Kindesmissbrauch Heimat, bittere Heimat


Vor 35 Jahren floh Heidi Marks aus dem Dorf ihrer Kindheit. Jetzt kam sie zurück und enthüllte ihr furchtbares Geheimnis - als kleines Kind wurde sie jahrelang von Nachbarjungen missbraucht. Nicht als Einzige. Nun zerbricht das Idyll im Steigerwaldörtchen Eschenau.
Von Rupp Doinet

Die Frau mit den schönen braunen Augen spricht nun schon seit zwei Stunden. Immer wieder sagt sie, dass es ihr nicht um Rache geht. Dass sie nicht gewollt hat, was nun passiert. Dass es ja wirklich auch schon 46 Jahre zurückliegt, aber dass sie immer noch und immer wieder davon träumt. Schreckliche Träume sind das. In ihnen sieht die 50 Jahre alte Heidi Marks, die seit Langem in den USA lebt, immer wieder die Gesichter zweier Männer aus einem winzigen Dorf in Unterfranken. Sie haben das Mädchen Heidi missbraucht und vergewaltigt - insgesamt elf Jahre lang. Bis sie 15 Jahre alt war und aus dem Dorf floh. Der Erste war "der Jochen"* aus der Nachbarschaft. Der war nur zehn Jahre älter, als er die Vierjährige 1961 das erste Mal "in die Büsche zerrte". Ein Jahrzehnt lang, sagt sie, hat er "nicht abgelassen von mir, immer wieder, bei jeder Gelegenheit". Noch heute hört sie seine Stimme, erinnert sich an jedes Wort, das er sagte, um sie gefügig zu machen: "Wenn du das deiner Mutter erzählst, dann mag sie dich nicht mehr. Sie hat ja auch schon ein neues Mädi." Das neue "Mädi" war Heidis gerade geborene Schwester. Die Mutter ahnte nichts. Sie wunderte sich damals nur über ihr seltsames Kind, das immer stiller wurde, das nie in der unmittelbaren Umgebung der Wohnung spielen wollte, sondern weit entfernte Plätze aufsuchte, ja sogar das Nachbardorf, wo es dann mit sich allein war. Weil die beiden Familien befreundet waren, die Marks und ihre Nachbarn, und die Mutter es ja nur gut meinte, sagte sie oft: "Geh her, Jochen, pass ein bisschen auf die Heidi auf." "Wir dachten, du wärst auf deine kleinere Schwester eifersüchtig", sagt die Mutter heute.

Kurt*, der zweite Beschuldigte, war auch noch ein jugendlicher Mann, als er sich 1967 an der eben Elfjährigen verging. Vier Jahre lang, auch er immer wieder. Dann hatte Heidi Marks die Schule hinter sich. Und wollte nur noch weg aus dem Dorf. Die Eltern reagierten verstört, "du bist doch erst 15". Aber dann erlaubten sie ihr den Umzug nach Neuendettelsau, wo sie auf eine Hauswirtschaftsschule ging. Heidi Marks hat geschwiegen. 46 Jahre lang. Zuerst aus Angst um sich. Dann aus Scham, zuletzt, um die Eltern zu schützen, vor den Leuten und deren Gerede. Und eigentlich wollte sie es auch immer für sich behalten. Aber das geht nun nicht mehr. Denn nun kommt heraus, dass die beiden Männer auch andere Kinder missbraucht haben sollen, bis in die jüngste Vergangenheit. Niemand will das bemerkt haben in dem winzigen Ort, in dem jeder jeden kennt. Schließlich waren es zwei sehr angesehene Mitbürger, die "jetzt in den Dreck gezogen werden", wie einer sagt, der seinen Namen nicht nennen will. Aber das wollen im Augenblick die wenigsten in Eschenau bei Knetzgau nahe Haßfurt am Fuße des Steigerwalds. Gerade mal 192 Einwohner hat das Dorf, das jederzeit als "idyllisch gelegen" beschrieben wird, manchmal auch als "lieblich" oder "entzückend". Es gibt eine gelbe Kirche mit einem dicken Zwiebelturm und einem kleinen Friedhof drum herum, einen Gasthof mit Pension, Fachwerkhäuser, behäbige Bauernhöfe. Eine Katze sitzt auf einem Mauerpodest, ein Igel kauert in einem Vorgarten. Katze und Igel sind aus Beton, lebendige Tiere lassen sich hier kaum sehen.

