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Autoexplosion in Charlottenburg: Offenbar kein Terror, sondern Bandenkrieg

Mitten in Berlin, in Charlottenburg, explodiert ein Auto - der Fahrer stirbt. Die Anwohner sind verunsichert, ein Terroranschlag war es aber wohl nicht. Vieles spricht für einen Bandenkrieg, das Opfer war polizeibekannt.

Von Karoline Böhme, Berlin-Charlottenburg

Die Polizei an der Unfallstelle in der Bismarckstraße

Heute um acht Uhr explodierte in Berlin-Charlottenburg ein Auto während der Fahrt. Der 43-jährige Fahrer starb. 

Das Wrack des silbernen VW-Passat ist auch aus der Ferne deutlich zu erkennen. Trümmerteile liegen auf der Straße verstreut. Inzwischen ist vieles, aber längst nicht alles darüber bekannt, was sich an diesem Dienstagmorgen auf der Bismarckstraße im Berliner Stadtteil Charlottenburg ereignete: Es gab eine Explosion in dem fahrenden Auto, es wurde nach rechts auf einen parkenden Wagen geschleudert und rollte noch etwa 30 bis 40 Meter weiter. Der Fahrer 43-jährige Fahrer starb noch vor Ort.

Die Polizei geht nicht von einem Terroranschlag sondern von einer gezielten Attacke aus. "Die Vermutung geht in die Organisierte Kriminalität", sagte ein Polizeisprecher. Das Opfer ist nach Angaben der Ermittlungsbehörden polizeibekannt: Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Falschgeld-Delikte, Glückspiel. Allerdings sei nicht klar, ob der Mann selber Ziel des Anschlags war. Er könnte auch einem anderen gegolten habe - und der Fahrer saß nur zufällig im Auto. Der Sprengsatz war unter dem Auto montiert und nicht besonders groß. Zwar wurden Türen und Fenster aufgesprengt, aber das Auto nicht auseinandergerissen. Experten suchten nach der Explosion nach weiterem Sprengstoff.

"Hast Du Dich in die Luft gejagt?"

Dreieinhalb Stunden nach der Detonation endlich Entwarnung: Die Polizei meldet, dass von dem Auto keine Gefahr mehr ausgehe. Das Gebiet ist trotzdem weiträumig abgesperrt. "Mir macht das auch keinen Spaß", sagt ein Polizist, der Beobachter zurückdrängt und ein neues Band quer über die Fahrbahn spannt.

Passanten und Medienvertreter vor der Unfallstelle

Die abgesperrte Kreuzung Bismarckstraße/Krumme Straße. Hier explodierte um acht Uhr am Morgen ein Auto und der einzige Insasse starb.


"Als ich den Knall gehört habe, habe ich sofort gewusst, dass etwas nicht stimmt", sagt Klaus-Dieter Minkner, 68. Der Rentner wohnt in der Nähe der Bismarckstraße. "Ich habe sofort einen Freund angerufen, der hier wohnt und ihn gefragt: 'Hast du dich in die Luft gejagt?'"

Anwohner können trotz Entwarnung nicht einfach in ihre Wohnungen zurück. "Wo wohnen Sie genau?", fragt ein Polizist am Absperrband. Die Anwohnerin wird von einem Beamten durch die abgesperrte Straße begleitet. Eine ältere Dame im Pelzmantel möchte den abgeriegelten Bereich verlassen. Eine Polizistin hebt das Absperrband. Die Rentnerin Irene Schmidt, 73, duckt sich darunter hindurch. Sie erklärt, dass sie nicht weit von der Unfallstelle wohne, von der Detonation aber nichts mitbekommen habe. "Ich habe nur die Feuerwehr und den Hubschrauber gehört", sagt sie.

Keine Angst - aber Beunruhigung

Kurz vor der Sperrzone geht der Betrieb in der "Kaiser's"-Filiale weiter. Geschäftsführer Michael Schulz, 45, erklärt, er sei zu dem Zeitpunkt der Detonation im Keller des Ladens gewesen. "Wir haben den Knall gehört. Man hat auch eine gewisse Vibration gemerkt", sagt er. Seine Mitarbeiter und er seien aber nicht vor die Tür gegangen. Morgens um 8 Uhr sei dort normalerweise nicht viel los. Niemand ahnte zu dem Zeitpunkt, was passiert sein könnte. "Wir haben an alles gedacht, aber nicht an eine Explosion", sagt Michael Schulz.

Vor der Tür sind inzwischen zwei Abschleppfahrzeuge angerückt, dürfen aber noch nicht mit dem Aufräumarbeiten beginnen. "Dann gehen wir erstmal Kaffee trinken", verkündet einer der Fahrer. Die Polizei hat das Absperrband wieder ein Stück näher an der Unfallstelle gezogen. Natürlich reizt das Szenario auch die Sensationslust ann. Eine junge Passantin telefoniert: "Ja, mitten in Charlottenburg. Bismarckstraße. Mein Fahrrad steht da noch, da komme ich jetzt nicht dran. Man sieht das Autowrack und ein paar Trümmer. Die Leichenteile sehe ich nicht. Die haben sie wohl schon weggeräumt." Die Umstehenden hören genervt zu. "Da waren keine Leichenteile", blafft einer die junge Frau an.

Henkel: Tat hat "erhebliche Dimension"

Viele Passanten suchen nach Gesprächen mit den Polizeibeamten wenig erfreut nach Umwegen. Angst ist unter den Menschen auf der Bismarckstraße nicht spürbar. Sie sind höchstens beunruhigt. "Bisher war man in Berlin ja noch relativ sicher. Aber wenn jetzt schon Autos durch die Luft fliegen, naja...", sagt Michael Schulz. Man könne nur von Glück reden, dass die Explosion so früh am Morgen geschah. "Passen Sie auf sich auf", sagt eine Polizistin zu Irene Schulz. "So aufpassen kann man ja heute gar nicht mehr", sagt die Rentnerin und deutet auf das Autowrack.

Berlins Innensenator Henkel sagte unterdessen, die Polizei ermittle "mit Hochdruck in alle Richtungen". "Das, was hier pasiert ist, hat eine erhebliche Dimension." Auch Berlins Regierender Bürgermeister meldete sich zu Wort: "Nach dem bisherigen Ermittlungsstand war es wohl ein gezielter Anschlag auf einen einzelnen Menschen und kein Terroranschlag. Der Hintergrund war wohl nicht politisch." Berlin erlebt häufiger gewalltätige Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Banden, etwa aus dem Drogenhandel oder dem Rotlichtmilieu. Im vergangenen Sommer gab es eine Schießerei zwischen Rockern auf offener Straße.