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Kommentar: Der neue Oskar

Oskar Lafontaine ist der Star der neuen Linkspartei. Brillanter Redner, ausgebuffter Stratege. Die SPD ist gut beraten, wenn sie DIE LINKE nicht länger als Phänomen abtut. Mit Lafontaine und Co. muss sie sich auf Dauer arrangieren.

Von Hans Peter Schütz

Größer hätte der Widerspruch gar nicht sein können: Hier der doch sehr hölzern wirkende Lothar Bisky, der seine Reden verliest. Hinterher tröpfelte bei ihm der Beifall auf dem Berliner Vereinigungsparteitag von WASG und PDS nur matt dahin. Da ein Oskar Lafontaine in rednerischer Bestform, einer der die Verführung der Parteigänger und die Vorführung der Parteigegner durchs gesprochene Wort meisterhaft beherrscht.

Die Delegierten badeten ihn in begeistertem Applaus, jubelten ihm mit glänzenden Augen minutenlang zu. Seit Lafontaine 1995 in Mannheim mit einer Rede den drögen SPD-Vorsitzenden Rudolf Scharping hinweggeputscht hat, dürfte der "Oskar", wie sie ihn jetzt auch bei der neuen Linken hätscheln, keine fulminantere Rede mehr gehalten haben. Er wird in der neuen Partei der Meister der Attacke sein, Bisky mehr für den inneren Frieden zuständig. Und daneben ein Gregor Gysi, quasi freischwebend, weil ohne Ehrgeiz auf neue Ämter, der rhetorisch mit Lafontaine mithalten kann.

Überläufer willkommen

Ein Trio führt DIE LINKE fortan, das die politische Konkurrenz durchaus fürchten muss. Voran die SPD, deren Spitzen Kurt Beck und Franz Müntefering wie Muckefuck schmecken, während Lafontaine und Co. als doppelter Espresso munden. Aber auch die Grünen müssen sich in Acht nehmen, denn DIE Linke hat jetzt klar gemacht, dass sie die friedensliebenden Müslis von einst heute als Partei vorführen werden, die den Krieg als Mittel der Politik inzwischen nachhaltig bejaht. Passend zu dieser Kampfansage in Richtung grün: Dass der bisherige grüne NRW-Landtagsabgeordnete Rüdiger Sagel sein Parteibuch weggeworfen hat und künftig bei der Linken antritt. Er wird nicht der einzige Überläufer bleiben, der auf der Suche nach der verlorenen Glaubwürdigkeit eine neue politische Heimat gefunden hat.

Der interessanteste Aspekt des Vereinigungsparteitags trat allerdings nur verdeckt zutage. Ein neuer Oskar hat sich jetzt in Berlin präsentiert. Einer, der in seiner Rede jede persönliche Attacke auf die SPD mied. Einer, der keinerlei persönliche Rachsucht an den Genossen von einst erkennen ließ. Einer der sich ganz bewusst in die Tradition der deutschen Arbeiterbewegung stellte - und der sich nachdrücklich auf die SPD-Ikone Willy Brandt berief und dessen Wort, dass nie wieder von deutschem Boden Krieg ausgehen dürfe.

Entspannungssignale in Richtung SPD

Die neue Strategie ist klar. Die Zeit der rigorosen, auch persönlich verletzenden Abgrenzung zur SPD ist vorbei. Sie wurde gebraucht, um die notwendige Geschlossenheit der neuen Partei zu erreichen. Aber man darf darauf wetten: Lafontaine hat jetzt die Mehrheit links der Mitte als Koalition ins Visier genommen. Und dazu gehören politische Entspannungssignale in Richtung SPD. "Freiheit durch Sozialismus" ist die Botschaft der neuen Partei. Mit weiterhin rüder Abgrenzung wird sich die SPD dagegen nicht wehren können. Spätestens nach der Bundestagswahl 2009 wird es auch öffentlich jene auch ins persönliche reichenden Annäherungen geben, die sich im Alltagsgeschäft im Bundestag längst auch zwischen Lafontaine und führenden Repräsentanten der SPD beobachten lassen - von Beck und Müntefering natürlich einmal abgesehen.