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Muslime unter Verdacht "Da haben wir den nächsten Mohammed Atta"


Wie lebt es sich seit dem 11. September 2001 in Deutschland? Wie ist es, wenn man unter Generalverdacht steht? Wir haben junge Muslime befragt - im Hamburger Friseursalon von Fatih Yilmaz.
Von Manuela Pfohl

Höchste Zeit, dass du mal wieder bei mir vorbeischaust", sagt Fatih Yilmaz, legt ein Handtuch um Özgürs Schultern und deutet auf den schwarzen Dreitagebart. "Du siehst ja schon aus wie ein Terrorist." Der 23-Jährige grinst, fährt sich übers Stoppelhaar. "Vielleicht hat sich deshalb vorhin keiner in der Bahn neben mich gesetzt."

Hamburg, kurz vor dem 10. Jahrestag von 9/11. "Das ist jedes Jahr ein schwierige Zeit", weiß Özgür. "Da wittern die Leute hinter jedem Bart einen Attentäter." Erst recht, wenn er einem Muslim gehört, wie Özgür oder Ali, der sich sein Haar in Yilmaz Friseursalon ebenfalls gerade auf Samstagabend-Clubniveau trimmen lässt. Die beiden tragen die gleichen Jeans und T-Shirts, die jetzt alle in der Stadt tragen. Sie haben Smartphones in den Taschen und Kopfhörer im Ohr. Doch sie sind trotzdem nicht wie die anderen, das zeigen die abschätzigen Blicke der Nachbarn im Haus, der Passanten auf der Straße und der Fahrgäste in der Bahn gleichermaßen. Özgür hat es aufgegeben, sich darüber noch aufzuregen. "Ich bin in Hamburg geboren, studiere hier, fühle mich als Deutscher - und stehe doch immer unter Generalverdacht. Das ist eben so." In Hamburg haben 26 Prozent aller Einwohner einen Migrationshintergrund. Das sind 451.000 Menschen. Die meisten davon sind Muslime. Eigentlich müssten sie längst als Teil der Gesellschaft akzeptiert sein. Das Gegenteil ist der Fall. Mit jedem neuen islamistischen Anschlag irgendwo auf der Welt wächst die Angst vorm Terroristen von nebenan.

Weltpolitik trifft auf Weltschmerz

Fatih Yilmaz kennt dutzende Geschichten vom alltäglichen Verdacht. Hier bei ihm im Friseurladen trifft die Weltpolitik auf den Weltschmerz. Beim türkischen Tee und unterm Rasiermesser erzählen die Kunden von ihren Sorgen, von ihrer Enttäuschung und auch von der Wut über ihre Rolle als Deutsche zweiter Wahl.

"Ich hab das selber schon erlebt", sagt Yilmaz, während er Özgürs Bart einseift. Neulich bei der Ausländerbehörde zum Beispiel. Da wollte der Friseur seine Einbürgerung beantragen. Eine reine Formalie, dachte er. Seit 1991 lebt er in Deutschland. Er hat seinen Meister gemacht, irgendwann den Laden übernommen, drei Mitarbeiter eingestellt. Nun wollte er auch noch ein amtlich beglaubigter Deutscher sein. "Aber dann meinte diese Beamtin zu mir, dass ich erstmal einen Sprachtest machen und erklären muss, wie ich zum Terrorismus stehe. Ich hab' gedacht, das kann doch nicht wahr sein. Und ihr gesagt: Wissen sie was? Vergessen sie's. Ich bleibe Türke. Und fertig." Dann ist Fatih Yilmaz wieder gegangen.

Die Männer, die im Laden sitzen und auf ihren Schnitt oder ihre Rasur warten, nicken. Sie alle haben schwarze Haare, dunkle Augen und familiäre Wurzeln, die jenseits der deutschen Staatsgrenzen liegen. Die von Ali beispielsweise sind im Libanon. Anfang der Achtziger kamen die Eltern des heute 22-Jährigen nach Hamburg, Ali wuchs in der schicken Elbchaussee auf, ging aufs Gymnasium. Dass die Toleranz gegenüber dem Islam ihre Grenzen hat, merkte er spätestens in der Oberstufe, als er in der Schule einen Platz suchte, an dem er seinen Teppich ausrollen konnte für das Mittagsgebet. "Scheiß Terrorist", haben sie ihm hinterher gerufen. Radikalisiert hat ihn das nicht. Aber im Glauben bestärkt - und im Gefühl der Benachteiligung.

