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Kanzler-Debatte um Karl-Theodor zu Guttenberg: Das Schmachten nach dem Franken-Obama

Ein Adeliger bezaubert Deutschland. Karl-Theodor zu Guttenberg wird Kanzler, mindestens, meinen viele. Sein Licht strahlt umso heller, je schwächer das restliche Polit-Personal agiert.

Eine Analyse von Frank Thomsen

Eine eiserne Regel der Politik besagt: Werde niemals zu früh für einen Posten gehandelt, das gibt deinen Gegnern nur Zeit, dich madig zu machen und später selbst den Posten zu besetzen. Doch gelten für Karl-Theodor zu Guttenberg überhaupt noch irgendwelche Regeln? Als Reserve-Kanzler der Union wird er schon seit Wochen gehandelt. In den vergangenen Tagen erreichte der Hype neue Höhen: Guttenberg, mutmaßten "FAZ" und "Bild", könnte schon im kommenden Jahr Angela Merkel ablösen, wenn die nach der zu erwartenden Wahlpleite in Baden-Württemberg nicht mehr zu halten sei. Am Montag setzt der "Spiegel" noch einen drauf und titelt: "Die fabelhaften Guttenbergs. Paarlauf ins Kanzleramt".

Gemäß der eisernen Regel also wäre Guttenberg nun höchst gefährdet. Das Lob wäre vergiftet. Sogenannte Parteifreunde würden ihn so erledigen wollen, um später selbst zur Stelle zu sein. Aber glaubt das irgendjemand? Nein. Selten waren Personalspekulationen so einfach wie in diesem Fall: Karl-Theodor zu Guttenberg hat, wenn er in den kommenden Jahren keine gravierenden Fehler macht, Aussicht auf alle Top-Jobs, die es für einen CSU-Politiker nur geben kann: Parteichef, bayerischer Ministerpräsident, Kanzler. Dass das so ist, liegt an ihm – und am restlichen politischen Personal.

Er hat die Obama-Masche drauf

Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg - ein Adliger bezaubert Deutschland. Wer ihn erlebt, versteht warum. Er tritt sicher auf. Er kann frei und unterhaltsam reden. Er hat dieses typisch Altreiche: Man hat Geld, man protzt aber nicht damit, sondern gibt sich anständig. Politisch hat er die Obama-Masche drauf: Ich bin anders als die Politmaschine, ich lasse mich von deren Dreck nicht beschmutzen. Ob das echt ist oder nur ein Trick, wird nicht ganz klar. Dem Publikum ist es egal, das Volk liebt den Adeligen. Die Umfragewerte sind eine Sensation.

In seinem Amt als Verteidigungsminister hat er zudem etwas getan, was für Politiker nicht selbstverständlich ist: Er hat angepackt. Guttenberg hat die Probleme der Bundeswehr rasch benannt, und er hat mit der Aussetzung der Wehrpflicht eine der Grundlagen kraftvoll verändert. Das ist in Wahrheit keine Herkulestat. Jeder halbwegs politisch interessierte Deutsche weiß seit Jahren, dass die Bundeswehr reformiert werden muss und dass eine moderne Armee nichts mehr mit lustlosen 18-Jährigen anfangen kann. Aber obwohl das alle wussten, ist nie etwas geschehen.

Guttenberg strahlt auch deshalb so hell, weil es so finster um ihn herum ist. Sein Vorgänger als Verteidigungsminister hieß – na, wissen Sie es noch? (Franz Josef Jung) Kein Name, den man sich merken muss. Der Minister spielte ein paar Jahre Beamtenmikado, bloß nicht(s) bewegen. Wie soll man Respekt vor so einem Politiker haben?

Oder Guttenbergs wichtigster Konkurrent um den CSU-Vorsitz: Markus Söder, jahrelang das Sprachrohr Edmund Stoibers, heute bayerischer Gesundheitsminister. Ein Dampfplauderer.

Oder Horst Seehofer, einer der ausgefuchstesten Politiker Deutschlands. Einer, der auf jede Welle aufspringt. Ein Stimmungssurfer. Aber wie es mit Wellenreitern so ist: Sie mögen tolle Künste aufführen können, die Richtung bestimmen sie niemals selbst.

Oder die Merkel-CDU: Eine ganze Generation hat die Kanzlerin abgeräumt. Die nächste ist nicht in Sicht oder heißt Röttgen und Mißfelder, vielleicht noch eher David McAllister.

Der Weg ins Kanzleramt führt über Bayern

Guttenberg – der (Schein-)Riese unter Zwergen. Er darf nur keine Fehler machen. Für ein paar ist er durchaus anfällig. Er liebt den markigen Auftritt – dabei liegt man rasch mal daneben, wie er zu Beginn seiner Amtszeit als Verteidigungsminister erleben musste, als er sich gleich zwei Mal zu schnell festlegte, wie die tödlichen Luftschläge im afghanischen Kunduz zu bewerten seien. Das Ehepaar Guttenberg erscheint häufig, allzu häufig auf Events im ganzen Land – die Geschichte vom tollen Vater, der trotz Ministerstress Zeit für seine Kinder findet, wird dadurch nicht plausibler. Und Guttenberg wird nicht ewig zu den kritischen Themen des Landes schweigen können wie derzeit zu Stuttgart 21 und der Sarrazin-Debatte.

Meidet er die Fehler, wird das Schmachten nach dem Franken-Obama anhalten. Erlöst wird es so schnell wohl trotzdem nicht werden. Kaum anzunehmen, dass Merkel 2011 hinwirft, sehr unwahrscheinlich, dass sie jemand verdrängt. So könnte Guttenbergs Weg ins Kanzleramt über Bayern führen. Und durchaus noch Jahre dauern.

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