Musikkorps Ihre Waffe ist die Musik


Sie alle können zwar notfalls auch mit Gewehr und Pistole umgehen - ihre eigentliche Waffe aber ist die Musik. Die insgesamt 22 Orchester der Bundeswehr sind die klingende Visitenkarte Deutschlands.

Sie beherrschen die Nationalhymnen aller 193 Staaten der Welt. Und wenn ein ausländischer Staatsgast nach einem Empfang mit militärischen Ehren ausrichten lässt, er habe seine Hymne noch nie so schön gespielt gehört, ist das für Oberstleutnant Volker Wörrlein, Leiter des Stabsmusikkorps der Bundeswehr, eines der schönsten Komplimente, das man ihm und seinen rund 120 Musikerinnen und Musikern machen kann. Das Stabsmusikkorps ist eins von insgesamt 22 Orchestern der Bundeswehr, die zusammen etwa 1.100 Musiker beschäftigen. Sie alle können zwar notfalls auch mit Gewehr und Pistole umgehen und sind für den militärischen Ernstfall als Sanitäter ausgebildet - ihre eigentliche "Waffe" aber ist die Musik. Sie sind die klingende Visitenkarte Deutschlands und der Bundeswehr.

Konzerte von Klassik bis Jazz

Mit einfühlsam intonierten Hymnen stimmen sie Staatsgäste auf den Deutschlandbesuch ein, mit Konzerten von Klassik bis Jazz und Benefizveranstaltungen in den Garnisonsstädten präsentieren sie sich als Sympathieträger der Bundeswehr. Bei Kranzniederlegungen und feierlichen Gelöbnissen gestalten sie den musikalischen Rahmen, Bundespräsidenten, Kanzler, Verteidigungsminister und hohe Generäle verabschieden sie mit dem Großen Zapfenstreich in den Ruhestand. Dass die Sympathiewerbung Erfolg hat, darauf deutet sogar ein Versandhausangebot für Modelleisenbahn-Zubehör hin: Das Stabsmusikkorps der Bundeswehr im Format H0, 83 Figuren für 224,90 Euro.

Neben dem Berliner Stabsmusikkorps unterhält die Bundeswehr in Siegburg bei Bonn Musikkorps als repräsentatives Konzertorchester, eine Big Band für moderne Unterhaltungsmusik, ein Ausbildungsmusikkorps in Hilden, drei Wehrbereichsmusikkorps, neun Heeresmusikkorps, sowie vier Luftwaffen- und zwei Marinemusikkorps.

Orchesterchef Wörrlein, ein 54 Jahre alter Mittelfranke, schwingt seit fast neun Jahren den Taktstock vor dem Stabsmusikkorps. Geübt wird im Kinosaal der früheren französischen Berlin-Brigade im Stadtbezirk Reinickendorf. In der Woche vor Ostern standen zwei Einsätze auf dem Übungsplan: Ein Konzert in der Berliner Philharmonie, und - im Freien geprobt - ein Großer Zapfenstreich zum Abschied des stellvertretenden Generalinspekteurs Dirk Böcker in Bonn.

Taufrisch nach Konserve arrangiert

Gewöhnlich sind die Nationalhymnen aller Staaten bekannt, die Noten frei erhältlich. Doch manchmal kann es auch Schwierigkeiten geben: es kommt schon mal vor, dass junge Staaten zwar schon eine Hymne, aber keine Noten dazu haben. Auch dann weiß sich Wörrlein zu helfen: "Dann arrangiere ich die Hymne eben selbst." Zuletzt war das beim ersten offiziellen Deutschlandbesuch des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai der Fall. Drei Tage vorher wurde die gerade erst komponierte Hymne auf Tonband in Kabul einem Piloten übergeben, nach Berlin-Schönefeld geflogen und von dort per Kurier zu Wörrlein gebracht. Der brachte dann die Noten nach Gehör zu Papier, schrieb dazu das Arrangement und Karsai konnte am 14. März 2002 von Bundeskanzler Gerhard Schröder in Berlin mit seiner taufrisch intonierten Nationalhymne begrüßt werden.

Rund 220 "Einsätze" hat das Stabsmusikkorps jedes Jahr. Gut 100 davon sind Protokolleinsätze, in der Regel gemeinsam mit dem Wachbataillon. Die haben Vorrang vor allem anderen. Wörrlein: "Das Protokoll bestimmt unseren gesamten Dienst. Alles andere ist Nebengeschäft, um uns fit zu halten." Musikalisch sind Nationalhymnen nämlich eher einfach gestrickt, weit unterhalb der Fähigkeiten und Talente der meisten Orchestermitglieder. Daher werden regelmäßig auch anspruchsvollere Stücke gespielt. Beim Osterkonzert in diesem Jahr etwa steht unter anderem Tschaikowski auf dem Programm.

"Traumberuf gefunden"

In einem dieser 22 Orchester mitzuspielen ist nicht ganz einfach. Interessenten müssen zunächst bei einem der Korps vorspielen. Werden sie für geeignet befunden, geht es zur Ausbildung nach Hilden. Anschließend werden die Bewerber auf die Orchester verteilt. Die 20 Jahre alte Obergefreite Jasmin Drobbe etwa war von einem Musiklehrer auf die Militärmusik aufmerksam gemacht worden. Sie meldete sich freiwillig zur Bundeswehr, bestand den Eignungstest und spielt nach absolvierter Ausbildung seit Juli 2004 Querflöte im Stabsmusikkorps, "mit sehr viel Freude an der Arbeit", wie sie betont. Oberfeldwebel Johann Huprich spielte schon Trompete, wurde aber erst als Wehrpflichtiger auf die Militärmusik aufmerksam und verpflichtete sich dann als Soldat auf Zeit. Nach der Ausbildung in Hilden und einem zweijährigen Musikstudium in Düsseldorf ist er jetzt Solo-Trompeter im Stabsmusikkorps. Wenn er "Oh, mein Papa ist eine wunderbare Mann" intoniert, bleibt kein Auge trocken. "Musik ist mein Hobby, und hier habe ich meinen Traumberuf gefunden", sagte der 25jährige Oberfeldwebel.

Detlef Rudel/AP AP

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