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Neuer Bundesbank-Chef Weidmann: Ein Kenner der Macht

Kann ein Intimus Merkels die Unabhängigkeit der Bundesbank schützen? Er kann es besser als andere. Weil er alle Kniffe kennt.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Die Einwände, die Bedenkenträger des Finanzgewerbes gegen den kommenden Chef der Bundesbank vortragen, sind eher philosophischer Natur. Denn fachlich lässt sich gegen Jens Weidmann nichts sagen. Ein Mann mit mehr Erfahrung saß bislang nicht im Chefsessel der Bundesbank. Die inneren Abläufen und Hierarchien der Bundesbank sind ihm geläufig, schließlich war er dort schon mal Leiter ihrer Abteilung Geldpolitik. Er war schon bei der Banque France tätig, die wichtigsten Gesprächspartner kennt er persönlich. Er war beim Internationalen Währungsfonds, war Generalsekretär des Sachverständigenrats zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und schließlich Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Finanzpolitik im Kanzleramt, wo er aufs engste mit der Krise und der Reform der internationalen Finanzarchitektur beschäftigt war. Vor dem Hintergrund dieser Biografie lautet der zentrale Zweifel an seiner Berufung: Ist der Mann nicht vor allem Merkels Macher, sozusagen ihr Handlanger? Wie kann er die Unabhängigkeit der Bundesbank vor den zuweilen opportunistischen Winkelzügen der Politik verteidigen?

Erinnert Euch an Tietmeyer

Die Antwort lautet: Er kann. Weil er die Winkelzüge kennt. Weidmann ist im Kanzleramt ein Kenner der Macht geworden und ihres egoistischen Systems der Selbstbehauptung. Die große Nähe zur Kanzlerin, die ihm jetzt von vielen als zu große Nähe angekreidet wird, ist eher eine Gewähr dafür, dass dieser Mann sich nicht fremd steuern lässt. Er weiß vermutlich besser als jeder andere, wie er die Bundesbank davor schützen kann, vor den politischen Karren der Finanzpolitiker gespannt zu werden. Und man darf ihm unterstellen, dass er die bruchlose Loyalität, die er als Beamter gegenüber Merkel pflegte, zuweilen sogar gegen seine fachliche Überzeugung, dass er diese Loyalität erst recht gegenüber der Bundesbank aufbringen wird.

Falls im Kanzleramt und in den Regierungsfraktionen jemand daran zweifelt, sollte er sich an Weidmanns Amtsvorgänger Hans Tietmeyer erinnern. Kanzler Helmut Kohl hatte Tietmeyer, weil er der CDU nahe stand und Staatssekretär im Finanzministerium war, in den neunziger Jahren an die Spitze der Bundesbank befördert. In den schwierigen finanzpolitischen Jahren nach der Wiedervereinigung ließ sich Tietmeyer jedoch nicht eine Sekunde von Kohl gängeln. Seine Vergangenheit als lenkbarer Beamter war von einem zum nächsten Tag Geschichte, als er Bundesbankchef wurde. Auch Weidmann wird sich von seiner Vergangenheit als Merkels Macher lösen. Deren Ja-Sager war er ohnehin nie.

Die Schwachstelle EZB

Was an Weidmanns Berufung zu kritisieren bleibt, ist die Tatsache, dass sie mit einem hohen Preis bezahlt werden muss: Die Bundesrepublik kann nun nicht mit der Person Axel Webers den neuen Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) stellen. Das aber ist die finanz- und währungspolitische Schlüsselposition der Zukunft. Der Bundesbankchef hat bei der Absicherung des Euro deutlich weniger zu sagen als der EZB-Chef. Diese Schwachstelle wird Angela Merkel politisch noch beschäftigen.

  • Hans Peter Schütz