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Versuchter Anschlag in Ludwigshafen: Zwölfjähriger Bombenbauer bekam ausgerechnet Betreuer mit Kontakt zu Salafisten

Im Dezember 2016 hatte ein Zwölfjähriger eine Bombe gebaut und versucht, sie auf einem Weihnachtsmarkt zu zünden. Ihm wurde ein Betreuer zur Seite gestellt - der selbst unter Islamismus-Verdacht steht. Eine Sicherheitsüberprüfung führt zu einem alarmierenden Ergebnis.

Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen

Gerade mal zwölf Jahre alt war der Junge, der am 16. Dezember versucht hatte, auf dem Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen eine Bombe zu zünden

Er ist fast noch ein Kind, soll aber einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen versucht haben. Die Behörden wollen erreichen, dass sich der 13-jährige Deutsch-Iraker vom islamischen Extremismus abkehrt. Doch dann engagiert die vom Jugendamt beauftragte Einrichtung ausgerechnet einen Betreuer, der nach Angaben des Landeskriminalamts Kontakte zur salafistischen Szene hat, der radikal traditionalistischen Richtung im Islam.

Als das alarmierende Ergebnis einer nachträglichen Sicherheitsüberprüfung bekannt wird, wird der 30 Jahre alte Psychologe am 19. Mai sofort entlassen. Erst Wochen später wird der Vorgang durch Recherchen der SWR-Sendung "Report Mainz" bekannt. Das rheinland-pfälzische Jugendministerium wollte die Sache nicht öffentlich machen - um den Zielen der Sicherheit für die Allgemeinheit wie für den Jungen und seiner Resozialisierung nicht zu schaden, wie Staatssekretärin Christiane Rohleder erklärt.

Betreuer steht unter Islamismus-Verdacht

Doch welche Folgen hatte die Betreuung für den Jungen? Der Leiter des zuständigen Jugendamts Ludwigshafen, Heinz-Jürgen May, denkt nach eigenem Bekunden nicht, dass es eine schädliche Wirkung gab. "Wir haben eher den Eindruck, dass er ihn nicht ernst genommen hat." Am Anfang habe der Junge den Psychologen gar als "Weichei" bezeichnet - nicht im Sinne der Religionsauslegung, sondern mit dem Blick von Jugendlichen auf das Rollenverständnis von Erwachsenen.

Die Familie des Jungen kommt vor gut 14 Jahren aus dem Irak nach Deutschland - im März 2003 beginnt der Irak-Krieg der USA zum Sturz des Regimes von Saddam Hussein. Der Junge wird in Deutschland geboren. Jetzt sind die Eltern zusammen mit ihm an einem sicheren Ort außerhalb von Ludwigshafen, wie es May formuliert. Fünf pädagogische und zwei psychologische Betreuer stehen ihm im Schichtdienst rund um die Uhr zur Seite; außerdem gibt es einen Wachdienst.

Die zuständige Einrichtung sei von mehr als 100 angefragten Organisationen der einzige Träger der Jugendhilfe gewesen, "der sich zugetraut hat, diese Aufgabe anzunehmen", sagt May. Der unter Islamismus-Verdacht stehende Betreuer hatte der Einrichtung eine Initiativbewerbung geschickt, "das hat gepasst".

Verfassungsschutz beobachtet tausende Islamisten

Bei der Einstellung von Betreuern in der Kinder- und Jugendhilfe wird bislang nur nach dem erweiterten polizeilichen Führungszeugnis gefragt. In diesem hochspeziellen Fall beschlossen das Jugendamt und das Landeskriminalamt (LKA) eine zusätzliche Sicherheitsüberprüfung aller Betreuer. Dabei werden auch Datenbanken der Polizei und der Nachrichtendienste abgefragt. Im Fall des 30-jährigen Psychologen mit Wohnsitz in Baden-Württemberg war das Ergebnis alarmierend: Neben Hinweisen von Polizeistellen in Bayern und Hessen auf "allgemeine kriminelle Verstöße" seit 2007 gab es auch Erkenntnisse von Nachrichtendiensten zur Beteiligung an salafistischen Aktionen.

In Baden-Württemberg beobachtet das Landesamt für Verfassungsschutz nach Angaben eines Sprechers rund 3500 Islamisten, unter ihnen etwa 620 Salafisten. "Zu den wichtigsten Tätigkeitsfeldern von Salafisten gehört die Mission im Sinne ihrer strengen Islamauslegung", erklärt ein Sprecher in Stuttgart.

Der bundesweit einmalige Fall in Ludwigshafen stelle alle Beteiligten vor eine große Herausforderung, sagt Staatssekretärin Rohleder und fügt hinzu: "Die vorhandenen Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe sind darauf nur bedingt eingestellt."


jen / DPA