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Norbert Röttgen im stern: "Wir dürfen kein Fossil werden"

Modern, ökologisch, sozial: So sieht Umweltminister und CDU-Vize Norbert Röttgen seine Partei. Der stern traf ihn zum Interview.

Kurz vor Beginn des CDU-Parteitages in Leipzig macht sich Umweltminister Norbert Röttgen für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns stark. "Wenn in Zeiten abnehmender Tarifbindungen immer häufiger Löhne gezahlt werden, die geringer sind als Sozialhilfe, dann verletzt dies das Gerechtigkeitsempfinden fast aller Menschen", sagt Röttgen im neuen stern. "Es ist gute christdemokratische Politik, dagegen mit Lohnuntergrenzen anzugehen." Zudem sei es "notwendig, um das Land zusammenzuhalten". Innerparteilichen Kritikern insbesondere vom CDU-Wirtschaftsflügel hielt der stellvertretende Bundesvorsitzende vor: "Ich kenne viele einfache CDU-Mitglieder. Die finden es ungerecht, wenn man für vier bis fünf Euro arbeiten soll."

Energisch plädierte Röttgen in dem Interview für eine konsequente Modernisierung seiner Partei. "Soll die CDU, während die Welt um sie herum sich verändert, zu einer dogmatisch erstarrten Partei werden, die alle Vorurteile bestätigt?", frug Röttgen im stern. Er verteidigte auch die umstrittene Abkehr seiner Partei von der Hauptschule. Nur wer sich mit "der Realität und den Wünschen von Eltern und Schülern beschäftigt, und zwar unideologisch", erziele gute Ergebnisse. "Wir dürfen nicht programmatisch stehenbleiben und ein Fossil werden. Dann würden wir abgewählt", so Röttgen wörtlich.

Der CDU-Vize plädierte im stern auch für mehr innerparteiliche Demokratie: "Man muss mehr erklären, mehr begründen – und mehr beteiligen. Das macht das Leben schwerer, aber es macht die CDU am Ende stärker. Die einfachen Mitglieder kommen nicht in eine Partei, um zu applaudieren."

Die vor der Regierung beschlossene Steuersenkung bezeichnete der Umweltminister als "o.k., zumal in unserer Koalition einer der beiden Partner größten Wert darauf legt". Zugleich mahnte er jedoch davor, "auf Kosten der nächsten Generationen zu leben; das gilt für die Finanzen, aber auch für unsere Umwelt und unsere Ressourcen", sagte Röttgen dem stern. "Wenn wir den CO2-Ausstoß nicht verringern, laufen wir auf eine Ökokrise zu, wie wir auf die Finanzkrise zugelaufen sind. Es sind strukturell gleiche Krisen: Gegenwartsexzesse auf Kosten der Zukunft."

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