

"Herr Spahn hat hier einseitig gedacht", so Langer. In gebe es eine gute Ausbildung für medizinisches Personal und auch die Kliniken seien gut ausgestattet. Doch es dürfe nicht bei den Pflegekräften gespart werden, die tagtäglich die Patienten versorgen. Denn ohne das Pflegepersonal könne man den Erfolg des Gesundheitssystems nicht überprüfen. Außerdem achte man bei der Behandlung der Patientin nur auf den Gewinn, nicht aber auf die individuelle Effektivität für den Patienten selbst. Langer macht dies an einem Beispiel deutlich: Eine Bekannte wurde mit Bluthochdruck aufgrund einer Panikattacke ins Krankenhaus eingeliefert. Ihr wurde jedoch keine psychologische Behandlung, sondern ein Herzkatheter nahgelegt, weil dieser für das Krankenhaus besser abzurechnen sei.

Was bringt mir ein dickes Konto, wenn ich ein schlechtes Gewissen habe, weil ich die Patienten nicht ausreichend versorgen kann?

Daher fordert Langer jetzt umfassende Reformen: mehr Personal, mehr Anerkennung der Leistungen von Pflegekräften und vor allem mehr Zeit für die Patienten. Eine verbesserte Versorgung ist ihr wichtiger als mehr Gehalt: "Was bringt mir ein dickes Konto, wenn ich ein schlechtes Gewissen habe, weil ich die Patienten nicht ausreichend versorgen kann?" Weil in der letzten Legislaturperiode keine gewinnbringenden Reformen getätigt wurden, sieht Langer jetzt noch dringenderen Handlungsbedarf. Von Jens Spahn fordert sie den Mut, die Finanzierung des zu reformieren und damit auch die Pflegekräfte zu entlasten.

8000 neue Stellen? "Völlig lächerlich"

Das im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD veranschlagte Ziel, möglichst schnell 8000 neue Stellen für zu schaffen, ist für Langer nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein. Im Verhältnis zum Bedarf an Pflegepersonal in Deutschland sei dies völlig lächerlich und wäre höchstens für ihre Heimat Baden-Württemberg ausreichend. „Das ist Symptomdoktorei“, so die Krankenschwester.

Ich wünsche mir Reformen, statt einer persönlichen Antwort

Auf eine persönliche Antwort von Jens Spahn hofft Langer allerdings nicht. Letztlich gehe es ihr auch nicht darum, ihn als Person anzugreifen: "Ich wünsche mir Reformen, statt einer persönlichen Antwort." Ob und wie der Gesundheitsminister diese letztlich umsetzen wird, bleibt abzuwarten.

Screenshot eines Bildes von Jana Langer, daneben ihr Brief an Jens Spahn