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Analyse

Amoklauf in München: Hut ab! Warum München alles richtig gemacht hat

Wenn es zu Katastrophen kommt, ist blinde Panik das Schlimmste, was passieren kann. Im Angesicht einer blutigen Schießerei reagiert ganz München besonnen, menschlich und hilfsbereit. Ein echtes Vorbild für andere Städte.

München aktuell Anschlag amoklauf

Trotz aktuell 10 Toter in München sind Stadt und Bürger ruhig geblieben.

Es ist der ultimative Test für alle Notfall-Pläne: Ein mutmaßlicher Anschlag erschüttert die Stadt, Menschen sind gestorben, bewaffnete Täter sind auf den Straßen unterwegs, die Lage ist chaotisch. In vielen Städten wäre schnell das Chaos ausgebrochen. Aber reagierte trotz der Berichte über zunächst sechs, später acht, am Ende zehn Todesopfern und vielen Verletzten genau richtig - und blieb so ruhig und gelassen, wie es eben möglich war.

Das fing schon mit der Reaktion der Sicherheitskräfte an. Die ruhige Art der Kommunikation, ob durch den Pressesprecher Marcus da oder in den sozialen Netzwerken, sorgte stets dafür, dass man sich informiert, aber nicht ängstlich fühlte. "Wir machen unseren Job", lautete die Botschaft, aber wir machen ihn besonnen - und sorgfältig. Keine Auftritte im Stile von Bundesinnenminister Thomas de Mazière, der sich bei der Absage des Fußballländerspiels in Hannover gesorgt hatte, dass seine Informationen "die Bevölkerung verunsichern" könnten. So verhindert man eine Massenpanik.

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Ausnahmezustand, aber kein Notstand

Währenddessen ermittelte die Polizei in München fieberhaft, aber eben besonnen. Das Einkaufszentrum OEZ wurde systematisch durchsucht, mögliche Fluchtwege abgeschnitten. Ein terroristisches Motiv wurde zwar in Erwägung gezogen, der Notstand musste deswegen aber nicht ausgerufen werden. Man sorgte für eine Verstärkung der Polizeikräfte, inklusive des Antiterror-Truppe GSG 9. Das reichte aber auch aus. Als man die Leiche des vermutlichen Täters schließlich fand, wurde selbst das zunächst mit Bedacht kommuniziert. Trotz flüchtiger Täter hatte man so stets das Gefühl: Die haben das im Griff.

Schüsse in Einkaufszentrum: Die Bilder des Amoklaufs von München
Zwischenzeitlich war die Polizei von drei Tätern ausgegangen, weil Zeugen von zwei Männern berichteten, die sich in einem Auto schnell vom Tatort entfernten. Diese hatten aber nichts mit der Tat zu tun.

Zwischenzeitlich war die Polizei von drei Tätern ausgegangen, weil Zeugen von zwei Männern berichteten, die sich in einem Auto schnell vom Tatort entfernten. Diese hatten aber nichts mit der Tat zu tun.

Auch die Münchner selbst haben großartig reagiert. Obwohl ganz Deutschland wie besessen die Nachrichtenseiten und sozialen Medien abklapperte, um neue Informationen zu finden: Chaos oder Massenpanik waren in München nicht zu finden. Klar, in einzelnen Situationen rannten auch schon mal Menschengruppen plötzlich ängstlich los, ohne dass es einen konkreten Anlass gegeben hätte. Dabei gab es nach Angaben der Polizei zwar durchaus Verletzte, im Großen blieb die Panik aber aus. Die Menschen behielten ihre - völlig nachvollziehbare - Angst im Griff. Sie versuchten zwar schnell nach Hause zu kommen, die rote Ampel wurde aber trotzdem beachtet. Auch Polizeipräsident Hubertus Andrä dankte bei einer Pressekonferenz explizit der Bevölkerung für diese ruhige Reaktion. Ohne sie sei der Einsatz so nicht möglich gewesen. 

Ein Beispiel an Hilfsbereitschaft

Und die Münchner blieben hilfsbereit. Unter dem Hashtag "#opendoors" boten Anwohner den vielen durch gestrichene Züge und nicht fahrende U-Bahnen Gestrandeten ein Dach über dem Kopf an. Auch sämtliche Moscheen und Kirchen öffneten ihre Türen. Stern-Autor Jens Maier kam etwa bei einem Hotel unter. Wie er die Nacht erlebte, erfahren Sie in diesem Artikel. Obwohl keiner wusste, wie die flüchtenden Täter aussahen und ob man gerade vielleicht einen von ihnen vor sich hatte: Die Münchner halfen denen, die es gerade am dringendsten brauchten. Wahrlich keine Selbstverständlichkeit.

München war der Lackmustest, wie Deutschland in Zeiten der Terrorangst auf einen blutigen Anschlag reagiert, der sich letztlich als Amoklauf eines Einzeltäters herausstellt hat. Andere Städte können sich künftig an der Nacht von München orientieren. Eine besonnene Reaktion, eine Kommunikation, die wirklich informiert, aber dabei Ruhe ausstrahlt und das Gefühl, dass die Lage trotz der großen Ungewissheit im Griff ist. Dazu Ruhe, Disziplin im Umgang mit der eigenen Angst und Hilfsbereitschaft. So vermeidet man Überreaktionen - und behält dabei die Menschlichkeit. Hut ab  München!

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