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Neue Grünen-Fraktionsspitze: Schwarz-Grün? Eher nicht.

Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter beschwören beim ersten gemeinsamen Auftritt die "Inhalte". Dabei fremdeln sie untereinander - und mit Schwarz-Grün.

Von Fritz Zimmermann

Vielleicht geht Anton Hofreiter zum Lachen in den Keller, in die Bundespressekonferenz jedenfalls geht er dazu nicht. Ein einziges Mal nur scheint er vergessen zu haben, wo er sich befindet: Als seine neue Kollegin an der Fraktionsspitze der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, einem Journalisten antwortet, muss er kurz lachen; doch sofort macht ihn das Klicken der Kameras darauf aufmerksam. Ruckartig guckt er wieder ernst. Und das bleibt für nahezu den gesamten Verlauf der Pressekonferenz so. Immer wieder beugt sich Göring-Eckardt zu ihrem Kollegen hinüber, macht kleine Scherze, versucht sich an zur Schau gestellten Koketterien. Aber Hofreiter reagiert einfach nicht darauf. Strikt hält er sich an das, was im Berliner Politikbetrieb schwer in Mode ist: "Inhalte müssen im Vordergrund stehen" - keine Zeit für Scherze.

"Ökologie, Gerechtigkeit, Freiheit" seien diese "Inhalte" der grünen Bundestagsfraktion für die nächsten Jahre, sagt Hofreiter. Auch Göring-Eckardt bezeichnet die Grünen als "Partei des Ermöglichen", bei der die ökologische Frage im Mittelpunkt stehe. Hier kämpfen zwei Grüne gegen das Image als Verbotspartei. "Es geht darum, verlorene Sympathien zurückzugewinnen", sagt Göring-Eckardt - und offenbar darum, ein paar liberale Sympathien hinzuzubekommen.

Ungelenk, aber mit Wucht

Dafür ist in Zukunft auch der wikingerhafte Anton Hofreiter zuständig. In der Bundespressekonferenz wirkt er noch ein bisschen ungelenk, in Auftritt und Aussagen. Seine Sätze stocken mehr, als dass sie fließen. Häufig wiederholt er dieselben Satzbausteine. So will er "die Welt zum Besseren verändern" oder findet die Äußerungen vom Innenminister Friederich zur Flüchtlingsproblematik "sehr, sehr schwierig", weshalb er "sehr, sehr skeptisch" in die Sondierungen mit der Union gehe. In diesen Momenten ähnelt er einem Fußballer im Interview nach dem Spiel.

Hin und wieder allerdings rutschen Hofreiter Sätze mit Wucht heraus. Über Friedrich sagt er auch: "Das sind Äußerungen, die die Atmosphäre im Land vergiften." Auf die Frage eines Journalisten, ob die Grünen ein Coaching anstrebten, um mit dem "Politprofi Gysi" in der Opposition fertig zu werden, antwortet er trocken, es käme nicht nur auf die Performance an: "Inhalte sollten zumindest auch eine Rolle spielen." Diese wenigen Momente der Bestimmtheit lassen erahnen, warum Hofreiter ohne Gegenkandidaten mit 80 Prozent der Stimmen an die Spitze der Fraktion gewählt wurde. Bei seinem ersten großen Auftritt in dieser Funktion ist ihm die Nervosität jedoch anzumerken.

Vorbereitung auf die Große Koalition

Anders präsentierte sich seine künftigen Tandempartnerin Katrin Göring-Eckardt: Sie führt die Gruppe der neuen Spitzengrünen vorneweg in den Saal der Bundespressekonferenz und gibt als erste ihr Statement ab. Mit der neuen Fraktionsführung vollziehe sich ein "Generationswechsel", sagt sie. Es seien keine Vertreter der Gründergeneration mehr dabei. Mit ihr und Hofreiter stehe die neue Fraktionsführung "für eine Mischung von Neuen und Alten". Fast alle Fragen der Journalisten beantwortet sie als erste. Sie gibt den Ton an. Hofreiter sitzt neben ihr und nickt bei ihren Antworten häufig zustimmend. Nur Scherzen will er nicht mit ihr. Stattdessen schiebt er, wenn sie fertig ist, immer noch eine Antwort hinterher: Auch für Journalisten kann das Konzept der Doppelspitze nervenaufreibend sein.

Einzig Britta Haßelmann, die neue Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, hält sich zurück. Doch was sie sagt, ist interessant: Ihre erste Aufgabe sei es, sich um die Minderheitenrechte einer Opposition aus Linken und Grünen im Bundestag zu kümmern. "Wir bereiten uns darauf vor", sagt sie. Was meint sie damit? Offenbar rechnen die Grünen damit, dass eine Große Koalition regieren wird - und nicht Schwarz-Grün.

Keine Angebote, keine roten Linien

Die Sondierungen sollen "ernsthafte und offene Gespräche" werden, sagt Göring-Eckardt. Aber die "Inhalte" müssten stimmen, ergänzt Hofreiter. Da seien sie gespannt darauf, was die Union ihnen bei den Sondierungen anböte. Was sie selbst der Union denn anböten oder was eigene rote Linien seien, will er aus "verhandlungstaktischen Gründen" allerdings nicht verraten - kein Scherz.