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Jugendschutz Fehlanzeige: Facebook zeigt Enthauptungs-Video

Facebook will ein Video, in dem ein Mann langsam geköpft wird, nicht löschen. Das Video diene der öffentlichen Meinungsbildung. Jugendschützer sind entsetzt.

Von Marius Gerads

Das Video ist brutal. Ein am Boden liegender Mann wird von einer vermummten Person langsam mit einem kurzen und stumpfen Messer geköpft. Kurz zuvor blinzelt und redet der zum Tode verdammte Mann noch. Dann zielt die Kamera knapp eine Minute lang aus kurzer Distanz genau auf seinen Hals, während der Henker diesen abschneidet. Grauenhafte, lange Sekunden. Der Vermummte hält schließlich den abgetrennten Kopf ins Bild. Im Hintergrund sprechen Männer Arabisch, oft ist das Wort "Allah" zu hören.

Dieses insgesamt über drei Minuten lange Video kursiert seit Ende Juli auf Facebook und trägt den Namen "Terrorism in Syria", zu Deutsch, "Terrorismus in Syrien". Es wurde von einem Account namens "Namek Majawy" hochgeladen. Der Betreiber des Accounts ist nach eigenen Angaben ein Anhänger Assads und des syrischen-Militärs, er scheint außerdem für die Befreiung Palästinas zu kämpfen.

Mehr als 14.000 Kommentare

Das Video wurde bis jetzt mehr als 14.000 Mal kommentiert und über 6000 Mal geteilt, minütlich schauen sich mehr Menschen die grausame Szenerie an und verbreiten sie weiter im Netz. Unter den Kommentaren sind auffällig viele von Jugendlichen, für die es eine Art Mutprobe ist, sich dieses Video anzusehen. Es gibt keine Altersbeschränkung. Warum lässt Facebook das zu? Schließlich heißt es in den "Standards der Facebook-Gemeinschaft", dass all die Inhalte entfernt würden, wenn Facebook "ein echtes Risiko physischer Gewalt" wahrnehmen würde. Weiter heißt es dort: "Organisationen mit einem Strafregister an terroristischen oder gewalttätigen kriminellen Aktivitäten dürfen keine Präsenz auf unserer Webseite unterhalten."

Auf Meldungen von Nutzern reagiert Facebook relativ schnell. In der Antwort heißt es, dass Facebook das Video geprüft und festgestellt habe, dass es nicht gegen die Facebook-internen "Gemeinschaftsstandards zu drastischer Gewalt verstößt". Es kursiert deshalb weiterhin im Netz, jeder kann es ansehen.

Fragwürdige Willkür

Auf Nachfrage von stern.de rechtfertigte Facebook die Entscheidung damit, "dass die Menschen ein Recht darauf haben, die Welt, in der wir leben, zu beschreiben, darzustellen und zu kommentieren. Genauso wie in anderen Medien verstörende Bilder von Gräueltaten zu sehen sind, glauben wir, dass Facebook ein Ort sein muss, an dem es möglich ist, auf Missstände auch mit Hilfe von drastischen oder verstörenden Inhalten aufmerksam zu machen. Auf diese Weise wird die Voraussetzung für gesellschaftliche Diskurse geschaffen."

Das stimmt aber nicht ganz. Denn es kann nicht genau gesagt werden, wo und wann dieses Video entstanden ist. Welche Wirklichkeit es abbildet, bleibt offen. Und die Facebook-User nutzen es offensichtlich nicht zur politischen Meinungsbildung, von einem "gesellschaftlichen Diskurs" auf der Seite des Videos, etwa über einen Syrieneinsatz, kann keine Rede sein. Die Nutzer sehen es offensichtlich als bloßen Test ihrer Standhaftigkeit. Ein echter Schocker zum Hingaffen.

Nach deutschem Recht nicht zulässig

Vertreter der Jugendschutz-Organisation jugendschutz.net kritisieren gegenüber stern.de die Haltung von Facebook. "Ein solcher Umgang mit jugendgefährdenden Inhalten ist aus unserer Sicht hoch problematisch, zumal aktuelle Studien zeigen, dass Facebook inzwischen auch bei Kindern zwischen sechs und 13 Jahren die beliebteste Website ist", sagt Murat Özkilic, Sprecher von jugendschutz.net. Zwar müsse man immer Jugendschutz gegen den freien Zugang zu Informationen abwägen, allerdings ginge dieses Video zu weit. Es werde schließlich nicht redaktionell kommentiert oder in einen konkreten Zusammenhang gestellt.

Nach deutschem Recht dürfte das Video gar nicht auf Facebook verbreitet werden, die Juristen von jugendschutz.net stufen das Video gemäß des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags als unzulässig ein. Allerdings unterliegt Facebook als US-amerikanische Firma mit europäischen Servern in Irland nicht der deutschen Justiz. Jugendschützer sind daher auf die Zusammenarbeit der Social-Media-Firmen angewiesen und können nur an deren guten Willen appellieren, wenn sie dort Verstöße gegen den Jugendschutz feststellen.

Wie in einem ähnlichen Fall im vergangenen April. Bei Facebook wurde ein Video hochgeladen, in dem zu sehen war, wie eine Frau enthauptet wurde. Auch damals meldeten viele User den Clip, auch damals verwies Facebook auf die öffentliche Meinungsbildung. Erst auf massiven Druck von Usern, Jugendschützen und Medien löschte das Unternehmen das Video.