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Jürgen Trittin: "Wir wollten einen anderen Staat"

Bundesumweltminister Jürgen Trittin über seine linke Vergangenheit, Göttinger Hausbesetzer und sein Verhältnis zu Gewalt. Aus stern Nr. 5/2001.

Herr Trittin, der Sohn des 1977 ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback wirft Ihnen vor, Sie sympathisierten noch heute mit dem sogenannten Mescalero-Brief, in dem ein anonymer Schreiber kurz nach der Tat seine "klammheimliche Freude" bekundete. Der Brief zirkulierte an der Göttinger Uni, wo sie als Aktivist linker Studentgruppen tätig waren. Haben Sie damals auch klammheimliche Freude empfunden?

Nein. Es ging mir damals nicht darum, den Inhalt zu legitimieren. Wogegen wir uns in Göttingen gewehrt haben, war das, was man damals den "Distanzierungsdruck" nannte, also den Druck des Staates, eine bestimmte und keine andere Position zum Terror der RAF einzunehmen. Das ging bis hin zu Berufsverboten und Lehrverboten für Professoren. Schon von der Sprache her war der Mescalero-Brief nicht unser Papier. Aber wir wollten erreichen, dass man auch darüber zumindest diskutieren kann. Er enthält übrigens am Ende eine klare Absage an die Gewalt. Da heißt es sinngemäß, der Weg zum Sozialismus dürfe nicht mit Leichen gepflastert sein.

Er ist über weite Strecken aber auch in der zynischen Sprache der Mörder geschrieben. Haben Sie ihn mitverfasst?

Ich habe diesen Brief nicht geschrieben. Ich habe seinerzeit nicht dem AStA angehört und auch nicht der Redaktion der Studentenzeitschrift, die diesen Brief veröffentlichte. Ich gehörte zu einer kleinen Gruppe von Studentenvertretern am Fachbereich Sozialwissenschaften, die gesagt hat: Diesem Druck des Staates ergeben wir uns nicht. Man muss solch einen Brief diskutieren können. Das habe ich auf einer Uni-Vollversammlung so gesagt. Ich musste mich dafür vom RCDS als Mörder beschimpfen lassen.

Ihnen wird jetzt vorgeworfen, Sie hätten sich vom Inhalt nie distanziert.

Rückblickend betrachtet haben wir damals versucht, auf eine vielleicht zu trotzköpfige Art die Meinungsfreiheit zu verteidigen. Das würde man heute mit Sicherheit so nicht mehr tun. Was wir damals nicht sehen wollten, war, dass unabhängig vom Inhalt allein die Sprache für die Angehörigen der Opfer unerträglich sein musste. Das war ein schwerer Fehler.

Dem Sohn von Herrn Buback reichte Ihre Antwort nicht.

Ich will mich in den nächsten Tagen mit ihm zusammensetzen und das besprechen. Dass er als Sohn, dem der Vater genommen wurde, den Mescalero-Brief unerträglich findet, kann ich sehr gut verstehen.

Mit Joschka Fischer steht bereits ein Vertreter der 68er in der Kritik, jetzt Sie - muss auch Ihre Generation jetzt so etwas wie Vergangenheitsbewältigung leisten?

1968 war ich 14 Jahre alt. Ich bin also kein 68er. Was meine Generation viel stärker geprägt hat, war, dass all die Hoffnungen, die wir mit dem Amtsantritt von Willy Brandt 1969 hatten, enttäuscht wurden. Brandt hatte gesagt: "Mehr Demokratie wagen". Aber ab 1973/74 begann die Ära Helmut Schmidt, mit dem Haarerlass bei der Bundeswehr, mit Berufsverboten. Wir hatten das Gefühl, es geht zurück in die verknöcherte Zeit der 60er Jahre, die wir doch gerade überwunden hatten. Dann kam der RAF-Terrorismus, auf den der Staat in einer ausgesprochen heftigen Weise reagiert hat. Dann die großen Anti-AKW-Demos in Brokdorf und Grohnde, wo der Staat und seine Gegner sich gegenseitig in einen Kreislauf der Gewalt hineingesteigert haben. Das waren meine prägenden Erfahrungen.

Wie erlebte der junge Jürgen Trittin diese Zeit in Göttingen?

Wir machten Erfahrungen mit akuter Wohnraumnot. In der Stadt fehlten 5000 Wohnungen, gleichzeitig standen auf dem Uni-Gelände riesige alte Klinikgebäude leer. Das war die Zeit, in der ich im AStA war. Damals haben wir diese Gebäude besetzt. Das war illegal, aber nicht militant, und auch nicht gewalttätig. Wir haben nicht mal die Türen aufgebrochen. Wir hatten uns Nachschlüssel besorgt. Wir haben eine ganze Reihe von Häusern freigekriegt, die später zu Studentenwohnheimen umgebaut wurden.

Wie standen Sie damals zum Thema Gewalt?