Das mag an der Hitze liegen, die über den Häusern und Wegen lastet, womöglich ist es Tieren hier aber einfach zu steril. In Eschenau sind selbst die Briefkästen blank geputzt, kein Fitzelchen Papier weht durch die Straßen, sogar das alte Stroh in einer großen Grube am Rand der Hauptstraße riecht nicht nach Land, sondern nach gar nichts. Am schwarzen Brett hängt immer noch ein amtlicher Aufruf aus der Zeit, als die Vogelgrippe den Menschen Angst machte. Man möge tote Vögel melden, besonders Schwäne oder Gänse. "Schön, gell!", sagt eine ältere Frau, bevor sie in einen Hausflur abbiegt, um nicht mehr sagen zu müssen. Und so schön hätte es bleiben können, wäre da nicht das Klassentreffen der Dorfschule für den Jahrgang 1957 gewesen und hätte Heidi Marks nicht auch noch silberne Hochzeit zu Hause feiern wollen, mit Rick, ihrem Mann, Ingenieur in der US-Armee. Vor 35 Jahren hatte sie das Dorf verlassen, vor 25 Jahren Deutschland. Jetzt, so dachte sie, sei eine gute Gelegenheit für einen Besuch bei den Eltern und den Freunden in der alten Heimat. Vier Wochen wollten sie und Rick bleiben.

"Du also auch"

Fünf Tage vor dem geplanten Rückflug sitzen Heidi Marks, Rick und eine Freundin aus alten Tagen beisammen. Irgendwann sagt die Freundin, es sei schlimm in Deutschland, weil die Sexualverbrechen so zugenommen hätten. "Das glaub ich nicht. Die gab es früher schon. Auch bei uns", so Heidi Marks. Die Freundin guckt verlegen, druckst ein bisschen rum. In diesem Augenblick nennt Heidi Marks die Namen der beiden Männer. "Du also auch", sagt die Freundin, während Heidi Marks "aus heiterem Himmel heraus einfach nur losheult". "Dear god, Rick, diese Pädophilen haben ja noch anderen was angetan, ich muss was tun, damit nicht noch mehr passiert", sagt sie in der Nacht darauf zu ihrem Mann. Sie fragt die Schwester und die Eltern um Rat. Dann geht sie zur Polizei und zeigt die beiden Männer an. Es ist der 28. März. Zwei Tage später sitzt Heidi Marks einer Kriminalbeamtin gegenüber. Es wird ein langes Gespräch. Doch all das, was sie und später auch ihre Freundin aussagen, ist juristisch nicht mehr relevant. Es liegt zu lange zurück, ist verjährt. Dann aber melden sich weitere Frauen aus Eschenau, die berichten, wie sie als Kinder und Jugendliche von den Männern missbraucht worden sind. Und diese Fälle - der jüngste stammt aus dem Jahre 2002 - sind nicht verjährt.

Die Polizei beginnt zu ermitteln, durch Eschenau wabern Gerüchte. Noch weiß niemand, wer die Frauen sind. Nur dass "die Amerikanerin" eine von ihnen ist, das wissen alle. Aber Heidi Marks ist längst wieder in den USA. Dort erreichen sie Nachrichten, die ihr Angst machen. Ihr Vater, der 78 Jahre alt ist, wurde von zwei Höfen gejagt, als er dort Zeitungen austragen wollte. "Lass dich hier nie wieder blicken!" "Sag deiner Tochter, der Hur, dass sie für immer verschwinden soll", bekommt die Mutter, 73, auf der Straße zu hören. Ein Nachbar erklärt den beiden, sie sollten sich daran gewöhnen, "für immer verachtet zu sein, und keiner wird euch mehr grüßen". Um sich um die Eltern zu kümmern, bucht Heidi Marks einen weiteren Flug nach Deutschland. Diesmal ohne Rick. Der 6. Mai sollte eigentlich ein besonders fröhlicher Tag sein in dem idyllischen Dorf. Um 19.30 Uhr treffen sich die Vorstände der Eschenauer Vereine im Gemeindesaal. Alle sind sie da, der Schnupferclub, der Obst- und Gartenbauverein, die Feuerwehr, die Dorfjugend. Sie wollen das jährliche Dorffest vorbereiten, ein weithin bekanntes Ereignis. Aber dazu kommt es nicht an diesem Abend. Denn noch bevor die Diskussion beginnt, steht der Zeugwart der Feuerwehr auf und beantragt, das Fest ausfallen zu lassen. Begründung: Die Polizei ermittle im Dorf wegen "Vergewaltigung und Missbrauch von Kindern", und die möglichen Täter säßen mitten unter uns. Der Erste Vorsitzende des Feuerwehrvereins wird noch deutlicher. Er spricht von Mädchen "ab vier Jahren, die sexuell berührt" worden sind, von "Sechsjährigen, die keine Jungfrauen mehr sind", davon, dass die eigene Familie betroffen sei.

