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Kreditaffäre von Bundespräsident Wulff: Maulfaul ins Schlamassel

Keine Demut, keine Entschuldigung: Experten bewerten Christian Wulffs Umgang mit der Kreditaffäre als "Katastrophe". Seine Kommunikation verschlimmert die Affäre nur.

Von Mareike Rehberg

Offenheit, Integrität und Mut zur Wahrheit - das sind Eigenschaften, die die Öffentlichkeit von einem Spitzenpolitiker, zumal vom höchsten Mann im Staat, erwartet. In dieser Hinsicht bekleckert sich Bundespräsident Christian Wulff (CDU), der sich immer tiefer in die Affäre um einen 500.000-Kredit und seine Beziehungen zu Unternehmern verstrickt, zurzeit nicht gerade mit Ruhm.

Seit einer Woche bewahrt er nahezu Stillschweigen zu den Vorwürfen der Opposition, absolviert sein Programm aus Weihnachtsmarktbesuch, ZDF-Weihnachtskonzert und Feier zum Jahrestag der Berliner Gedächtniskirche, als sei nichts gewesen. Nur knappe, nebulöse Bekenntnisse der Selbstvergewisserung sind Wulff zu entlocken: "Man muss selber wissen, was man macht und das muss man verantworten. Das kann ich, und das ist das Entscheidende", sagt er. Von Reue keine Spur.

Das Amt ist beschädigt, die Glaubwürdigkeit verspielt. Kommunikationsexperten und Politikberater sehen in Wulffs Umgang mit der Kreditaffäre das Hauptproblem und ziehen Parallelen zum Fall Guttenberg.

Was der Augenschein sagt

"Er hätte sofort auf den Tisch legen müssen, wie es damals war, warum es so war und zu welchen Konditionen", bringt es der Politikberater und Journalist Klaus-Peter Schmidt-Deguelle im Gespräch mit stern.de auf den Punkt. Dass dieser Schritt nicht erfolgt ist, dafür macht er Wulffs juristische Berater verantwortlich. Sie rieten meist dazu, Informationen nur scheibchenweise preiszugeben, um sich nicht angreifbar zu machen. Das aber, so ist der ehemalige Berater des früheren Finanzministers Hans Eichel (SPD) überzeugt, sei der falsche Weg. Die Bevölkerung bewerte nicht nach juristischen Feinheiten, sondern nach Augenschein - "und der Augenschein sagt, hier wollte sich einer vorbeimogeln an der Wahrheit".

Auch der Kommunikationsberater Hasso Mansfeld hält Wulffs Strategie für missglückt, bewertet die Entscheidung, nur die Rechtsanwälte agieren zu lassen, gar als "Katastrophe". Die "Causa Wulff" selbst sei für ihn allerdings ein "Fliegenschiss", an dem sich Kritiker nun abarbeiteten, um sich selber moralisch überlegen zu fühlen.

In einem weiteren Punkt sind sich Mansfeld und Schmidt-Deguelle einig: Christian Wulff sollte nicht nur seine Motivation für den im Herbst 2008 vom befreundeten Unternehmer-Ehepaar Geerkens erhaltenen Privatkredit offenlegen, sondern auch in aller Demut um Verzeihung bitten. Die Entschuldigung müsse noch in dieser Woche erfolgen, fordert Schmidt-Deguelle, denn "sonst wird die Weihnachtsansprache zur Farce".

Frappierende Parallelen zum Guttenberg-Fall

Wulffs Hinhaltetaktik und spärliche Äußerungen erinnern dabei frappierend an einen anderen Fall in diesem Jahr: Auch Karl-Theodor zu Guttenberg drückte sich lange vor einer Stellungnahme, gab häppchenweise nur zu, was man ihm nachweisen konnte. Schmidt-Deguelle sieht die Parallele zu Guttenberg, erkennt darin aber ein Muster, das sich in vielen Affären und Skandalen findet. Wie Guttenberg (Afghanistan), weilte auch Wulff im Ausland (Oman), als die Affäre ins Rollen kam. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy hat den Eindruck, dass "die ganze Misere dadurch deutlich vergrößert wird", dass "immer nur gerade von den Amtsinhabern, Guttenberg oder Wulff, tagesaktuell das zugegeben wird, was man ihnen nachweisen kann".

Doch was wird nun werden mit dem Amt des Bundespräsidenten? Tritt Christian Wulff zurück, wie es ihm einige Vertreter der Opposition nahelegen? Muss Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nur anderthalb Jahre nach dem Rücktritt Horst Köhlers noch mal verkraften, dass "ihr" Kandidat für das Amt frühzeitig scheitert? Kommunikationsexperte Mansfeld glaubt, dass Wulff seinen Kopf noch mal aus der Schlinge ziehen kann, wenn er besser früher als später alle Karten auf den Tisch legt. Das sollte aber noch vor Weihnachten sein. Die Zeit drängt.