"Der nächste Mohammed Atta"

Immer wieder haben Soziologen und Politikwissenschaftler in den vergangenen Jahren davor gewarnt, dass die pauschale Stigmatisierung der über drei Millionen in Deutschland lebenden Muslime gefährlich ist, weil sie den sozialen Frieden gefährdet und die Integration erschwert. Genutzt hat es nichts. Populisten wie Thilo Sarrazin schüren das Feuer unterm Kessel der Ressentiments. Es ist ihnen einerlei, ob sie so den radikalen Islamisten kräftig helfen, ihr Süppchen zu kochen.

Eine Studie des Bundesinnenministeriums, die 2007 fragte, wie Muslime zu Integration, Religion und zur Demokratie stehen, und wie groß das Potential politisch-religiös motivierter Gewalt ist, kam zu dem Ergebnis, dass im Vergleich zu früheren Erhebungen die Zahl derjenigen, die sich als "religiös" oder sogar "sehr religiös" bezeichnen, gestiegen ist. Über 85 Prozent der Muslime in Deutschland bezeichneten sich als "gläubig" oder "sehr gläubig". 46 Prozent fanden, eine Frau sollte in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen und 60 Prozent der in Deutschland geborenen Muslime hatte eine Koranschule besucht. Das zeigt, dass die sogenannten westlichen Werte unserer Gesellschaft für viele Muslime ihren Charme verloren haben. Und dennoch: Die Studie betonte auch, dass eine "religiös-orthodoxe, althergebracht-traditionelle oder fundamentale Ausrichtung nicht vorschnell mit Gewaltbereitschaft und Extremismus gleichgesetzt werden darf". Der Islam lehre keineswegs den Terrorismus als Glaubensziel, und wer fünfmal täglich bete, stehe Gewalt und Extremismus zunächst in nichts näher als der Nichtreligiöse.

"Da kann man nur den Kopf schütteln"

Özgür und Ali ist der Islam wichtig. "Wer keinen Glauben hat, ist rastlos", sagt Ali. In die Moschee zu gehen, die Gebetete und das Fasten einzuhalten, soweit es möglich ist in ihrem Alltag, finden sie so selbstverständlich wie die Party mit den Freunden am Wochenende. Mit den Radikalen haben Ali und Özgür, der neben dem Studium noch in einer Cocktailbar jobbt, nie etwas zu schaffen gehabt. Dass trotzdem ständig von ihnen erwartet wird, sich von den Fundamentalisten zu distanzieren und ihre eigene Verfassungstreue zu versichern, nervt sie mittlerweile schwer.

Doch auch für Özgür und Ali gab es nach 9/11 kaum eine Chance, dem Generalverdacht auszuweichen. Erst recht nicht in Hamburg, wo nach den Anschlägen von New York eine Al-Kaida-Terrorzelle entdeckt worden war. Özgür konnte das kürzlich erst wieder feststellen, beim Klassentreffen. Als er der Lehrerin stolz berichtete, dass er nun Flugzeugbau studiere, kam der Vorbehalt gegen Muslime wie aus der Pistole geschossen: "Na, da haben wir ja dann unseren nächsten Mohammed Atta", kommentierte sie seine Studienwahl. "Ich wusste überhaupt nicht, was ich dazu sagen sollte." Atta war einer der Flugzeugentführer des 11. September 2001 und Mitglied der so genannten "Hamburger Zelle".

"Sind Sie Terrorist?"

Özgür hat versucht zu verstehen, wie die Leute ticken, wollte im Urlaub mit seiner Freundin nach New York fahren, an den Ort der Anschläge, dorthin, wo der Westen so nachhaltig traumatisiert wurde. Das einstündige Interview in Berlin, die Bitte, ein Extrakonto einzurichten und Einkommensnachweise zu erbringen, die 115 Euro Bearbeitungsgebühr - das alles hätte er hingenommen. Irgendwie. Doch als er in dem zusätzlichen acht Seiten langen Fragenkatalog die Frage liest: "Sind Sie Terrorist?", hat er aufgegeben. New York? Vergiss' es.

"Da kann man auch nur den Kopf schütteln", sagt Fatih Yilmaz, als er Özgür das Handtuch von den Schultern nimmt, noch einmal prüfend über die raspelkurzen Haare fährt - und das Ergebnis für gut befindet. Bis zum nächsten Mal! Kaum sind Özgür und Ali auf der Straße, hören sie die Nachricht: "In Berlin wurden zwei Islamisten festgenommen. Sie sollen einen Terroranschlag geplant haben." Die beiden schauen sich an. Das hat ihnen gerade noch gefehlt.


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