"Mein Jochen war's nicht"

In diesem Augenblick erhebt sich die Hauptorganisatorin des Dorffestes und sagt: "Mein Jochen war's nicht." Und dann offenbart sie, ihr Mann, der einer der beiden Täter sein soll, habe vor 27 Jahren zwar mal "etwas mit einem Mädchen gehabt", aber sie halte zu ihm, weil er ihr versprochen habe, nicht mehr "in dieser Richtung auffällig zu werden", wie es im offiziellen Protokoll des Abends heißt. Mit der Familie des Mädchens, sagt die Frau, habe man sich "einvernehmlich verständigt". "Um ca. 19.45 Uhr", so endet das Protokoll, "gingen wir alle sehr betroffen und ohne Abstimmung auseinander". Am 17. Mai, es ist Christi Himmelfahrt, landet Heidi Marks wieder in Deutschland. Fast zur selben Stunde, in der ihr Flugzeug aufsetzt, geht Bauer Kurt Holzer, 52, in seine Scheune und erhängt sich. Er ist der zweite der beiden Männer, die von den Frauen angezeigt wurden. Holzer hinterlässt einen Abschiedsbrief: "Die Familien und ihre Helfershelfer werden mit ihren Anschuldigungen und Lügen nicht aufhören. Und ich werde nicht büßen für Dinge, die ich nicht getan habe." Die Familie des Großbauern will, dass diese Zeilen in der Todesanzeige abgedruckt werden. Aber das lehnen die lokalen Zeitungen ab.

Holzer war ein wichtiger, ein mächtiger Mann in Eschenau. Sein Hof am Rande der Gemeinde ist so groß und so massiv ummauert wie eine kleine Burg. Fünf Jahre lang war er Schöffe, er leitete den örtlichen Jägerverein, war Mitglied des Bauernverbands. "Ein g'standnes Mannsbild und vorbildlicher Familienvater", sagt Bürgermeister Werner Schneider aus dem Nachbarort Knetzgau, zu dem Eschenau gehört. "Vor Kurzem erst hat er sich an Viechstall baut." Schneider will sich kein "Urteil anmaßen über das, was nun geredet wird". Die Leute, sagt er, "san halt a weng zerstritten". Er lässt sich von einem Psychologen beraten, was da zu machen wäre. "Aber das wird hart." Als Kurt Holzer am 23. Mai zu Grabe getragen wird, drängen sich etwa 300 Menschen auf dem kleinen Friedhof. Es ist die größte Trauerfeier seit Menschengedenken in Eschenau. Aus allen Nachbargemeinden sind sie gekommen, um einem Mann die letzte Ehre zu erweisen, der sein düsteres Geheimnis mit ins Grab genommen hat - falls er schuldig war. Die Kränze, Blumen und Gebinde bedecken am Ende auch noch das Nachbargrab.

Am Tag vor der Beerdigung hat Elfi Trautvetter-Ferg, Seelsorgerin der überwiegend evangelischen Gemeinde, bei den Eltern von Heidi Marks angerufen und ausdrücklich darum gebeten, die Familie möge nicht zur Beisetzung erscheinen - was auch nicht vorgesehen war. Heidi Marks ist auf die Pfarrerin nicht gut zu sprechen. Sie wirft ihr vor, sich nicht um die Opfer, besonders um ihre alten Eltern, zu kümmern. "Wir sollten uns besser an einen auswärtigen Pfarrer wenden." Frau Trautvetter- Ferg wird in der Tat mit seltsamen Äußerungen in den Heimatzeitungen zitiert. Etwa, dass es früher auch in Nachbardörfern sexuelle Übergriffe gegeben habe, und "da hat kein Hahn nach gekräht". Die Seelsorgerin lässt ausrichten, "so habe sie das alles nicht gesagt". Sie hat "sonntägliche Friedensgebete" initiiert, ohne Predigt, nur ein Lied und Bibeltexte. Aber auch in den Predigten während der Gottesdienste wird nicht erwähnt, was das Dorf bewegt. Da geht es, wie etwa an Pfingstsonntag, um den neuen französischen Schnellzug und darum, dass wir ein Tempolimit fürs Leben bräuchten. Jochen Weiss, der erste Mann, den Heidi Marks und die anderen Frauen beschuldigt haben, wird verhaftet. Zuvor hat auch er davon gesprochen, sich das Leben zu nehmen. "Horst, komm, er will sich umbringen", bittet seine Frau einen Nachbarn. Der Nachbar kann es ihm ausreden. Heidi Marks hat Angst, dass auch Jochen Weiss sich "was antun" könnte. Denn dann würden auch gegen ihn die Ermittlungen eingestellt, käme niemals die Wahrheit ans Licht, und im Dorf gäbe es "nie wieder Frieden".

