HOME

Migration: Die stille polnische Eroberung

Der Migrationsbericht der Bundesregierung belegt es: Polnische Staatsbürger stellen die größte Gruppe unter den Zuwanderern. Aber wo sind sie eigentlich? stern.de hat nach den Spuren der polnischen Community in Berlin gefahndet.

Von Gemma Pörzgen

Berlin lockt. Auch polnische Staatsbürger. Rund 40.000 sind bereits vor Ort - die Polen stellen die zweitgrößte Minderheit nach den Türken. Aber gibt es auch ein "polnisches Berlin"? Der Polenmarkt der Wendezeit ist längst Geschichte. "Polen sind sehr assimiliert", sagt der stellvertretende Vorsitzende der deutsch-polnischen Gesellschaft, Christian Schröter. "Sie fallen als Typen und von der Mentalität her im Straßenbild und in der Gesellschaft kaum auf."

Man muss schon suchen, um polnische Spuren in Berlin zu finden. Gerade mal zwei Restaurants offerieren landestypische Gerichte. Polnische Geschäfte wie der Spezialitätenladen "Klon" in Charlottenburg sind nur unauffällige kleine Tante-Emma-Läden mit Rote-Beete-Salat, Salzgurken und Schlesischer Wurst. In der Möbelrestauration gilt "made by Polen" dagegen längst als Qualitätsmerkmal.

"Club der polnischen Versager"

Allein der "Club der polnischen Versager" im Ausgeh-Viertel Mitte ist so etwas wie ein polnischer Markenartikel in der Berliner Kulturszene. Die Mehrheit der Besucher in dem Lokal mit der abgewetzten Wohnzimmeratmosphäre sind zwar Deutsche, fühlen sich aber offenbar von der gezielten Provokation des Namens angesprochen. Das Programm ist der beständige Versuch, das von altmodischer Folklore, Religiosität und zuletzt von den Kaczynski-Brüdern geprägte Polen-Bild mit Ironie und Humor zu brechen.

Mitbegründer Pjotr Mordel gehört zu der älteren Generation polnischer Zuwanderer, die vor mehr als 20 Jahren noch aus politischen Gründen ihr Land verließen. Als Oppositioneller bekam er politisches Asyl und arbeitet heute hauptberuflich als Grafiker für die deutsch-polnische Zeitschrift "Dialog".

Heimweh? Nicht doch

Ganz andere Motive brachten die 25-jährige Friseuse Alicja Sehula vor zwei Jahren aus dem polnischen Dorf Kolsko nach Berlin. "Ich wollte mehr von meinem Leben", sagt die junge Frau mit der großen, modischen Sonnenbrille. Für diesen Traum gab sie ihren gut laufenden Friseursalon auf. der Aufbruch in die fremde Metropole schien kein zu großes Wagnis, fand Alicja, denn ihr Dorf liegt gerade einmal 250 Kilometer von Berlin entfernt. "Einmal im Monat fahre ich nach Hause." Da kann kaum Heimweh aufkommen.

Die junge Polin ist typisch für viele ihrer Landsleute, die heute häufig über die Grenze pendeln. Seit die Passkontrollen Ende 2007 weggefallen sind, gibt es auch keine langen Wartezeiten mehr. Im Migrationsbericht heißt es über den regen Pendelverkehr im besten Beamtendeutsch: "Insgesamt zeigen die Zu- und Fortzugszahlen, dass sich das Migrationsgeschehen zwischen Deutschland und Polen intensiviert hat und durch starke Pendelmigration, zumeist aufgrund temporärer Arbeitsaufnahme von polnischen Staatsangehörigen in Deutschland gekennzeichnet ist."

Polnische Gespräche in der Bahn

Vor dem Wochenende oder zu großen Feiertagen wird schon in der Regionalbahn ab Alexanderplatz nach Frankfurt/Oder fast nur polnisch gesprochen, erzählt Alicja. Studenten, Putzfrauen, Altenpflegerinnen und Saisonarbeiter sind auf dem Weg nach Hause.

Die junge Frau arbeitete zunächst als Au-pair-Mädchen in Berlin und lernte Deutsch. Inzwischen ist sie als selbständige Friseuse in einem Wellness-Center tätig. Angesichts der eingeschränkten Arbeitnehmerfreizügigkeit in Deutschland bleibt für viele Polen nur der Weg in die Selbständigkeit. Um den deutschen Arbeitsmarkt nicht zu belasten, gilt für Zuzügler aus den neuen EU-Mitgliedsländer eine Übergangsregelung, die Festanstellungen erschwert. Als Selbständiger gilt dagegen EU-weit die Niederlassungsfreiheit. Dennoch sind es laut Migrationsbericht vor allem Polen, denen Ausnahme-Arbeitsgenehmigungen erteilt werden. Bei der Pflege von Alten und Kranken stellen die Polen 80 Prozent der eingesetzten ausländischen Kräfte.

Kampf mit der Bürokratie

Die größte Hürde für Alicjas Weg in die Selbständigkeit als Friseuse war die deutsche Bürokratie. "Nach langem Kampf hat das endlich geklappt", sagt sie stolz. Da ihr polnisches Abitur in Deutschland nicht als gleichwertig anerkannt wird, will sie sich nun nebenher um einen entsprechenden Abschluss bemühen, um vielleicht noch Modedesign oder Innenarchitektur zu studieren. Die Berliner Universitäten sind bei vielen polnischen Studenten schon deshalb beliebt, weil sie östlich der Oder die nächste Adresse sind. So machen die Polen auch unter den ausländischen Studenten der Hauptstadt die größte Gruppe aus.

Wer bei den Hinzugezogenen aus dem Nachbarland nur an die polnische Putzfrau denke, habe ein schiefes Bild, sagt Experte Christian Schröter. Inzwischen kämen auch viele Selbstständige, Künstler, Hochschullehrer und sogar Investoren aus dem Nachbarland, dessen Wirtschaft im Aufwind ist. Schröter kritisiert deshalb den eingeschränkten Zugangs zum deutschen Arbeitsmarkt, der nun auch noch fortgeschrieben werden soll. "Viele Fachkräfte sind ja schon heute auf dem deutschen Markt nicht zu finden", sagt Schröter. Diese Politik sei kurzsichtig.

(K)ein Weg zurück

Schon jetzt gibt es nämlich auch einen Treck zurück in die Heimat. Die steigenden Löhne, zum Beispiel auf dem Bau, mache Polen in den Augen der Ausgewanderten wieder attraktiver, sagt Schröter. Auch Alicja kennt den Boom, ihre Familie, die in Polen geblieben ist, profitiert davon. "Mein Vater und mein Bruder haben eine Dachdeckerfirma. Sie haben sehr viel Arbeit und sind immer ausgebucht." Ob sie selbst wieder zurück wolle? Alicja schüttelt den Kopf.