Nach schwerer Krankheit Lord Ralf Dahrendorf ist tot


Der deutsch-britische Soziologe und Politiker Lord Ralf Dahrendorf ist tot. In seiner Kölner Wohnung starb er am Mittwochabend nach kurzer, schwerer Krankheit, seine Frau war in den letzten Stunden bei ihm. Dahrendorf wurde 80 Jahre alt.

Die Interviewtermine zu seinem 80. Geburtstag am 1. Mai hatte Ralf Dahrendorf bereits absagen müssen - er habe eine Halsentzündung und könne nur noch ganz leise sprechen, hieß es zur Begründung. Schon seit einigen Jahren lebte Lord Dahrendorf aus Gesundheitsgründen nicht mehr überwiegend in London, sondern in Köln, näher bei der Familie. Nun ist der große liberale Vordenker dort am Mittwochabend gestorben.

Mitte April hatte er noch einen großen Auftritt in Düsseldorf, wo er als Vorsitzender einer vom Land Nordrhein-Westfalen berufenen Zukunftskommission den Abschlussbericht an Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) übergab. Bei dieser Gelegenheit wirkte er schon zerbrechlich - das Reden musste er seinem Vize Bodo Hombach überlassen.

Wenn es in der deutschen Nachkriegspolitik je einen unabhängigen Geist gegeben hat, dann ihn. Er war der Sohn eines SPD- Reichstagsabgeordneten und promovierte über Karl Marx, wandte sich aber selbst der FDP zu. Zeitweise wurde er als künftiger FDP-Chef gehandelt - dann trat er 1988 aus der Partei aus. Anfang der 70-er Jahre war er EU-Kommissar, veröffentlichte aber zu eben dieser Zeit unter einem Pseudonym äußerst kritische Artikel über die Brüsseler Bürokratie und ihre "Berufseuropäer".

In England bewundert - aber auch bestaunt wie ein Exot

Schließlich kehrte er dem Kontinent den Rücken und ging als Chef der London School of Economics nach England. Bald hatte er auch dort den Ruf eines Querdenkers weg, bewundert zwar, aber auch bestaunt wie ein Exot. Bei aller Liebe zu England schreckte er nicht davor zurück, die Nation 1983 in einer mehrteiligen Fernsehserie über die Gründe ihres Abstiegs zu belehren.

Damals spottete die "Sunday Times": "Die Briten sind zwar gastfreundlich gegenüber germanischen Gelehrten, aber kaum dafür bekannt, dass sie deren Ratschläge annehmen." Ob es nun Zufall war oder nicht - sie haben dann doch vieles von dem umgesetzt, was ihnen der deutsche Soziologe empfohlen hatte.

Seit 1993 Mitglied im Oberhaus

Seit 1993 trug der gebürtige Hamburger die hermelinbesetzte Lordrobe des britischen Oberhauses. Mancher deutsche Politiker spottete damals, er sei nun wirklich ein "unverbesserlicher Engländer" geworden. Umgekehrt aber bezeichnete ihn der "Independent" als das "Urbild eines teutonischen Professors". Daraus kann man wohl vor allem eines ableiten: Dahrendorf gehörte nirgendwo richtig dazu, er blieb "his own man", wie man in England so schön sagt. Er war ein Grenzgänger und sah sich in der Tradition des großen Humanisten Erasmus von Rotterdam, der in der Reformationszeit auch immer zwischen allen Stühlen gesessen hatte.

Wenn man Dahrendorf selbst fragte, was er denn sei, antwortete er immer: "Ich bin Londoner." Bis zuletzt jettete er zu wichtigen Terminen dorthin, er war Oberhausmitglied auf Lebenszeit. "London ist meine Stadt, die liebe ich sehr", sagte er.

London war für Dahrendorf fast eine Idealgesellschaft

In mancher Hinsicht sah er sie sogar als die Idealgesellschaft, die ihm sein Leben lang vorschwebte, als offene Gemeinschaft freier Bürger. "London ist die einzige mir bekannte Stadt, in der so viele unterschiedliche Gruppen auf eine so friedliche Weise miteinander leben", meinte er. "Selbst bei den Terroranschlägen im Juli 2005 ist es ja so gewesen, dass Muslime jüdischen Frauen halfen, aus dem Zug zu kommen."

Dahrendorf hat in seinem Leben viel ausprobiert und wieder verworfen. Doch nach den Worten einer anderen großen Liberalen, Marion Gräfin Dönhoff, war sein Kompass immer auf dasselbe Ziel ausgerichtet: "auf politische Freiheit und geistige Liberalität".

Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle würdigte Dahrendorf als "liberalen Weltbürger und einen der ganz großen Intellektuellen Europas". Seine Partei "verneigt sich vor Lord Ralf Dahrendorf, dem sie sehr viel zu verdanken hat".

Christoph Driessen/DPA DPA

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