Nationalhymne Kleinigkeit und Recht und Freiheit


Während die Zurschaustellung von Nationalsymbolen in diesen Tagen fast zur Bürgerpflicht gehört, kritisiert die Lehrergewerkschaft GEW das "furchtbare" Deutschlandlied. Und trat eine Welle der Empörung los, die sie so nicht gewollt hat.
Von Niels Kruse

Dass eine einfache Aussendung von Unterrichtsmaterialien die Gemüter derart empören würde, hätte sich Jochen Nagel vor ein paar Tagen nicht vorstellen können. Und auch nicht, dass er an seinem verlängerten Wochenende Dauertelefonate mit Journalisten führen würde. Doch der Vorsitzende Lehrergewerkschaft GEW in Hessen hat mit seiner jüngst geäußerten harschen Kritik an der Nationalhymne offenbar in ein Wespennest gestochen - und das ausgerechnet zur Fuball-WM.

"Skandalös" nennt der DFB-Präsident Theo Zwanziger das GEW-Papier "Argumente gegen das Deutschlandlied - Geschichte und Gegenwart eines furchtbaren Loblieds auf die deutsche Nation". "Griff in die Mottenkiste linksradikaler Positionen" heißt es bei der hessischen CDU. Die GEW sei ein "Miesmacher", schreibt die auf der neuen patriotischen Welle ganz oben surfende "Bild"-Zeitung. Doch es ist auch Unterstützendes zu hören, der Rhetoriker Walter Jens etwa sagt: "Wenn ich was an unserem Land auszusetzen habe, dann diese unsägliche Nationalhymne."

Jochen Nagel jedenfalls, Mitinitiator des umstrittenen Papiers, kann die ganze Aufregung nicht verstehen: "Wir haben überhaupt nichts dagegen, dass die Menschen feiern oder schwarz-rot-goldenen Perücken tragen oder die Nationalhymne singen", sagt der hessische GEW-Chef zu stern.de. Allerdings, so die Kritik Nagels, "kann sich eben nicht jeder an dem Deutschlandlied freuen, etwa die Opfer des Nationalsozialismus". Aber die Nationalhymne gleich abschaffen, wie teilweise zu lesen ist, dass wolle er sie nun nicht.

Was dann? Im Vorwort seiner Anti-Deutschlandlied-Broschüre verweist Nagel ausdrücklich auf die gerade stattfindende Weltmeisterschaft und auf das Gefühl des "Wir sind wieder wer" - gegen die die GEW nun ein Zeichen setzen will. Nagel muss sich wiederholen - gegen schwarz-rot-goldene Feierei habe er nichts, aber "bestimmte Kräfte versuchen derzeit die Vergangenheit vergessen zu machen", sagt er und führt konkret den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch an. Der, so GEW-Chef Nagel, führe seine Wahlkämpfe mit ausländerfeindlichen und deutschnationalen Parolen oder will etwa das Absingen der Hymne bei Abi-Feiern einführen.

Gegen diese "Stimmung des Nationalismus" will seine Gewerkschaft ein Zeichen setzen und die "Argumente gegen das Deutschlandlied" leisten dafür einen fundierten Beitrag, heißt es im Vorwort. Nagel geht sogar soweit zu behaupten, dass in Sachen Aufklärung über die Nationalhymne bewusst eine Lücke gelassen werde. Eine, die es jetzt füllen gelte.

Gemäßigtere Stimmen monieren vor allem den Zeitpunkt, zu dem die GEW die Nationalhymnen-Diskussion wiederaufleben lässt. Eine Mikro-Welle des Patriotismus hat Deutschland erfasst, die Deutschen gehen fröhlich und zwanglos mit ihren Nationalsymbolen um, und einzig die Tatsache das dies alles niemanden erschreckt, erschreckt einige. Und ausgerechnet jetzt soll eine Debatte über den Inhalt der Nationalhymne geführt werden?

"Einen richtigen Zeitpunkt für die notwenige Diskussion wird es nie geben", sagt Nagel. Aber gerade weil die meisten, die jetzt inbrünstig die Hymne schmettern, würden die zweifelhaften Hintergründe des Deutschlandslieds nicht kennen. "Deshalb wollen wir den 'Argumenten' Aufklärungsmaterial bereitstellen. Diese können die Lehrer, an denen sie verschickt worden sind, natürlich auch als Unterrichtsmaterial zu Verfügung stellen", so Nagel.

Der renommierte Historiker Hans Mommsen, nicht gerade als ausgemachter Rechter bekannt, sieht die Bedenkenträger von der GEW kritisch: Die Nationalhymne sei "für die, die sie singen, sicherlich kein Loblied auf die Nation. Sie hat einen emotionalen Stellenwert, ist ein Erkennungssymbol."


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