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Integration Die Hausaufgaben des Thomas de Mazière


Sarrazins Thesen wühlen die Menschen auf, Innenminister de Mazière hat seinen Integrationsbericht vorgelegt, der Bundestag debattiert. Was ist zu tun? Zehn Vorschläge von stern.de.
Von Jennifer Lange

199 Seiten hat der Integrationsbericht der Bundesregierung, den Innenminister Thomas de Mazière vergangene Woche vorstellte. 9 Jahre hat es gedauert, das Werk abzufassen. 280 Experten waren daran beteiligt. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätten sich nicht mit Papierkram beschäftigt, sondern vor Ort mit angepackt. Denn nicht erst seit Thilo Sarrazins skandalösem Auftritt ist klar: Es läuft was schief in Deutschland. "Wir haben in Deutschland 20 Jahre Integrationspolitik verpasst", sagte Hans-Peter Meidinger, Chef des Deutschen Philologenverbandes, zu stern.de. "Heute sieht man, dass die zweite und dritte Generation schlechter integriert ist, als die erste."

Das kann und darf nicht so bleiben. Zehn Vorschläge für eine bessere Integrationspolitik.

1. Deutschkurse für Kinder - zwingend!

Diese Lektion haben mittlerweile alle gelernt: Ohne Kenntnis der deutschen Sprache wird das nichts mit der Integration. Und, natürlich - je früher, desto besser. Also: Deutschkurse an Kitas für Kinder mit Migrationshintergrund. Darauf weist auch der Integrationsbericht hin. Allein es fehlt ein wichtiges Wort: "verpflichtend." "Gutes Zureden hilft da nicht. Nur wenn am Ende des Monats 100 bis 200 Euro auf dem Konto fehlen, passiert etwas", sagt Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbands zu stern.de. Er würde, ebenso wie der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowksy beim Blick auf den Schulbesuch, einen Hebel über das Kindergeld anlegen. Das Problem: "Verpflichtend" wären die Deutschkurse für beide Seiten. Es müsste also auch Personal dafür zur Verfügung stehen. Und das kostet Geld. Davon hat der Innenminister bei der Vorstellung des Berichts nicht gesprochen.

2. Eltern in die Schule!

Eine OECD-Studie, die der Integrationsbericht zitiert, liefert eine klare Erkenntnis: Die Familie hat doppelt so viel Einfluss auf die Lesekompetenz, das mathematische und naturwissenschaftliche Können der Kinder wie der Unterricht an der Schule. Heißt: Ohne die Eltern geht nichts. Sie aber haben, vor allem wenn sie Migranten sind, Berührungsängste. Diese gilt es abzubauen. Wie? Der Integrationsbericht schlägt vor: Spielgruppen für Eltern und Kinder, Erziehungspartnerschaften zwischen Elternhaus und Kita, mehrsprachige Elternbriefe, Dolmetscher beim Elternabend oder aber Lerntagebücher - jeder Lehrer soll Woche für Woche die Erfolge und Misserfolge der Schüler aufschreiben und sich den Bericht von den Eltern unterzeichnen lassen. Ein aberwitziger bürokratischer Aufwand. Hans-Peter Meidinger, Chef des Philologenverbandes, hat die Eltern an seiner Schule mit weit geringerem Aufwand reingeholt: einer türkischen Projektwoche, inklusive Kochen, Tanzen und Kostümierung. Das war ein erster Schritt zur Integration - der Eltern.

