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Kampf gegen IT-Kriminalität "Wir brauchen den Computerpolizisten"


Das Internet ist längst zum Schauplatz von Kriminalität geworden, Selbst große Konzerne sind verwundbar, wie die Angriffe von Wikileaks-Anhängern auf die Websites von Visa und Co. zeigen. Die Werthebach-Expertenkommission sieht Deutschland für den "Cyber-Krieg" schlecht gerüstet.
Von David Bedürftig, Berlin

Keine digital erstellten Grafiken, keine blinkenden Flachbildschirme: Fast schon altmodisch geht es in Berlin zu, als Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Dr. Eckart Werthebach den Bericht der Kommission "Evaluierung Sicherheitsbehörden" vorlegen. Gedruckte Informationsunterlagen werden ausgehändigt, Journalisten kritzeln mit altbewährten Schreibutensilien eifrig Notizen auf ihre Papierblöcke. Lediglich ein Laptop hier und ein iPhone dort erinnern an hochentwickelte Informationstechnik - als plötzlich das Wort "Cyber-Krieg" fällt.

De Maizière und Werthebach stellen Planungen für eine neue Sicherheitsarchitektur in Deutschland vor: Die beiden Polizeien des Bundes, Bundeskriminalamt (BKA) und Bundespolizei, sowie die Zollverwaltung sollen ihre Potenziale besser ausschöpfen. Dafür empfiehlt die Werthebach-Kommission, BKA und Bundespolizei zu einer neuen Polizei des Bundes zu vereinen. Mehr Sicherheit, stärkere Zusammenarbeit, weniger Paralleltätigkeiten erhofft man sich. Alles soll moderner werden. Die Kriminalitätsformen werden es schließlich auch.

So zum Beispiel die Informations- und Kommunikationskriminalität (IuK), der "Cyber-Krieg". Fälle mit Computerbetrug, Datenklau und -fälschung oder Computersabotage stiegen 2009 im Vergleich zum Vorjahr um 33% an, so der Werthebach-Bericht. Insgesamt waren es mehr als 50.000 Vergehen. Registrierte wohlgemerkt: Bei der Computer-Kriminalität muss man immer von einer erheblichen Dunkelziffer ausgehen. Die Zahlen und Grenzen verschwimmen, auch weil die Vergehen oft aus dem Ausland gesteuert werden. Der Bundesbürger bekommt ohnehin nur große Spionage- oder Virusattacken und medienwirksame Aktionen wie die Attacken von Wikileaks-Anhängern auf die Websites von Visa, Mastercard und Co. mit. Fortlaufend werden Technologien weiterentwickelt - zwangsläufig werden auch die IuK-Angriffe immer komplexer. Behörden und Kriminelle liefern sich einen Wettlauf um Abwehr und Attacke, den bislang die IT-Verbrecher gewinnen.

Es fehlt an allen Ecken und Enden

Was vermag die Polizei gegen Computer-Kriminalität zu unternehmen, Herr Minister? "Deutschland ist besser gegen Cyber-Attacken gerüstet als viele andere Länder in Europa", knurrt de Maizière. "Alles andere wird zu einem späteren Zeitpunkt zu bereden sein." In Wahrheit sind die deutschen Behörden zu schlecht ausgebildet und organisiert, um im digitalen Krieg ernsthaft Paroli bieten zu können. Generell gäbe es "keine gravierenden Sicherheitsmängel bei Bundeskriminalamt, Bundespolizei und Zoll", so der Kommissionsvorsitzende Dr. Werthebach. Im speziellen Fall der Computer-Kriminalität jedoch machen laut Kommissionsbericht "die derzeitigen Organisationsformen und der derzeitige Kräfteeinsatz aktuell und in Zukunft eine optimale Bekämpfung … nicht in hinlänglichem Maße" möglich. Klarer ausgedrückt: Es fehlt an allen Ecken und Enden. Erschreckend geringe Kenntnisse, planloses Vorgehen und eine nicht vorhandene behördenübergreifende Koordination sind nur einige der Problemfelder.

Was tun also? "Wir brauchen den Computerpolizisten", verlangt Dr. Werthebach. "Der Polizist der Zukunft hat eine PC-Maus in der Hand". Weg also mit dem Bild des knallharten Kommissars à la Schimanski oder des forschen Agenten im Stile James Bonds. Ein Computer-Kriminalist löst die Fälle von Morgen. Von Morgen? Viel zu spät kümmert sich die Politik um Abwehrmechanismen gegen die IuK-Kriminalität, die mittlerweile im besagten Wettlauf mit den Behörden einen meilenweiten Vorsprung hat.

Deutschland läuft die Zeit davon

Nun soll der Kommissionsbericht Abhilfe schaffen: "Die Ausbildung und Fortbildung der Mitarbeiter im Bereich der IT-Sicherheit steht an oberster Stelle", so Werthebach. Wichtig sei vor allem auch, dass das BKA und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) ihr Kompetenzgerangel aufgeben und behördenübergreifend arbeiten. Hierfür schlägt der Werthebach-Bericht vor, ein Strategiezentrum "Sicherheit und IT" einzurichten, in dem Kompetenzen gebündelt werden. BKA und BSI sollen es in Kooperation aufbauen und leiten. Auch eine bessere personelle Ausstattung und sogar eine IT-Fachlaufbahn bei der Polizei empfiehlt die Kommission.

Welche der Vorschläge die Politik letztendlich umsetzt, bleibt abzuwarten. Thomas de Maizière sieht Deutschland schließlich gut gewappnet im Zeitalter der digitalen Kriege. "Das Ministerium wird nun den Bericht prüfen. Politische Grundentscheidungen sind dann im Frühjahr zu erwarten", teilt der Bundesinnenminister mit. Klar ist: Je mehr Zeit vergeht, desto komplexer werden Internet und Informationstechnologien - und damit unabwendbar auch die Methoden der Computer-Kriminellen.


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