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Kandidatenkür der Union: Die pfirsichfarbene Merkel überstrahlt die Alphamännchen

Es war der große Tag der Angela Merkel. Ausgerechnet Edmund Stoiber, der ewige Konkurrent und einstige Frühstücks-Genosse, durfte sie zur Kanzlerkandidatin küren. Eindrücke von einem denkwürdigen Ereignis in der Berliner CDU-Zentrale.

Von Florian Güßgen

Es ist der Tag, an dem CDU und CSU Angela Merkel zur Kanzlerkandidatin der Union küren. Es ist gerammelt voll an diesem Montagmittag im Lichthof des Konrad-Adenauer-Hauses. Alle warten gespannt, bis die gemeinsame Sitzung der Parteipräsidien vorbei ist. Vorne, vor dem Podium, auf dem jeweils ein Sprechpult für den CSU-Chef und eines für die CDU-Chefin postiert ist, sitzen die Journalisten, dann haben die Fernsehteams eine Lage Kameras aufgestellt, hinter dieser Schicht kommen wieder Journalisten und CDU-Mitarbeiter, dahinter wiederum Fernseh-Teams mit Moderatoren. Ganz hinten im Foyer, bei den Bistro-Tischen steht Roland Koch. Er plaudert mit Journalisten.

Die Alpha-Männchen sind besiegt und angezählt

Oben, auf der Treppe, auf den Emporen im ersten und zweiten Stock des Hauses, stehen Mitarbeiter der CDU. Sie lugen herunter auf den Hof. Es ist, als ob alle auf einen Boxring starren würden, in dem der Ringrichter gleich den Sieger verkünden wird. Merkel ist eine doppelte Siegerin an diesem Tag. Den ewigen Rivalen, Edmund Stoiber, hat sie nach Punkten klar besiegt, und Gerhard Schröder, das zweite Alpha-Männchen, das ihr noch ernsthaft gefährlich werden kann, hängt angezählt in den Seilen. Eigentlich fehlt nur noch, dass sie zu Merkels Einzug "The Final Countdown" von den Dauerwellen-Rocker Europe spielen - so wie sie im NRW-Wahlkampf. "Kommt, wir singen was an diesem welthistorischen Tag", scherzt ein junger CDU-Mann im dunklen Anzug. Sie könnten Brüllen vor Freude. Alle miteinander.

Merkel strahlt pfirsichfarben

The Final Countdown. Auch die Hauptpersonen halten sich an diesem Tage genau an die Choreografie des Sieges. Um 13.03 Uhr betreten Edmund Stoiber und Angela Merkel den Lichthof. Merkel strahlt, im pfirsichfarbenen Anzug und sonnig-blondiert, und auch Edmund Stoiber strahlt so gut er eben kann. Die Mitarbeiter klatschen Beifall. Minutenlang. Es ist, als zelebrierten sie den Wahlsieg.

Merkel schwebt auf das Podium, verschwebt sich sogar, weil sie sich aus Versehen an das CSU-Pult stellt. Aber hach, heute ist das doch auch egal. Sie lacht Stoiber an, sie wechseln Standorte, und lachen - CDU? CSU? Egal, heute sind wir alle Unionisten, wollen sie sagen. Entspannt-schelmisch lugt Merkel ins Publikum - so, als wollte sie sagen: Hihi, da ist mir aber ein großer Streich geglückt, oder? Hihi.

Ostdeutsche Protestantin als Kandidatin

Ein gewaltiger Streich. Seit 10 Uhr haben die Präsidien von CDU und CSU in der CDU-Zentrale in der Klingelhöfer Straße getagt, aber schon einer knappen Stunde ist jene Nachricht nach außen gedrungen, die ohnehin niemanden mehr überrascht hat. Merkel, so hieß es, hat es nun auch offiziell geschafft, sie, die ostdeutsche Protestantin, wird die Union in den Wahlkampf führen, sie wird, so die Partei die Umfrage-Ergebnisse halten kann, mit einer mächtigen schwarz-gelben Koalition im Rücken ins Kanzleramt einziehen. Als erste Frau. Ein gewaltiger Streich. Hihi.

