Juso-Bundeskongress Die junge Linke und die SPD

Auf ihrem heute beginnenden dreitägigen Bundeskongress wählt die Jugendorganisation der SPD in Wolfsburg eine neue Führungsspitze. Bisher einzige Kandidatin für den Juso-Bundesvorsitz ist Franziska Drohsel. Sie wünscht sich eine "linkere und sozialere" SPD.
Von Marcus Müller

Es hörte sich fast so an, als hätte sie sich erschrocken. Vor einer Woche fragte ein Moderator des Berliner Senders "Radio Eins" Franziska Drohsel, was sie wohl in zehn Jahren in der Politik sein werde: Generalsekretärin der SPD, Ministerin, langsam auf dem Weg ins Kanzleramt gar? Drohsel antwortete so, wie es ein Profi-Politiker nie getan hätte - dass sie nämlich erst ihre Doktorarbeit abschließen, dann das zweite juristische Staatsexamen ablegen und schließlich im "juristischen Bereich" politisch aktiv werden wolle. Nicht mal einen Anflug von Selbst-Empfehlung für höhere Weihen gönnte sich Drohsel: "Man kann durchaus auch als Anwältin für die linke Sache aktiv sein."

Sie weiß, wie das Geschäft läuft

So klingt es oft, wenn die 27-Jährige gebürtige Berlinerin sich zu ihren weiteren Zielen in der Politik äußern soll. Zurzeit ist Drohsel eben Promotionsstudentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität. Sie sehe die Politik "rein gar nicht" als Berufsweg, sagte sie kürzlich am Rande des SPD-Parteitags in Hamburg. Und doch hat sie auch dort kräftig mitgemischt, Reden gehalten, Kontakte geknüpft. Sie weiß, wie das Geschäft läuft, auch wenn es nicht so bald ihren Lebensunterhalt sichern soll. Denn Drohsel ist trotz ihrer erst 27 Jahre schon länger als eine Dekade im Polit-Geschäft.

Als 15-Jährige protestierte sie gegen die französischen Atomtests auf dem Mururoa-Atoll und wurde bei den Jusos aktiv. Sechs Jahre später trat sie auch der SPD bei und seit März 2006 ist sie Juso-Chefin in Berlin. Dennoch ist ihr Zögern beim Streben nach den ganz großen Ämtern wohl trotzdem kein Kokettieren mit der Ferne zum etablierten Politikbetrieb. Ihr geht es um die Sache, das betont sie immer wieder. Und diese Sache liegt für die Kreuzbergerin deutlich weiter links, als es die Mutterpartei erlaubt.

Sie geißelt "Privatisierungswahn"

Die "vorsichtigen Aufbruchsignale nach links" beim SPD-Parteitag in Hamburg begrüßte sie, obwohl an der Basis ein noch "linkerer und sozialerer Kurs" gewünscht werde, sagt sie. Fast schon nach dem klassischen Stallgeruch der Arbeiterbewegung klingt es, wenn sie in ihrem Bewerbungsbrief für den Juso-Bundesvorsitz die "Beschäftigung mit der sozialen Frage" zu einem ihrer Hauptanliegen erklärt. Sie beklagt Armut, Arbeitslosigkeit und Niedriglöhne, die einen "reichen Industriestaat beschämen" und geißelt "Privatisierungswahn" bei kommunalen Wohnungsbaugesellschaften und "aggressive neoliberale Kritik an den angeblich ausufernden Staatsaufgaben".

Ihr offenes Bekenntnis zur Mitgliedschaft in der "Roten Hilfe" ist da kaum verwunderlich. Zwar steht das - wie die Verdi-Mitgliedschaft - nicht mehr im offiziell von den Jusos verschickten Lebenslauf von Drohsel. Doch die Unterstützung des vom Verfassungsschutz beobachteten extrem linken Solidaritätsvereins für "politisch Verfolgte" steht freimütig auf der Internetseite der Berliner SPD.

Experimentierfeld fürs Strippenziehen

Falsch ist Drohsel mit ihren deutlich linkeren Anliegen bei den Jusos ohnehin nicht. Die rund 78.000 Mitglieder zählende Organisation versteht sich seit Jahren als "sozialistischer und feministischer Richtungsverband" innerhalb der SPD. Der nach mehr als drei Jahren scheidende Björn Böhning und die früheren Vorsitzenden Niels Annen und Andrea Nahles zählen heute zu den prominenteren Parteilinken. Wie einst für die "rote Heidi", die heutige Bundes-Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, oder Altkanzler Gerhard Schröder waren die linken Jusos auch ihr Experimentierfeld fürs Strippenziehen.

Drohsel kann und will das letztlich auch, nennt es nur noch etwas umständlicher. Im Kampf für ein linkes Profil der SPD gehe es darum, "gesellschaftlichen Druck auf breiter Basis zu organisieren", schreibt sie in ihrem Bewerbungsbrief. "Dafür müssen wir den Austausch mit progressiven Akteurinnen und Akteuren aus anderen gesellschaftlichen Spektren suchen und uns wieder in den Debatten und Strukturen außerhalb der Partei verankern." Soll heißen: Die Jusos müssen sich stärker Globalisierungskritikern und antifaschistischen Gruppen öffnen.

Rechtsextreme bedrohten Auftritte

Neben diesen im Soziologen-Deutsch daherkommenden Äußerungen zur zukünftigen Strategie der Jusos nennt Drohsel den Kampf gegen den Rechtsextremismus als weiteres Anliegen. Dies auch aus eigener Erfahrung: Im Wahlkampf um das Berliner Abgeordnetenhaus im vergangenen Jahr bedrohten Rechtsextreme die Auftritte von SPD, Grünen und Linkspartei. Doch auch angesichts der Glatzen organisierte Drohsel weiter Veranstaltungen und ließ sich nicht einschüchtern.

SPD-Parteichef Kurt Beck wird am Samstag kurz nach der Wahl zum Juso-Vorsitz in Wolfsburg reden. Es gilt als sicher, dass er es in den kommenden Jahren mit Franziska Drohsel als Bundes-Ober-Juso zu tun haben wird. Sie hat bisher keine Gegenkandidaten. Ob Beck bei seiner Suche nach einem linkeren Profil der SPD sämtliche Vorstellungen der Jusos gefallen werden, ist aber fraglich. Verhaltenen Applaus spendete Drohsel zwar für den neuen Kurs. Doch spätestens bei dem von ihr vorgeschlagenen "offenen Umgang" mit der Linkspartei dürften die Parteigrößen Bauchschmerzen bekommen.


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