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Superstar Guttenberg: 2011, 13, 17? Wie der Baron Kanzler wird

Er wird in den Medien bereits zum Kanzler hochgeschrieben. Doch wie realistisch sind die Spekulationen um Karl-Theodor zu Guttenberg? Vier Szenarien - und vier Bewertungen.

Von Hans Peter Schütz

Ginge es nach Sympathiewerten, wäre Angela Merkels Zukunft hoffnungslos. Karl-Theodor zu Guttenberg liegt weit vor ihr. Zusammen mit seiner Frau Stephanie gilt er als Traumbesetzung im Kanzleramt. Ihr Auftreten, ihre Kompetenz, ihr Glamour beflügeln die Phantasie der Menschen. Und der Medien.

Doch die Fantasie ist nur um den Preis einer großen Verdrängung zu haben. Denn die Frage, wie es um den Rückhalt von Merkel und Guttenberg bei den eigenen Wählern bestellt ist, liefert ein ganz anderes Ergebnis. Laut einer Forsa-Umfrage für stern erzielt die Kanzlerin unter den CDU/CSU-Anhänger eine Zustimmung von 80 Prozent. Der Verteidigungsminister "nur" 68 Prozent. Unter allen Befragten halten insgesamt 36 Prozent Guttenberg für kanzlerfähig, 44 Prozent allerdings nicht. Schlechtere Werte als Merkel erhält er vor allem bei Wählern unter 30 Jahren.

Wie realistisch sind also die Szenarien, die derzeit im politischen Berlin gehandelt werden? Darf Guttenberg auf eine baldige Inthronisierung hoffen? Oder ist das alles nur heiße Luft?

Szenario 1: Merkel muss Kanzleramt räumen

Szenario 1: Wird im März Stefan Mappus als CDU-Ministerpräsident in Baden-Württemberg gestürzt, kommt es auch in Berlin zum Umsturz, und Merkel muss das Kanzleramt für einen anderen Unionskanzler räumen - zum Beispiel für Karl-Theodor zu Guttenberg.

Bewertung: Ein besonders absurdes Planspiel. Zwar hat sich die Kanzlerin ohne jede Einschränkung hinter das Projekt Stuttgart 21 gestellt. Aber: Hätte sie das nicht getan, würde ihr sofort die größte Mitschuld zugeschoben, sollte Mappus nach 57 Jahren CDU-Herrschaft im Ländle scheitern. Richtig ist, dass das Regieren in Berlin nach einer Wahlniederlage in Baden-Württemberg noch schwieriger würde, weil der Koalition sechs weitere Stimmen im Bundesrat fehlten. Aber eine Mehrheit hat Schwarz-Gelb dort ohnehin nicht mehr. Merkel würde also im Amt bleiben und hätte bis zur nächsten Bundestagswahl 2013 noch genügend Zeit, für sich und ihre Koalition zu werben. Gerne übersehen wird auch, dass Merkel auf dem kommenden CDU-Bundesparteitag in Karlsruhe gewiss mit Aplomb wieder zur Parteichefin gekürt wird. Wie schwer es ist, einen amtierenden Kanzler und Parteivorsitzenden abzulösen, hat die CDU 1998 schmerzhaft erfahren, als sie Kohl durch Wolfgang Schäuble ersetzen wollte.

Szenario 2: Vorgezogene Neuwahlen

Szenario 2: Die Kanzlerin setzt, sollte die CDU eine Schlappe in Baden-Württemberg erleiden und Stimmverluste bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin kassieren, auf vorgezogene Neuwahlen. Dann stellt sie im Bundestag die Vertrauensfrage, verliert sie absichtlich und fordert vorzeitige Auflösung des Bundestages

Bewertung: Eine ausgeschlossene Variante. Gerhard Schröder hat sie praktiziert und das Glück gehabt, dass Bundespräsident Horst Köhler das nicht verfassungskonforme taktische Spiel mitgemacht hat. Sein Nachfolger Christian Wulff dürfte sich gegen eine solche Manipulation wehren und würde sich wahrscheinlich querlegen. Vor allem aber wird Merkels Koalitionspartner FDP nicht mitziehen. Nach derzeitigem Stand ihrer Umfragewerte drohte ihr bei vorgezogenen Neuwahlen das bundespolitische Aus.