3. Mehr Lehrer mit Migrationshintergrund!

Das war die große Überschrift, mit der Thomas de Mazière den Integrationsbericht garnierte: Deutschland braucht mehr Lehrer mit Migrationshintergrund. Um das Vertrauen ausländischer Eltern zu gewinnen. Um Schülern ein Vorbild zu liefern. Um Vorbehalte auf beiden Seiten abzubauen. Allein: Woher nehmen und nicht stehlen? Wie will de Mazière mehr Menschen mit Migrationshintergrund dazu bewegen, das Lehramtsstudium aufzunehmen? Tja. Derzeit liegt ihr Anteil in den Kollegien der Schulen bei mageren 1,2 Prozent, eine Änderung ist nicht in Sicht - mangels Absolventen. Der Bericht schlägt vor: Studienbotschafter, die den Schülern das Studium schmackhaft machen sollen, eine feste Quote, Bevorzugung von Studenten mit Migrationshintergrund bei Stiftungen oder Zweisprachigkeit als Einstellungsvoraussetzung. "Es ist eine schöne Forderung, aber auf die Schnelle unrealistisch", sagt Lehrerverbands-Präsident Josef Kraus.

4. Mehr Migranten zur Polizei und in die Behörden!

Sie sollen für Ordnung sorgen, können es aber nicht immer. "Die verfehlte Integrationspolitik wird seit Jahren auf dem Rücken der Polizei ausgetragen", sagt Konrad Freiberg, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei zu stern.de. Eine Lösung: Polizisten mit Migrationshintergrund. Sie können Konflikte mit Menschen ihres Kulturkreises besser lösen, Vertrauen aufbauen und sind, ebenso wie Lehrer mit Migrationshintergrund, positive Vorbilder. In Berlin, teilt das Polizeipräsidium stern.de mit, haben 15 Prozent der Bevölkerung Migrationshintergrund aber nur 2 Prozent der Polizisten. "Deshalb streben wir eine massive Erhöhung der entsprechenden Einstellungszahlen an und richten unsere Werbemaßnahmen in Zusammenarbeit mit den Migrantenverbänden darauf aus." Auch bei den Behörden fehlen - in den Kommunen, Land und Bund - Mitarbeiter mit Migrationshintergrund. Die Grünen fordern bereits eine Quote. Allerdings kann auch hier der Nachwuchs gar nicht so schnell ausgebildet werden, wie er gebraucht wird.

5. Lasst die Özils auflaufen!

Sport? Ist gut, weiß der Integrationsbericht. Verwendet aber nur ein paar Zeilen darauf, ohne dem Innenminister eine Empfehlung auszusprechen. Dabei hat der Sport, gerade im Verein, eine wichtige Doppelfunktion: Er gewöhnt Kinder daran, Regeln einzuhalten und fair miteinander umzugehen. Und er sorgt für Selbstbewusstsein und Erfolgserlebnisse. Nebenbei wird auch die deutsche Sprache eingeübt. Der Integrationsbericht nennt als positives Beispiel den Deutschen Olympischen Sportbund, der sich, vom Bund gefördert, aktiv bemüht, Migranten zu integrieren. "Wir bilden gerade viele Übungsleiter aus, damit sie besser mit Kindern mit Migrationshintergrund umgehen können. Dazu kann zum Beispiel gehören, bei Vereinsfesten kein Schweinefleisch anzubieten", sagt Heike Kübler, Vizechefin des Programms "Integration durch Sport" zu stern.de. 2008 rief die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer eine ständige Arbeitsgruppe zu dem Thema ein.

6. Steuert endlich die Zuwanderung!

Noch heute hat die CDU ein Problem damit, Deutschland als Einwanderungsland zu definieren. Obwohl Wirtschaftsverbände eine Zahl von 500.000 Einwanderern pro Jahr für notwendig halten. Warum also nicht endlich eine gezielte Zuwanderungspolitik betreiben, zum Beispiel mit einem Punktesystem, das sich an ökonomischen Interessen ausrichtet, Bildung, Beruf, Alter und Deutschkenntnisse bewertet? In vielen Ländern ist dies bereits Alltag - im Integrationsprogramm wird der Punkt nicht erwähnt. Nebeneffekt: Gut ausgebildete Einwanderer, die sich in der Mittelschicht ansiedeln, wären positive Vorbilder.

