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Der CSU-Integrationsbeauftragte: "Ich bin der Türken-Martin"

CSU-Parteichef Seehofer diffamiert Menschen aus "fremden Kulturkreisen", Martin Neumeyer arbeitet mit ihnen. Er ist - kein Witz - der Integrationsbeauftragte der CSU. Heute trifft er seinen schwierigsten Klienten: Seehofer.

Von Sebastian Kemnitzer

Er ist von ganzem Herzen Niederbayer und ein großer Liebhaber der bayerischen Volksfestkultur. Er entstammt einer Gastwirtsfamilie, ist Anhänger von 1860 München und seit 38 Jahren CSU-Mitglied. Ein Erzkonservativer, sollte man meinen. Aber ganz so einfach ist es nicht: Martin Neumeyer ist seit zwei Jahren Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung. Einen Spitznamen hat er auch, und den verwendet er scherzhaft sogar selber: "Türken-Martin".

Der "Türken-Martin" also, der darf nun ausbaden, was sein Parteichef, Horst Seehofer, ihm eingebrockt hat. Er ist in der derselben furchtbaren Lage wie ein Zugschaffner, der nichts für den Ausfall der ICE-Klimaanlage kann, aber den ganzen Tag dafür angebellt wird. Was soll der CSU-Integrationsbeauftragte jetzt noch sagen, wenn er eine Moschee besucht? Seehofer dementieren? Geht nicht. Seehofer abschwächen? Unglaubwürdig.

Der CSU-Landtagsabgeordnete Martin Neumeyer trifft an diesem Mittwoch den bayerischen Ministerpräsidenten. Offiziell steht er loyal zu ihm. "Wir können einfach keine Zuwanderung mehr in die Sozialsysteme gebrauchen", sagt Neumeyer zu stern.de. Aber ein Zuwanderungs-Stopp? "Gerade in Bayern können wir jede Menge junger Menschen gebrauchen", sagt der Integrationsbeauftragte. Auch Muslime? "Natürlich, wenn sie uns nicht benutzen und sich integrieren wollen." Es gibt eine Menge zu bereden zwischen Seehofer und Neumeyer.

Etage zwischen Leberkäs und Döner

Neumeyer will und muss in den nächsten Wochen sowieso viel reden. Vor allem mit Muslimen. Um die Wogen zu glätten? Nicht zwangsläufig, sagt er. Natürlich hätten ihn empörte Zuschriften erreicht, doch insgesamt sei Bayern in Sachen Integration doch auf einem sehr guten Weg. Über 200 Veranstaltungen habe er in seiner Funktion als Integrationsbeauftragter absolviert, sagt Neumeyer stolz. "Ich setze dabei bewusst nicht auf das eine Hollywood-Vorzeigeobjekt" - eine tolle Initiative, eine Begnungsstätte oder dergleichen. Das wäre auch schwierig. Neumeyer hat einen Etat von 23.000 Euro pro Jahr. Er selbst arbeitet ehrenamtlich.

Neumeyer weiß - und das unterscheidet ihn von Seehofer -, dass seine Stärke die Glaubwürdigkeit ist. Die Menschen spüren: Hier sitzt einer, der sich wirklich für andere Kulturen interessiert, der kein Scharfmacher ist. Er nennt sich einen "Freund der Ausländer". Oder sagt über sein Arbeitsfeld: "Meine Etage ist zwischen Leberkäs und Döner."

Mit dem Essen kennt sich Neumeyer aus, jahrelang hat er mit seiner Ehefrau Maxi ein Restaurant geführt. Vor kurzem hat Neumeyer einen Kochkurs veranstaltet und Türkinnen die bayerische Küche näher gebracht: Es gab Rinderbraten und Spätzle. Aber, Stichwort "Integration", auch gefüllte Weinblätter und türkischen Salat.

Klartext in der Moschee

Der "Türken-Martin" integriert sogar den politischen Feind, was für CSU-Verhältnisse ungewöhnlich ist. Immer wieder trifft er sich mit dem Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), die beiden diskutieren über Integrationskonzepte, tauschen sich aus. "Der Buschkowsky ist nur so populär, weil er deutliche Worte spricht", schwärmt Neumeyer über die Fachkompetenz des Sozialdemokraten.

Deutliche Worte kann auch Neumeyer. Kürzlich, nach Sarrazin und vor Seehofer, sei er in einer Moschee gewesen. "Erst Tee, dann Palaver, und dann Klartext", erzählt er. Er habe den Menschen offen und ehrlich seine Meinung zu verschiedenen Themen gesagt, zum Beispiel zur doppelten Staatsbürgerschaft (die er natürlich ablehnt). "Ich möchte keine Schmäh, keinen Schwindel betreiben", sagt Neumeyer. Deswegen habe er in der Moschee provokativ gefragt: "Sind eure Kinder dümmer als die der Deutschen?" Die Menschen schüttelten den Kopf. "Ich habe gerufen: Dann übernehmt Verantwortung!"

Kommunales Islam-ABC für den Chef

Die Debatte am Mittwoch wird vielleicht noch spannender. Neumeyer trifft Seehofer erstmals nach dessen vielkritisierten Aussagen. Er wolle seinem Chef ohne Groll gegenübertreten, sagt Neumeyer. Es sei doch gut, wenn endlich offen und transparent über sein Thema gesprochen werde.

Diese Transparenz befördert Neumeyer auf seine Weise: Er wird Seehofer ein kommunales Islam-ABC vorstellen, in dem alle wichtigen Begriffe erklärt sind, von Burka bis Scharia. Mal schauen, ob sich Horst Seehofer darüber freuen kann.