Szenario 3: Führungsdiskussion, Merkel muss gehen

Szenario 3: Die Kanzlerin bleibt zunächst im Amt, aber die Abgeordneten von CDU, CSU und FDP fürchten aufgrund dauerhaft schlechter Umfragen um ihre Posten. Bei der FDP müssten, den aktuellen Werten zufolge, mindestens die Hälfte der Abgeordneten um ihren Sessel im Bundestag bangen, in der Union würden viele nach Hause gehen müssen, weil ihnen die wieder erstarkte SPD und die Grünen eine Reihe von Direktmandaten abjagen würden. Also zetteln sie im Bundestag eine Führungsdiskussion an, die auf Ablösung der Kanzlerin zielt.

Bewertung: Ebenfalls eine sehr luftige Spekulation. Ihr hat sich Merkels loyalster Mitstreiter bereits massiv in den Weg gestellt. Fraktionschef Volker Kauder erklärte vorbeugend: "Herr Guttenberg ist ein sehr guter Minister, aber Frau Merkel ist auch eine exzellente Kanzlerin." Hinzu kommt, dass die Kanzlerin auch an den anderen Schaltstellen der Macht ihre Getreuen platziert hat. Potentielle Konkurrenten wie Friedrich Merz oder Roland Koch hingegen hat sie von der politischen Szene vertrieben. Weder Ursula von der Leyen noch Norbert Röttgen gelten derzeit als kanzlerfähig. Die FDP dürfte kaum mitspielen, denn in dieser Situation würde sich auch unausweichlich die Frage stellen, wer Parteichef Guido Westerwelle ersetzen könnte. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle wäre nur eine Verlegenheitslösung, FDP-Generalsekretär Christian Lindner ist gerade mal gut 30 Jahre alt. Vor allem aber: Merkel ist in der Verteidigung der Macht immer noch weit geübter als Guttenberg bei der Organisation seines Aufstiegs. Merkel ist darin ebenso gewieft wie einst Helmut Kohl.

Szenario 4: Union verliert Bundestagswahl 2013

Szenario 4: Die CDU/CSU geht mit Merkel auch in die Bundestagswahl 2013. Verliert sie die Macht, ist sie aus dem Spiel. Dann hätte Guttenberg eine Chance, vier Jahre später als Kanzlerkandidat der Union antreten zu können.

Bewertung: Ein denkbares Szenario, allerdings mit vielen Unsicherheitsfaktoren, da sich Guttenberg über einige Jahre hinweg im politischen Geschäft bewähren und seine Popularitätswerte verteidigen müsste. Unklar ist vor allem, wie seine CSU-Laufbahn über diesen Zeitraum hinweg aussehen könnte. Bis heute ist Horst Seehofer entschlossen, die CSU auch 2013 in die Landtagswahl zu führen. Dass Guttenberg rasch nach dem CSU-Vorsitz greift, ist unwahrscheinlich, schließlich würde sich dadurch keine neue Karriereoption erschließen: Guttenberg erreicht erst 2011 das für den bayerischen Ministerpräsidenten vorgeschriebene Alter von 40 Jahren. Erfahrene Kenner der CSU-Welt wie Theo Waigel raten ihm zudem dringend, seine Kanzlerchance nicht über den Umweg der bayerischen Staatskanzlei zu suchen, sondern in Berlin zu bleiben. Größtmögliche Distanz zum Chaos-Regime Seehofers sei derzeit geboten, nur dann könne er unter den Parteianhängern in Bayern punkten. Guttenbergs Problem ist, dass ihm dort schon jetzt zu viel Sympathie entgegenschlägt: Nur ihm und nicht Seehofer traut die CSU zu, die Partei 2013 wieder auf wenigstens 50 Prozent zu hieven.

Übrigens, Guttenberg selbst sagt: Was unentwegt in den Medien über seine Zukunft spekuliert werde, sei "völliger Scheiß". Der Mann ist Realist.

P.S.: Halten Sie eines der Szenarien für realistisch? Diskutieren Sie mit auf der Facebook-Seite von stern.de.

  • Hans Peter Schütz