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Landtagswahl Hessen: Krieg der Gummibärchen

Der Wahlkampf ist noch nicht vorbei. Am Nachmittag fuhrwerken die Helfer von SPD und CDU noch in der Wiesbadener Innenstadt, die Sozis wie auf Prozac, die Konservativen mit gebremstem Schaum, am Stand der Grünen fällt der Satz "Euch hätte man damals vergast". Ein Ortstermin.

Von Lutz Kinkel

Sollte Größe entscheidend sein, hat die SPD die Wahl bereits gewonnen. Auf dem Mauritiusplatz, mitten in der Wiesbadener Fußgängerzone, präsentieren sich die Sozialdemokraten in zwei Zelten. Rechts daneben die CDU, aber nur in einem Zelt. Bei den Grünen hat es gerade zu einem Tapeziertisch gereicht. Der grüne Direktkandidat Andreas Waldeck packt um 16 Uhr schon zusammen. "Es würde gut tun, wenn Koch ginge", sagt Waldeck. "Aber das wird er als brutalstmöglicher Aussitzer nicht tun."

Waldeck hat gute Gründe, Koch nicht zu mögen. Dessen Kampagne gegen Ausländergewalt hat so manche rechtsextreme Dumpfbacke gestärkt. Also fallen wieder Sprüche wie "Euch hätte man damals auch vergast". Von Passanten, die gerade am Stand der Grünen vorübergehen. Waldeck: "Das brauche ich nicht." Die Meinungsforscher geben seiner Partei zwischen sechs und sieben Prozent. Für rot-grün reicht es vermutlich nicht. Die Ablösung von Koch kann vermutlich nur gelingen, wenn auch die Linkspartei reinkommt. Aber deren Wähler gehen SPD und Grünen verloren. Diese Aussicht wurmt Waldeck.

Containerweise Prozac

Pflichtschuldiger Optimismus am CDU-Stand. Alexander von Patje, 36, gebürtiger Wiesbadener mit niederländischem Pass, lobt SPD-Herausforderin Andrea Ypsilanti. "Sie macht einen verdammt guten Wahlkampf, das muss man ihr lassen." Und schiebt sogleich hinterher: "Aber es reicht nicht, freundlich zu gucken und Hände zu schütteln - man muss den Leuten auch inhaltlich etwas bieten." Zum Beispiel ein Thema wie Ausländerkriminalität. Die von Koch angedachten Strafverschärfungen würden natürlich auch für seine Landsleute gelten, sagt von Patje mit strengem Gesicht. "Wenn einer kriminell wird – ab zurück nach Amsterdam!" Doch diese Debatte wollen die CDU-Helfer heute, am Tag vor den Landtagswahlen, gar nicht mehr so intensiv führen. Sie wollen lieber nett sein und "Sympathieartikel" verteilen, wie sie es nennen: Roland-Koch-Düngemittelstäbchen, Luftballons, bedruckte Tröten und Gummibärchen mit einem großen Smiley auf der Tüte. Es sind grüne, rote, weiße und orange Bärchen drin. Keine schwarzen. Hinten auf der Tüte steht, wer die Gummibärchen bereit gestellt hat: CDU-Bundesgeschäftsstelle, Abteilung Marketing und Kommunikation, Berlin. Merkels Kuschel-CDU. Die Gummibärchentüte der SPD gibt wahlkampftechnisch zweifellos einiges mehr her: ritzerotes Papier, die aufgedruckten Bärchen halten sich solidarisch an den Pfoten. Rührend ist das. Außerdem gibt’s Buttons mit einem roten Ypsilon und die obligatorischen Luftballons. Evi Pflugradt, stellvertretende Vorsitzende der Wiesbadener SPD, wundert sich, wer so alles zum Luftballon greift. "Das ist das erste Mal seit Jahren, dass sich die Leute trauen und offen sagen: Ich bin für die SPD." Dass dies so ist, verdankt die SPD nicht nur ihrer Kandidatin sondern auch Kochs brutaler Kampagne, das ist Pflugradt bewusst: "Man muss Koch ja dankbar sein für den Wahlkampf, den er gemacht hat", sagt sie. Strömen die Anti-Koch-Wähler zu den Urnen und wählen fleißig SPD, könnte das bisher Undenkbare passieren. Die SPD-Helfer jedenfalls sind jetzt schon so euphorisiert, als hätten sie containerweise Prozac geworfen.

Papphänger vs. Post-it

Der Showdown der Helfer soll noch in der Nacht stattfinden. Die CDU will in einer gigantomanischen Aktion an jede hessische Türklinke einen Pappträger hängen, der für Kochs Wiederwahl wirbt. Die SPD will mit einem Post-it-Kleber auf den Briefkästen kontern. Die Linkspartei übrigens ist an diesem Samstag gar nicht auf dem Mauritiusplatz zu sehen. Aber sie hat sich im hessischen Landtag einen Raum für eine Wahlfeier reservieren lassen. Man weiß ja nie.