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Corona-Lage Niedrige Inzidenzen in Ostdeutschland: Das steckt dahinter

Passanten in Fußgängerzone
In der Leipziger Innenstadt herrscht dichtes Treiben. Noch sind die Infektionszahlen hier vergleichsweise niedrig.
© Peter Endig / DPA
Die Inzidenzen steigen – aber nicht überall. Während der Westen Deutschlands mit wachsenden Fallzahlen kämpft, bleibt es im Osten ruhig. Experten erklären, woran das liegt.

Die vierte Corona-Welle rollt auf Deutschland zu. Spitzenreiter bei den Inzidenzwerten sind unter anderem die drei Stadtstaaten sowie Nordrhein-Westfalen. Das Bundesland hatte zuletzt die 100er-Marke gerissen und gehört nun zu den Corona-Hotspots in der Bundesrepublik.

Dabei sah es vor wenigen Monaten noch ganz anders aus. Im Winter und Frühjahr waren in Sachsen und Thüringen mit regionalen Inzidenzwerten von 500 noch das Rennen. Erst im Mai sanken die Fallzahlen langsam und purzelten im Juni auf einen Tiefststand, den die Länder zuletzt im Spätsommer 2020 erreicht hatten. Die niedrigen Infektionszahlen können die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, die in der Vergangenheit vor allem durch Anti-Corona-Demonstrationen der Querdenker und eine vergleichsweise geringe Impfbreitschaft auffielen, bis heute halten. Woran liegt das?

Das Virus reist mit

"Die geographische Verteilung der Inzidenzen entspricht dem Bild, das wir auch letztes Jahr sehen konnten", sagt Professor Bertram Häussler, Leiter des Forschungs- und Beratungsinstituts Iges, dem stern. Damals seien die Inzidenzen im Osten ähnlich niedrig gewesen, wie jetzt, während sie in anderen Bundesländern deutlich anstiegen. Häussler vermutet, dass die Inzidenzen insbesondere mit dem Migrationsanteil in einem Bundesland zusammenhängen, die vermehrt zum Urlaub in ihre Herkunftsländer reisten. Diese seien in Nordrhein-Westfalen, Bremen oder Berlin deutlich höher als in Sachsen oder Thüringen. Im vergangenen Jahr hätten so vor allem Reiserückkehrer aus den Balkanstaaten und der Türkei die Infektionszahlen in die Höhe getrieben. Zumindest für Rückkehrer aus den Balkanstaaten sei dies jetzt aber nicht zu erwarten, da die Länder ihr Infektionsgeschehen besser kontrollieren.

Professor Hajo Zeeb, Epidemiologe am Leibniz-Institut in Bremen, sieht das ähnlich, würde die steigenden Inzidenzen jedoch nicht nur auf den Migrationshintergrund sondern insgesamt auf die gesteigerte Reiseaktivitäten zurückführen. "Aus dem letzten Jahr wissen wir bereits, dass die Rückreisen aus den entsprechenden Ländern einen messbaren Effekt auf die Infektionszahlen haben", sagte Zeeb dem stern. In diesem Jahr entwickele sich eine ähnliche Dynamik. Dort, wo die Sommerferien bereits zu Ende sind, wie in Nordrhein-Westfalen, würden die Inzidenzen wieder stärker ansteigen, vermutet Häussler.

Kontakte begünstigen Corona-Ausbreitung

Ein weiterer Faktor sei die Bevölkerungsdichte und die damit einhergehenden Kontaktmöglichkeiten. Diese sei in städtischen Gebieten höher als in ländlichen Regionen. Aber auch hier spielt, laut Häussler, der Kontakt ins Ausland eine wichtige Rolle. Je mehr Kontakte zu Personen in Urlaubsregionen und in der Heimat gepflegt würden, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Virus in Deutschland weiter ausbreitet.

Städte wie Leipzig und Dresden hätten neben einer hohen Bevölkerungsdichte auch einen hohen Anteil an Personen mit Migrationshintergrund. Dass die Inzidenzen dort derzeit nur halb so hoch sind, wie etwa in Bremen oder Hamburg, liege möglicherweise daran, dass die Bürger dort aus anderen Ländern stammen, "wie beispielsweise Russland, wohin der Reiseverkehr weniger an die Ferien gebunden ist."

Zwei weitere Faktoren, die das Infektionsgeschehen im Osten stark beeinflussen würden, seien das Alter und der Impffortschritt, wie die Experten erklären. Zwar glänzen die östlichen Bundesländer nicht mit hohen Impfquoten, dafür fällt der Altersdurchschnitt in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt mit 46 bis 49 Jahren etwas höher aus als in anderen Bundesländern. "Das Erkrankungsalter ist aber seit letztem Jahr massiv gesunken", sagt Häussler. Lag der Altersdurchschnitt damals noch bei knapp 50 Jahren, so stecken sich dieses Jahr besonders viele Menschen im Alter von 30 Jahren an. Zudem seien vermehrt Personen aus vulnerablen Gruppen geimpft – das gilt auch für den Osten, auch wenn die Impfquote dort vergleichsweise niedrig ist.

Inzidenzen können trotzdem wieder steigen

Allerdings warnen die Experten davor, sich auf die derzeit niedrigen Inzidenzen auszuruhen. "Das sind dynamische Effekte, die sich schnell ändern können. "Es handelt sich nur um eine Momentaufnahme", betont Zeeb. Regionale Unterschiede sollten deshalb nicht überbewertet werden. Gerade die hochinfektiöse Delta-Variante könnte spätestens in der Herbst- und Weihnachtszeit auch vermehrt in den ostdeutschen Bundesländern und insbesondere unter Ungeimpften grassieren. Die vierte Welle könnte damit auch in Ostdeutschland ankommen – nur zeitversetzt.

cl

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