"Die haben sich vergewaltigen lassen"

Heidi Marks hat sich seit ihrer überstürzten Rückkehr bei Freunden eingemietet, die das einzige Gasthaus im Ort führen. Manchmal rufen Reporter der Heimatzeitungen an und berichten ihr, was wieder eingegangen sei an anonymen Anrufen. "Was ist scho dabei, einem Maderl mal den Rock zu lupfen." Oder: "Das haben wir doch alle gewusst, dass die Heidi eine Hure ist." Oder: "Die wird schon ihren Busen rausgehängt haben." Oder: "Machts euch doch nicht wegen der in die Hosen." "Es ist", sagt Heidi Marks, "so, wie ich es vor 46 Jahren befürchtet habe." Nichts habe sich geändert seit den 60er Jahren, als über Frauen gesagt wurde: "Die haben sich vergewaltigen lassen." Einmal allerdings rief ein Mann an, der sich bedankte, dass diese "mutigen Frauen endlich geredet haben". Seinen Namen wollte auch er nicht sagen. Nur, dass er Kinder habe, relativ neu sei in Eschenau. Heidi Marks ist ihm dankbar. Ihre Eltern gehen schon lange kaum mehr aus dem Haus. Sie fahren zum Einkaufen in die nächste Stadt, wo niemand sie kennt. Von Amerika aus schickt Rick "Leserbriefe" per E-Mail, die so bitter sind, dass Heidi Marks es vorzieht, sie nicht zu übersetzen und an die Heimatzeitungen weiterzuleiten. Rick ist der einzige Mensch, dem sie vor ihrer Anzeige erzählt hat, was ihr in Eschenau als Kind und jugendlichem Mädchen passiert ist. Sie wollte mit diesem Geheimnis nicht in die Ehe gehen.

"Wir nehmen die Aussagen der Frauen sehr ernst", sagt Joseph Düsel von der Staatsanwaltschaft Bamberg, wo die Ermittlungen geführt werden. Gegen Jochen Weiss wird wegen "drei Verbrechen der versuchten Vergewaltigung eines sieben bis acht Jahre alten Mädchens ermittelt". Dazu kommen zwei weitere Straftaten wegen sexuellen Missbrauchs zweier Mädchen. "Wir müssen ein bisschen rechnen", bekennt der Staatsanwalt, "wer wann genau wie alt war." Die Verjährungsfristen machen den Juristen zu schaffen. "Die Amerikanerin" hat ihren Rückflug in die USA gebucht. Eschenau hatte sie bereits am 27. Mai verlassen, nachdem ein Bauer aus der Nachbarschaft angerufen hatte. "Horch mal", sagte der zu dem Gastwirt, der Heidi Marks beherbergte, "wenn die nicht sofort geht, könnte was passieren." Heidi Marks zog innerhalb einer Stunde aus. Es war ihre zweite Flucht aus Eschenau.

"Es ist schlimm", sagt Horst Hauck, 48, einer der wenigen, der in Eschenau mit seinem Namen dafür steht, was er sagt. Hauck ist Lektor der evangelischen Gemeinde, Leiter des Posaunenchors und eine Art Sprecher der Dorfgemeinschaft, nachdem sich der eigentliche Sprecher "aus dem Staub gemacht hat". Hauck hofft, dass die anonymen Anrufe in Wirklichkeit nicht aus der Gemeinde kommen, dass es Trittbrettfahrer sind, und: "Wenn es sexuellen Missbrauch gegeben hat, an Kindern, wenn es Vergewaltigungen gegeben hat, dann muss das geklärt werden." So dächten mindestens 90 Prozent der Menschen in Eschenau. Aber seltsam sei es schon, dass die Ermittlungsbehörden offenbar nicht allzu viel in der Hand hätten, "was man so hört". "Wir waren", sagt Horst Hauck am Ende, "ein kleines, fröhliches fränkisches Dorf." Das ist nun vorbei.

*Name geändert

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker