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Kommentar: Die FDP, immer noch eine Spaßpartei

Zur Abwechslung machen die Parteien das, was sie sonst nie machen: Nach der Wahl dabei bleiben, was sie vor der Wahl gesagt haben. Allen voran Guido Westerwelle. Er ahnt, dass die FDP - sollte sie an die Regierung kommen - dicke Kröten wird schlucken müssen. Noch sperrt er sich dagegen.

Von Niels Kruse

Die Musik des Berliner Politikorchesters spielt zurzeit nicht im Bundestag und auch nicht im Kanzleramt. Die regelmäßigen Auftritte der Sondierungs-Solisten finden 50 Meter neben dem Reichstag statt, vor der Parlamentarischen Gesellschaft, einem Club für ehemalige Abgeordnete. Diese Bühne eignet sich gleich mehrfach als Symbol für die Einsätze der sich sortierenden Parteien. Zum Beispiel so: Deren Vertreter, die sich meistens zur Mittagszeit unter Journalisten, Touristen und Schaulustige mischen, sind keine ehemaligen Volksvertreter. Aber bald vielleicht ehemalige Spitzenpolitiker.

Der Hauch des Königsmörders weht aus Süden heran

Angela Merkel etwa, die langsam den Hauch des Königsmörders im Nacken spürt. Der weht natürlich aus Richtung Süden und wird getragen von dort ansässigen Zeitungen. Stoiber hat eben nichts mehr zu verlieren und in der CDU warten noch zu viele Kochs und Wulffs auf ihre Chance, als dass sie mit offenem Visier kämpfen könnten. Auch das Scheitern der Jamaika-Variation hilft der CDU-Chefin nicht besonders. Denn nun läuft alles auf eine große Koalition hinaus, und die SPD wird lieber ihren aktuellen Kanzler opfern, als unter Merkels Fittiche die zweite Geige zu spielen.

Wären wir bei Gerhard Schröder. Dem unterstellen nicht wenige in der Hauptstadt, er bereite seinen Abgang vor. Denn dass er unter Schwarz-Rot kaum den Vizekanzler machen wird, hat auch schon Angela Merkel festgestellt. Fragt sich nur noch in welcher Lautstärke der Kanzler seinen Schlussakkord setzen wird. Ein lapidares "Ciao Ragazzi", wie es Joschka Fischer nach seinem Rücktritt der Menge zurief, wäre nicht schröderesk genug, da wird er schon mehr auf die Pauke hauen wollen.

Das Land weiß nicht, was es will

Wolfgang Gerhardt ist bereits weg vom Fenster, er wird seinen Fraktionschef-Platz räumen für den FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle. Außer natürlich, die Liberalen würden doch noch in die Regierungsverantwortung rutschen. Dann wäre Gerhardt Vize-Kanzler und Außenminister. Aber diese Möglichkeit haben sich die freien Demokraten selbst genommen, indem sie zum für sie ungewohnten Instrument der Standhaftigkeit gegriffen haben. Es ist zwar ehrenvoll, nach der Wahl das zu tun, was dem Wähler vorher versprochen wurde, doch zu dem Zeitpunkt konnte noch keiner wissen, wie planlos wir alle unser Kreuzchen machen würden.

Denn ganz offensichtlich haben wir zwar die aktuelle Regierung abgewählt, die Alternative dazu, nämlich Schwarz-Gelb, ist den meisten aber auch nicht genehm. Gut, das Land weiß nicht was es will: Die eine Hälfte bevorzugt heftigere Reformen nach Art von Union und FDP, die andere würde lieber in dem Tempo weitermachen wie bisher. Und die beiden großen Blöcke, der so genannte bürgerliche und der so genannte linke, stehen sich mehr oder weniger gleich groß gegenüber. Warum da ausgerechnet die immer nach Flexibilität rufende FDP sich plötzlich derart unbeweglich gibt und auf Alles-oder-Nichts setzt, wird bis auf weiteres ihr Geheimnis bleiben.

Krötenschlucken ist angesagt

Sicher, für eine Ampelkoalition müsste der grüne Widerwille gegen die Liberalen noch von der SPD gebrochen werden und die Gelben eine Reihe riesiger Kröten schlucken. Aber genau das mutet den Bürgern schon jetzt die aktuelle Regierung zu. Stichwort Hartz IV. Unter einer wie auch immer gearteten Regierung mit FDP-Beteiligung würden die Kröten aber auch nicht schmackhafter. Im Gegenteil.

Aber vielleicht ist sich die FDP dessen bewusst: Für die nächste Regierung werden die nächsten Jahre, mit all den anstehenden Reformen ganz sicher kein Zuckerschlecken. Es ist schon jetzt abzusehen, wer 2009 nicht wiedergewählt wird. Als Oppositionspartei lässt es sich aber höchst angenehm leben: Immer schön druff auf die regierenden Parteien, weil man ja selbst nicht in der Verantwortung steht. Das macht natürlich Spaß. Helfen aber tut das niemandem. Wenn der Souverän mit dieser Wahl seinem politischen Volksorchester etwas sagen wollte, dann vermutlich das: Das Zusammenspiel macht die Musik und nehmt zur Stärkung auch mal ein paar Kröten zu euch.

Niels Kruse