Kommentar Klaus, der Stolpermeister


Berlin ist arm, aber sexy, sagt Klaus Wowereit. Die Hauptstadt ist sogar so bettelarm, dass sie sich keinen anderen Bürgermeister leisten kann. Dafür aber eine Koalition, die offenbar nicht miteinander regieren will - und jetzt einen fulminanten Fehlstart hinlegte.
Von Andreas Hoidn-Borchers

Jeder blamiert sich so gut er kann. Aber in der Berliner Lokalpolitik können sie nicht mal das gut, da kriegen sie noch nicht einmal eine ordentliche Blamage hin. Sie würden so gerne New York spielen, aber wenn´s drauf ankommt, reicht es dann doch nur zur peinlichen Provinzposse wie bei der Wiederwahl - oder wie immer man das nennen mag - von Klaus Wowereit zum Regierenden Bürgermeister.

Da amtiert dann ein Parlamentspräsident, der irgendwo zwischen Delirieren und Dilettieren agiert; der weder Verfassung noch Geschäftsordnung zu kennen scheint und einen deutlich nicht Gewählten flugs vereidigen will. Das ist Schmierentheater, und die Rolle, die Walter Momper, immerhin selbst mal Bürgermeister dieser Weltstadt mit Scherz, darin spielt, nennt man üblicherweise Knallcharge.

Der Oskar-reife Partner

Da regiert eine Koalition, die von den Wählern mit mickrigen 43 Prozent ausgestattet ist. Ein Bündnis, das von seinen Spitzenleuten erkennbar zusammengezwungen werden muss. Eine Regierung, die etliche Abgeordnete in beiden Lagern insgeheim ablehnen. Die einen, in der PDS, treibt die Sehnsucht nach Opposition; das schont das linke Gewissen, außerdem können sich viele Wähler eine, nun ja, sozialistische Partei auf Sparkurs auch sparen. Die anderen, in der SPD, sind immer noch verstimmt, weil sie lieber mit den Grünen regiert hätten als mit einem Oskar-reifen Partner, von dem man nicht so recht weiß, wer da demnächst den Ton angibt.

Wenn die Meuterer Klaus Wowereit wenigstens richtig kielgeholt hätten. Dann, ja dann hätte es zumindest die Chance zur Besinnung gegeben. Vielleicht sogar die Chance für einen Neuanfang jenseits von Rot-Rot. Es wäre allerdings ein Neuanfang ohne Klaus Wowereit gewesen. Und zu dem gibt es keine Alternative. So arm ist Berlin. Und so unsexy. Deshalb bleibt nun erst einmal alles wie es ist. Vorerst jedenfalls.

Stadt braucht verlässliche Mehrheit

"Da fehlt eine Stimme", flüsterte Wowereit seinen Nebenleuten nach dem zweiten Wahlgang zu, kurz bevor er die Wahl annahm. Nein, da fehlt nicht nur eine Stimme, da fehlt viel mehr. Und das ist überhaupt nicht gut so. Denn Berlin hat so viele Probleme, vom Schuldenberg bis zur geistigen und materiellen Verslummung ganzer Stadtteile, dass die Stadt eine verlässliche Mehrheit bräuchte und eine Regierung, die nicht schon über den ersten Kiesel stolpert, der auf dem steinigen Weg liegt.

Der sichtlich geschockte Wowereit, ansonsten ein Mann mit Stahlnerven, hatte schließlich Mühe, die kurze Vereidigungsformel fehlerfrei abzulesen, fast versagte ihm die Stimme. Auf den religiösen Zusatz "So wahr mir Gott helfe" verzichtete er. Das hätte er besser nicht getan. Nach diesem fulminanten Fehlstart ist er auf jeden Beistand angewiesen.


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