HOME

Lanz-Debatte: Die "Methode Wagenknecht" und ihre Folgen

Die Lanz-Debatte hatte bereits hohe Wellen geschlagen, als sich Hans-Ulrich Jörges mit einem "Video-Zwischenruf" einschaltete. Was danach geschah.

Von Lutz Kinkel

Hoppla - was für eine Resonanz! Weit über 50.000 Menschen sahen am Donnerstag den Video-Zwischenruf von Hans-Ulrich Jörges zur "Methode Wagenknecht". Ein Spitzenwert für ein politisches Thema. Unterdessen glühten die Telefondrähte, rund 200 Mails trafen ein, ausgedruckt ein fetter Stapel Papier. Kommentare zuhauf auch auf Twitter und Facebook. Das ist der Moment einer breiten Debatte - über die Frage, was öffentlich-rechtliches Fernsehen leisten muss, welche Anstandsformen Talkmoderatoren und Gäste zu wahren haben und wie Politik medial vermittelt wird.

Vorsichtig formuliert: Die Zuschriften an die stern-Redaktion waren nicht nur freundlich. Jörges sei ein "abgelehnter, gekränkter Liebhaber von Wagenknecht", "unhöflich", "ein grantiger alter Mann", dem das "sozialverträgliche Frühableben" zu empfehlen sei - um nur einige Äußerungen zu nennen. Inzwischen gibt es sogar, parallel zur Petition gegen Markus Lanz, eine Petition gegen Jörges, die ihm "Meinungsmache" vorwirft und einen Kodex für Qualitätsjournalismus fordert. Andererseits: Das Video hat knapp 6000 Facebook-Likes gesammelt, viele Mailschreiber grenzten die inhaltliche Debatte mit Wagenknecht ab gegen die vermeintlich inhaltslose, die Lanz mit ihr geführt habe. (Hier können Sie die Sendung nochmals in der ZDF-Mediathek sehen)

Gleichwohl: Die Empörung richtet sich weniger auf die Inhalte der Debatte. Es geht um die Form, den Umgang miteinander, der als unangemessen empfunden wird. Ein Gepöbel gegen das Gepöbel.

Jörges - der Video-Zwischenruf: Die Methode Wagenknecht

Wagenknecht dominierte die Show

Markus Lanz ist inzwischen ein Stück weit zurückgerudert. "Wenn das energische Nachfragen zu rustikal und sogar persönlich war, dann bedaure ich das", sagte er dem Mediendienst DWDL. Andererseits wisse er, dass Wagenknecht Lust auf die politische Auseinandersetzung habe. Lanz: "Allein durch die Konstellation - also eine Frau gegen zwei Männer - entstand zwangsläufig der Eindruck: Das ist jetzt unfair. Weil aber Frau Wagenknecht jemand ist, der sich sehr kraftvoll wehren kann und das auch tat, habe ich das in diesem Moment nicht so eingeschätzt. Mein Fehler."

Tatsächlich ging Wagenknecht nicht als Verliererin aus der Talkshow, im Gegenteil: Sie dominierte mehr als die Hälfte der Sendezeit und konnte sich und ihre politischen Botschaften so gut in Szene setzen, dass die anderen Gäste, darunter Schauspieler Moritz Bleibtreu, wegzunicken drohten. Hilf- oder gar wehrlos sah sie in keiner Sekunde aus, auch nicht, als Lanz sie fragend bedrängte. Wagenknecht ist, wie die meisten Spitzenpolitiker, ein Kommunikationsprofi, der sich weder einschüchtern noch aus der Fassung bringen lässt. Lanz hat in seiner Sendung immer wieder versucht, diese Panzerung zu knacken - was ihm bei anderen Politikern, wie zum Beispiel Philipp Rösler durchaus gelungen ist. Bei Wagenknecht nicht. Trotzdem fordern inzwischen mehr als 150.000 Unterzeichner der Online-Petition, das ZDF solle ihn entlassen, wobei sich davon nur sehr wenige mit Ausweis verifiziert haben. Die Petition hat eine ehemalige Linken-Politikerin initiiert; die Empörung über die vermeintlich bösartigen Medien ist eine traditionelle Denkfigur der Partei.

Anatomie des Shitstorms

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen sagt zu dem Shitstorm, der sich rund um die Petition entwickelt hat, in einem Interview mit dem "Tagesspiegel": "Deutlich wird am Beispiel einer so plötzlich aufflackernden Erregung, dass wir uns im Übergang von der Mediendemokratie zur Empörungsdemokratie befinden: Es sind nicht mehr allein mächtige Leitmedien, die Themen setzen, sondern erboste Einzelne, die ein Publikum finden und ein Agendasetting von unten betreiben." Pörksen meint, dass sich in der Debatte nicht nur der Zorn auf das "Flachland-Entertainment" artikuliert, für das Lanz eine Symbolfigur geworden sei, sondern auch die gesellschaftliche Unzufriedenheit mit den Rundfunkgebühren.

Ursprung und Anlass von Shitstorms sei jedoch stets eine echte oder angebliche "Normverletzung", die sofort und für jedermann verständlich sei - in diesem Fall Lanz' Fragestil und Jörges' emotionale Erwiderung auf Wagenknechts Ansichten. Scharfe Kritik daran äußerte zuerst der Medienjournalist Stefan Niggemeier, der im Netz eine feste Größe ist. On top kam das ungeschickte Krisenmanagement des ZDF. Der Sender hatte zunächst behauptet, Wagenknecht habe sich durchaus wohl gefühlt und nach der Show locker mit Lanz geplaudert. Wagenknecht wies diese Beschreibung als "frech" zurück. Sie, die Gewinnerin des Abends, manövrierte sich nachträglich in die Rolle des Opfers.

Störungsfreie Abspielflächen gesucht

In einem Kommentar auf Spiegel-Online wunderte sich der Journalist Christoph Sydow, wieso sich so viele Menschen über Lanz' Moderationsstil aufregen. Es stünde ihnen ja jederzeit frei umzuschalten. Generell treibt die Sensibilität gegenüber Interviewtechniken sonderbare Blüten: Auch Marietta Slomka produzierte Schlagzeilen und Debatten, weil sie Parteichef Sigmar Gabriel in einem Gespräch über den SPD-Mitgliederentscheid etwas härter anfasste. Auch hier überragte das Unbehagen an der Form die inhaltliche Substanz bei Weitem.

Das Begehr, die politischen Debatte um Streit und Leidenschaft zu bereinigen, hilft indes nur einem - Politikern, die störungsfreie Abspielflächen für ihre Eigenwerbung suchen.