Vertauschte Rollen

Und nicht nur das. Ausgerechnet Edmund Stoiber, der Ex-Kandidat, der Dauerrivale, ist es, der Merkel an diesem Tag auf den Schild hebt. Vergessen, das Frühstück in Wolfratshausen, bei dem die Rollen noch vertauscht waren, bei dem sie ihm den Vortritt lassen musste. Vergessen auch Stoibers ewiges Gekeife aus dem tiefen Süden, gegen Merkel und ihren Westerwelle. An diesem Mittag schließt sich ein Kreis, auch zwischen Stoiber und Merkel. Er ist es, der zuerst spricht und sagt: "Die Präsidien von CDU und CSU haben heute Vormittag einmütig und einstimmig die Vorsitzende der CDU und die Fraktionsvorsitzende von CDU/CSU, Angela Merkel, zur Kanzlerkandidatin der Unionsparteien für die Bundestagswahl im Herbst diesen Jahres nominiert." Und er ist es, der an diesem Tag eine Krawatte trägt, in der auch ein pfirsichfarbener Stich aufzuleuchten scheint. Die Kleiderordnung bestimmt ab jetzt Frau Merkel. Die Parteisoldaten johlen, mit Handys und Palm-Tops knipsen sie Fotos.

Die Partei ist im Rausch

Die Partei ist wie im Rausch, scheint es. Fast hemmungslos feiert sie, so als ob Schröder und Rot-Grün nicht nur angezählt, sondern bereits ausgeknockt, k.o. wären. Die Umfragen beflügeln sie, die scheinbare Einheit von CDU und CSU, das Kanzleramt, dessen Türen schon offen zu sein scheinen. Wie will die Union das durchhalten, fragt man sich? Wie will sie diese Hochstimmung aufrecht erhalten bis zum Wahltag? Irgendwie, so scheint es, ist diese Hochstimmung echt, aber der Anlass noch nicht so passend.

Aber egal. Stoiber holt die Anwesenden ohnehin wieder zurück in die Wirklichkeit. Gewohnt langatmig ergeht er sich in der schlechten Verfassung des Landes und den Perspektiven einer unionsgeführten Regierung, rammt auch an diesem strahlenden Tag schon mal ein paar Pflöcke ein - wie den etwa, dass er, als CSU-Parteichef im Wahlkampf natürlich zu allen politischen Themen Stellung beziehen kann, wie Merkel. Einen Maulkorb, so die Botschaft, will sich der Bayer keinesfalls umbinden lassen.

Wolfratshausen ist so weit weg wie der Mond

Dann jedoch, am Schluss seiner Ansprache, übt Stoiber noch einmal den Treueschwur: "Frau Merkel, sie werden mich immer an ihrer Seite haben", sagt er. Einige Zuhörer lachen. So, wie Stoiber es sagt, klingt das Versprechen wie eine Drohung. Aber auch das schmälert Merkels Stimmung an diesem Tag nicht, vor allem weil Stoiber dann zum finalen Bekenntnis ansetzt. "Ich werde alles tun, damit sie die erste Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland werden," sagt er. Die Kür ist mit diesen Worten vollbracht. Der Konkurrent hat das Knie gebeugt, den Kopf gesenkt und den Treueschwur geleistet. Wolfratshausen ist in diesem Moment so weit weg wie der Mond.

"Ich will Deutschland dienen"

Wieder Beifall, wieder Gejohle. Dann spricht Merkel selbst. Sie wirkt wie jemand, der glücklich berauscht ist, im Höhenflug, und sich nach Kräften bemüht, ernst zu bleiben, sich die blendende Laune nicht anmerken zu lassen, nicht plötzlich in Kichern auszubrechen. Persönliche Worte gönnt sie sich nicht. Nichts zu ihrem persönlichen Triumph. Nein, sie stellt die Politik in der Vordergrund. Sie analysiert die marode Verfassung des Landes, verspricht einen Wahlkampf der Wahrheiten, in denen keine Patentrezepte für Probleme versprochen würden, für die es keine Patentrezepte gebe. Sie streift Europa, die Türkei, den Zusammenhalt in der Union. Alles, was man kennt. Sie formuliert mit bedacht, so, dass sich der strahlende aber waidwunde Stoiber keinesfalls vor den Kopf gestoßen fühlen kann. Am Schluss sagt sie. "Ich will Deutschland dienen. Deutschland kann es schaffen – und gemeinsam werden wir es schaffen."

Schabernack mit Journalisten

Ganz am Schluss dürfen an diesem Tag auch Journalisten Fragen an Merkel richten. Genau drei Stück. Lange, lange holt einer der Kollegen aus, sein Erkenntnisinteresse erschließt sich nicht sofort. Bei ihrer Antwort setzt Merkel ein ernstes Gesicht auf. "Ich kann mit einem klaren Ja antworten. Ich hoffe, sie erinnern sich noch an die Frage", sagt sie - blickt dem Frager ins Gesicht und lächelt. Ganz locker treibt sie Schabernack mit dem Journalisten. "Hat schon Format", murmelt ein beleibter Partei-Hintersasse bewundernd. "Hat schon Format." Hihi.