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Ludwig-Holger Pfahls: Heimkehr in Handschellen

Ex-Staatssekretär und -Verfassungsschutzchef Ludwig-Holger Pfahls will sich seiner Auslieferung nach Deutschland nicht länger widersetzen. Offen ist, wie er 1999 entkommen konnte, obwohl ein Haftbefehl vorlag.

Mehr als fünf Jahre war er den Richtern davongekommen. Jetzt kehrt Holger-Ludwig Pfahls, einer der schillerndsten Politiker der Strauß-Kohl-Ära, als kranker Mann in Handschellen nach Deutschland zurück. Zuvor hatte er mit allen Tricks versucht, sich der deutschen Justiz zu entziehen. Die Jagd ist zu Ende, der einst höchste Verfassungsschützer der Bundesrepublik und Intimus der Geheimdienste landet in einem deutschen Gefängnis.

Was, wo, wer?

Was weiß dieser frühere Vertraute von Franz Josef Strauß über Rüstungsgeschäfte, Waffendeals und Schmiergeldzahlungen? Wo hatte Pfahls seine Finger im Spiel und wie knüpft sich das Netz des ehemaligen Rüstungs-Staatssekretärs unter Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) zwischen dem dubiosen Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber und der Rüstungsindustrie? Und: Wer hat Pfahls geholfen, sich fünf Jahre lang den gefürchteten Zielfahndern des Bundeskriminalamtes zu entziehen? All diese Fragen wird ihm die Staatsanwaltschaft hartnäckig stellen. Wird Pfahls auspacken und "singen" und damit einen politischen Erdrutsch auslösen?

Offen ist, wie Pfahls 1999 der Justiz entkommen konnte, obwohl ein Haftbefehl schon vorlag. Der stets mondän gekleidete und eitle Manager war damals Repräsentant des Daimler-Konzerns in Singapur. Der Haftbefehl wurde von der bayerischen Justizspitze verzögert, Pfahls soll gewarnt worden sein und tauchte in Asien unter. In Taiwan und Hongkong soll er gewesen sein. Immer wieder tauchten Gerüchte auf, die Fahnder hätten ihn kurz verfehlt, Geheimdienstfreunde ihm bei Abtauchen die nötigen Tipps und Hilfestellungen gegeben. Und dann hieß es gar, er sei nicht mehr am Leben.

Den entscheidenden Fehler machte Pfahls, der über London nach Europa zurückgekehrt war, im Juli dieses Jahres in Paris. Er schickte ein Fax an einen Rechtsanwalt, um seine rechtliche Lage wegen einer Verjährung oder für einen Gerichtsdeal auszuloten. Davon hatten CSU- Parteikreise und Journalisten Wind bekommen. Die Münchner "Abendzeitung" berichtete und die Zielfahnder schnappten prompt zu. Sie orteten Pfahls in einem Pariser Nobelviertel, der Rest war Routine. Pfahls ließ sich widerstandslos festnehmen und verschwand hinter den Gittern des berüchtigten Pariser Gefängnis "Santé" - Gesundheit.

Letztes Verwirrspiel

Nun setzte ein letztes Verwirrspiel ein. Zunächst erklärte er sich mit einer vereinfachten Abschiebung nach Deutschland bereit, da er unter den schlimmen Zuständen in Santé litt. Dann plötzlich die Kehrtwende. Bei einer ersten Gerichtsanhörung lehnte er die Auslieferung ab. Er hoffte freizukommen, da er seinen Anwälten glaubte, nach französischem Recht seien die ihm in Deutschland vorgeworfenen Taten verjährt. Doch die französische Justiz lehnte im Oktober einen Antrag auf Haftverschonung ab. Der 17. November ließ dann alle Hoffnungen platzen. Das Pariser Berufungsgericht entschied: Pfahls wird ausgeliefert.

Nun hätte der prominente Häftling seine Überstellung noch verzögern können. Sein Gesundheitszustand - er soll während der Flucht drei Schlaganfälle erlitten haben und sehr schlecht sehen - und die Einsicht in die Aussichtslosigkeit, sich der deutschen Justiz zu entziehen, haben ihn wohl zu der Entscheidung kommen lassen, sich der deutschen Gerichtbarkeit zu stellen.

Wenn der Prozess gegen Pfahls Anfang kommenden Jahres in Augsburg beginnt, dann fehlt der deutschen Justiz nur noch Karlheinz Schreiber, der sich in Kanada nicht sicher fühlen kann. Denn ein Gericht hat seine Auslieferung bereits bestätigt, Schreiber dagegen Berufung eingelegt. Vielleicht hat Reinhard Nemetz, der Augsburger Oberstaatsanwalt, am Ende doch Recht. Nach der Festnahme von Pfahls hatte er in seiner typisch lakonischen Art gesagt: "Wir kriegen sie alle."

Nikolaus Dominik/DPA / DPA