7. Dringt in die Parallelwelten ein!

Es gibt sie, die Stadtteile, in denen türkische Gemüsehändler neben türkischen Bäckern arbeiten, türkische Brautmoden verkauft und türkischer Tee serviert wird. Die Umgangssprache ist: Türkisch. Es besteht auch keine Notwendigkeit, eine andere Sprache zu erlernen, weil die die komplette soziale Infrastruktur auf türkische Migranten ausgerichtet ist. Das Bemühen, diesen Menschen die deutsche Sprache zu vermitteln, darf nicht nachlassen. Auch deshalb, um Parallelwelten in den Städten zu vermeiden. "Wer gut Deutsch spricht, zieht dort weg oder erst gar nicht hin", sagt Herbert Brücker, Migrationsexperte des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), zu stern.de.

8. Statt Zivildienst: Betreuung ausländischer Kinder!

Die Wehrpflicht wird ausgesetzt, das Pendant, also der Zivildienst, vermutlich in eine neue Form überführt. Schon jetzt ist es möglich, statt des Zivildienstes über einen längeren Zeitraum bei der Feuerwehr oder dem Technischen Hilfswerk (THW) zu arbeiten. Warum sollte nicht auch die Betreuung ausländischer Kinder ein adäquater Dienst an der Gemeinschaft sein? Hans-Peter Meidinger, Chef des Deutschen Philologenverbandes, schlägt vor, junge Leute könnten sich zum Beispiel fünf Jahre lang um jeweils drei Kinder kümmern. Ihre Aufgabe: beim Deutsch lernen helfen, mit Lehrern reden, motivieren, oder auch mal bei den Hausaufgaben über die Schulter gucken. Ein bundesweit aufgelegtes Programm mit solchen "Bildungsmentoren" hätte mehr Erfolg als vereinzelte Regionalprogramme.

9. Einbürgerung fördern!

Klar: Nur wer wählen kann, gleiche Rechte und Pflichten wie seine Mitbürger hat, einen deutschen Pass besitzt und sich Deutscher nennen kann, wird sich auch vollständig integrieren. Im Integrationsprogramm der Bundesregierung spielt dieser Punkt jedoch keine Rolle. Auch nicht eine schon vor zehn Jahren viel diskutierte Idee: die doppelte Staatsbürgerschaft. Alle Parteien, mit Ausnahme der CDU, fordern eine Lockerung der Einbürgerungspolitik. Warum müssen sich junge Erwachsene zwischen 18 und 23 Jahren für eine Staatsbürgerschaft entscheiden? Warum nicht eine doppelte Staatsbürgerschaft? "Das ist keine Gefahr für unser Land, sondern ein Segen. Ohne rechtliche Gleichberechtigung, schaffen wir Bürger zweiter Klasse, obwohl sie seit Jahren in Deutschland leben", sagt Dieter Wiefelspütz, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion zu stern.de.

10. Integrationskurse ausbauen!

Integrationskurse gibt es seit 2005 und sie sind ein voller Erfolg. Mehr als 600.000 Personen haben sie bereits besucht, sagte Innenminister Thomas de Maizière bei der Präsentation des Integrationsberichts. Die Kurse sprechen alle an, egal in welchem Alter und mit welcher Vorbildung. Aber offensichtlich ist das Angebot zu knapp. Rund 20.000 Zuwanderer stehen auf den Wartelisten der Volkshochschulen (VHS). Insbesondere Migranten, die bereits länger in Deutschland leben, müssen sich zurzeit mindestens drei Monate lang gedulden, kritisiert Boris Zaffarana, Sprecher des VHS-Dachverband, im Gespräch mit stern.de. Zwar stellt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in diesem Haushalt 233 Millionen Euro zur Verfügung, aber der Verband beziffert das Finanzierungsdefizit dennoch auf 15 Millionen Euro. Auch diese Zahl hätte man gerne im Integrationsbericht gelesen.


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