Die Frage stellte sich uns bei den Anti-Atom-Demos. Wir fragten uns, was passiert eigentlich, wenn in Grohnde 100000 nicht reichen, um das AKW zu verhindern? Sollen wir nächstes Mal mit 200000 kommen? Oder sollen wir statt nur mit Helm auch mit Wurfanker anrücken? Und was kommt danach?

Wie haben Sie diese Frage beantwortet?

Ich gehörte zu denen, die gesagt haben, das kann so nicht weitergehen. Ich war gewähltes AStA-Mitglied, Mitglied auf der Liste der Sympathisanten des Kommunistischen Bundes. Wir nannten uns »Liste Demokratischer Kampf«. Wir haben gesagt: Wir müssen uns an Wahlen beteiligen. Eine Räumung eines besetzten Hauses verhindern Sie nicht, indem Sie sich besonders gut ausrüsten. Die Räumung verhindern Sie, indem Sie ein politisches Klima schaffen, wo der Preis für die Verantwortlichen zu hoch wird, ein solches Haus zu räumen. Damit verbunden war der erklärte Grundsatz der Gewaltfreiheit. Das war eine ganz praktische Konsequenz, die wir aus dem Scheitern militanter Massendemonstrationen gezogen haben.

Haben Sie selbst jemals Gewalt angewendet?

Mir ist das immer fremd geblieben. Ich habe früher Handball gespielt, das ist durchaus ein körperbetonter Sport. Aber richtig auf einen losgehen? Vielleicht bin ich zu ängstlich, zu zurückhaltend, ich weiß es nicht. Aber ich konnte das nie.

Sie waren Mitglied im Kommunistischen Bund (KB). Das war doch nicht gerade ein Männergesangverein.

Nein, schon deswegen nicht, weil wir eine Frauenquote hatten.

Waren Sie ein Systemgegner?

Der KB hatte nie ein schriftlich fixiertes Programm. Er war unter den maoistischen Gruppen die am wenigsten maoistische, also am wenigsten Peking-treue. Wir kämpften gegen Berufsverbote und gegen Atomkraftwerke, für Meinungsfreiheit und für die Frauenemanzipation. Aber ich will das gar nicht verniedlichen: Wir wollten einen anderen Staat.

Wie wurde beim KB das Verhältnis zur Gewalt definiert?

Ich erinnere mich, dass der KB zum Beispiel die Entführung und Erschießung von Hanns Martin Schleyer scharf verurteilt hat. Aber ich gebe zu: Das war keine moralische Position, sondern eine instrumentelle. Wir sahen im Terrorismus einfach nicht das geeignete Mittel für unsere Ziele. Wir waren keine pazifistische Vereinigung.

Joschka Fischer berichtet, dass er von Polizisten grün und blau geprügelt worden ist. Erging es Ihnen auch so?

Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen nicht. In meiner Göttinger Zeit wurde ich nicht verhauen. Allerdings wurde mir während meiner Schulzeit - in den von Frau Merkel als so liberal beschriebenen sechziger Jahren - bei meiner zweiten Demonstration gegen Fahrpreiserhöhungen eine Tränengasgranate hinterhergeworfen. Als wehrloser Schüler sprinten Sie da ganz schön.

Haben die Bürger gewusst, wen sie 1998 mit den Grünen an die Macht gewählt haben?

Davon gehe ich aus. Auch die sich heute wie Herr Wulff von der CDU echauffieren, wussten es. Sie müssen sich nicht dümmer stellen, als sie schon immer waren.

Die Union fordert von den Grünen, ihr Verhältnis zur Gewalt zu klären.

Ich habe mich nicht wie Herr Merz mit Kumpeln gerühmt, die ins Schaufenster eines politischen Gegners einen Müllcontainer geworfen haben. Die Opposition versucht die Regierung auseinanderzutreiben, indem sie zentrale Figuren dieser Koalition persönlich angreift. Das ist schon bei Joschka Fischer gescheitert. Die Grünen sind die Partei, die sich 1980 mit dem Bekenntnis zur Gewaltfreiheit gegründet hat. Deswegen hatten wir auch so große Probleme mit dem Kosovokrieg.

Als Umweltminister müssen Sie heute Castor-Transporte vertreten, die viele Atomgegner - auch gewaltsam - verhindern wollen. Wie geht das?

Es geht darum, dass wir aus Frankreich unseren Müll zurücknehmen müssen. Dazu sind wir völkerrechtlich verpflichtet. Ich kann nicht akzeptieren, dass wir unser Müllproblem anderen Ländern aufladen. Es ist politisch nicht gerechtfertigt, dagegen zu protestieren. Nicht per se jede Demo, jede Sitzblockade ist richtig. Da habe ich mit einigen in der Anti-AKW-Bewegung einen Dissens.

Interview: Tilman Gerwien und Lorenz Wolf-Doettinchem / print