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Und jetzt ... Django Asül: Sägemehl in Seehofers Hirn

Es wird verdammt eng für Sarrazin, seitdem Steinbach die Polen und Seehofer die Türken beackert. Noch enger wird's nur für Seehofer selbst.

Eine satirische Analyse von Django Asül

Eigentlich wird es langsam Zeit für ein neues Buch. Jetzt sind es schon gefühlte zweieinhalb Tage, wo Thilo Sarrazin keine Schlagzeile mehr produzierte. Vielleicht ist er auch nur auf der Suche nach einer neuen Randgruppe, über die es bekannte Neuigkeiten zu verbreiten gibt in Kombination mit einigen schrägen Denkmodellen aus den Bereichen Genetik, Phonetik oder Motorik. Aber so leicht ist das nicht mehr angesichts der wachsenden Konkurrenz. Gerade das Ausland hat enorm aufgeholt. Das Thema Sinti und Roma ist bei Sarkozy gut aufgehoben. Und den Rest deckt mittlerweile der FPÖ-Mann Strache sehr solide ab. Auch aus deutschen Landen gibt es immer mehr Leute, die Sarrazins Aktionsradius einschränken. Die schwarzsprachigen Freunde wurden beim UNO-Gipfel von Angela Merkel in die Schranken gewiesen. Das deutsch-polnische Verhältnis ist sowieso bis zum Auseinanderbrechen der EU an Erika Steinbach verpachtet.

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Umso erfreulicher, wenn ein führender Unionsmann wie Horst Seehofer seinen Spaß an der Versachlichung heikler Angelegenheiten hat. Während andere Politiker sich meist ein opportunes Thema aussuchen und sich dann im Detailgestrüpp verlieren, ist der CSU-Boss ein engagierter Generalist. Es wäre ja auch mehr als peinlich, wenn ein Ministerpräsident des erfolgreichsten Bundeslandes nicht zu jedem Problem eine schnell umsetzbare Lösung hätte.

Damit will sich Seehofer von den Populisten unterscheiden und dem Volk aufzeigen, dass irgendwie ja doch alles miteinander zu tun hat und oft zu Zusammenhängen führt. Der Bürger ist ja nicht blöd, sondern will halt alles erklärt kriegen. Dann akzeptiert er sogar Deutsche statt Ausländer als Nachbarn oder womöglich gar eine Tieferlegung von Bahnhöfen, Gebirgsketten und Hemmschwellen. So die Botschaft von Seehofer. Politik ist eben wie das Bohren von dicken Brettern, die der Durchschnittspolitiker aus reinem Selbstschutz oft vor dem Kopf trägt. Und das ist einem Seehofer höchst zuwider.

Weshalb die politische Gegnerschaft schon munkelt, dass der oberste Bayer womöglich in seinen zerebralen Regionen als Hauptingredienz Sägemehl hat. Anders lasse sich die argumentative Flexibilität nicht erklären. Aber während der normale Politikapparat sich um sich selber dreht und von der Außenwelt emotional hermetisch abgeriegelt ist, will und muss ein Seehofer rein ins Getümmel. Und wenn die Gesellschaft in immer mehr Einzelgruppierungen zersplittert, darf man nicht jedes Seehofer-Statement als verbale Splittergranate auffassen.

Die Kreativität, die einem Sarrazin komplett abgeht (nicht umsonst bringt der Mann immer nur Zahlenspiele und Statistiken, aber nie Belletristisches oder gar Science Fiction), liegt einem Seehofer im Blut. Wo der Hobbygenetiker Sarrazin mit seinem Rassenlatein am Ende ist, holt der CSU-Liebling einfach mal die Rentner und Frauen aus der Versenkung. Was auch dem Zahlenfreak Sarrazin einleuchten wird. Wo die Rentner schon eher als mit 67 ins Privatleben ausscheiden sollen und die dadurch frei werdenden Stellen nicht nur an Fachkundige, sondern mittels Quote vor allem an Frauen vergeben werden sollen, stellt sich die Frage nach Zuwanderung automatisch nicht mehr.

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Das leuchtet ein. Und deshalb sind auch die Gerüchte um eine Ablösung von Seehofer durch Guttenberg bestenfalls für Klatschblätter druckwürdig. Selbst wenn Seehofer eines Tages kürzer treten wollte, müsste er von keinem Amt zurücktreten oder a la Stoiber zurückgetreten werden. Solange in Bayern intellektuelle Leuchtraketen wie Generalsekretär Dobrindt und Allroundminister Söder das Alltagsgeschäft locker aus dem Handgelenk lenken, kann ein Parteichef und Ministerpräsident seine Ämter mit gutem Gewissen als Halbtagsjob deklarieren.

Und Guttenberg kann schließlich nicht jedes Elend dieser Welt beseitigen. Es gibt ja keinen Job mehr, wo nicht der fränkische Adelsmann gehandelt wird. Als Nachfolger von Merkel und Seehofer sowieso. Aber jetzt auch noch Trainer auf Schalke, Geschäftsführer von Hochtief und Torjäger beim FC Bayern. Falls Merkel und Seehofer es satt haben, dauernd den Guttenberg-Atem im Genick zu verspüren, sollten sie die Erfolgsstrategie von Guttenberg übernehmen. In erster Linie müssten sie tagtäglich erklären, dass sie ja jederzeit aus der Politik aussteigen könnten und nicht davon abhängig sind.

Und natürlich müssten sie ihre Ehefrauen strategisch so sinnvoll platzieren wie es auch Karl-Theodor mit seiner Stephanie macht. Es müsste schon mit dem Teufel oder der FDP zugehen, wenn sich nicht auf RTL 2 oder im offenen Kanal ein vernünftiges Krawallformat für Frau Seehofer oder Herrn Sauer finden lassen würde. Frau Seehofer könnte zum Beispiel Populisten jagen. Und Herr Sauer könnte ihr Assistent sein. Das würde man den beiden auch glatt abnehmen, dass sie Populisten und Selbstdarsteller verabscheuen. So wie auch die Kanzlerin.

Wenn nicht gerade zufällig Länderspiel ist. Und sie zufällig mit ihrem Fotografen in die Spielerkabine eilt. Und zufällig einen nackten Özil knuddelt. Und der Fotograf zufällig abdrückt. Und die Fotos zufällig vom Bundespresseamt an die Boulevardpresse verschickt werden. Der DFB ist scheinbar die letzte Hoffnung der Kanzlerin. Was der Kanzlerin Özil, Schweinsteiger und Löw, ist dem Seehofer ein Kombinat aus Zuwanderer, Rentner und Frauen. Wer jetzt Volksnähe mit Populismus verwechselt, soll sich schämen. Oder Sarrazin ein brauchbares Thema vorschlagen.