Patient SPD Die Jusos - eine zerrüttete Jugend


Die Zeit, als Deutschlands Polit-Jugend noch rockte, ist lange vorbei. Vor allem die Jusos sind seit Jahren in der Krise. Jetzt hat ihre Vorsitzende Franziska Drohsel eine neue, alte Parole ausgegeben: Sozialismus! Sie bringt sich damit selbst in Bedrängnis.
Von Sebastian Christ

Irrsinn ist eine Berliner Disziplin. Profi-Politiker reden oft wochenlang, ohne etwas zu sagen. Haben Posen eingeübt, haben Imageberater, haben Ideengeber. Eine Industrie der Oberflächenpolitur, deren Produkt die Beliebigkeit ist. Und wer das alles nur lange genug beobachtet hat, der findet die Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel auf den ersten Blick unwiderstehlich authentisch. Wie sie am Rednerpult steht: voller Elan, hüpfend, tänzelnd, zuckend, wie sie sich manchmal ganz unwirsch bewegt. Bei längeren Reden bekommt sie vor Aufregung oft rote Flecken am Hals. Manchmal jedoch kann sie einem richtig leid tun: Weil ihr trotzdem kaum jemand glaubt.

So geschehen Anfang Mai an der Berliner Humboldt-Universität. Franziska Drohsel ist zu Gast auf dem 68-er Kongress der Linksjugend, sie soll über die "Organisationsfrage" in der politischen Jugendbewegung reden. Sie steht unter Druck, ihre Sätze schweifen immer wieder ab, finden kein Ziel, keine Pointe. Drohsel redet über die Rolle der Jusos in den 70-er Jahren.

Es hört sich ungefähr so an: "Das äh was damals äh als Doppelstrategie firmiert hat äh und das kann man äh heute äh auch noch so nennen." Immer wieder wird sie von den anwesenden Studenten ausgelacht. Besonders dann, wenn sie den Brückenschlag zwischen heutigen linken Jugendbewegungen und den Jusos versucht. Die Jusos seinen "sozialistisch", sagt Drohsel. Da kichern selbst die Schülervertreter im Publikum.

"Die SPD ist nicht einmal sozialdemokratisch"

Irgendwann steht eine junge Frau auf, 28 Jahre alt, dunkelblonde Haare. Lucy Redler stammt aus Kassel, hat später in Hamburg studiert und war zwei Jahre lang im geschäftsführenden Landesvorstand der WASG in Berlin. Bekannt wurde Redler, weil sie sich im vergangenen Jahr vehement gegen die Fusion ihrer Partei mit der PDS gewehrt hat. Sie spricht - laut, direkt, schnell, präzise. "Die SPD ist nicht einmal mehr sozialdemokratisch", sagt Lucy Redler. "Ich teile nicht irgendwelche Illusionen in der Parteiführung der Linken, dass sich die SPD noch einmal nach links bewegt. Immer dann, wenn die SPD sich bewegt hat, geschieht das auf Druck von links." Drohsel schaut gequält in die Runde.

Die Jusos sind in der Krise. Im Jahr 1975 waren noch 315.000 junge Menschen bei den Jusos engagiert, zwei Jahre später waren es kurzfristig sogar einmal 337.000. Danach ging es bergab. Gemessen an ihrem Höchststand haben die Jusos bis heute zirka 85 Prozent ihrer Mitgliederstärke verloren. Das hat dramatische Folgen für die Altersstruktur der Partei. Nur noch 20.000 Mitglieder sind jünger als 25 Jahre, der SPD fehlt der politische Nachwuchs. Früher waren die Jusos ein großes Bassin, randvoll mit tollen Hechten, bereit zum Sprung ins Becken der großen Politik. Bald wird der Wasserstand so niedrig sein, dass womöglich nur noch Guppys darin Platz finden.

Opfer von "Politikverdrossenheit"?

Parallel dazu verdünnisierte sich der innerparteiliche politische Einfluss, auch wenn führende Jusos das Gegenteil behaupten. Vorbei die Zeiten, in denen eine Heidi Wieczorek-Zeul, ein Gerhard Schröder und selbst noch eine Andrea Nahles die SPD aufmischten. Für die Außenwirkung gilt der gleiche Befund. Wissenschaftler stellen seit Jahren fest, dass die Jusos aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden. Sind die Jungsozialisten das Opfer ihrer Generation, einer politikverdrossenen Jugend, die keine Lust mehr hat, sich durch die Mühlen der Partei zu quälen?

Wohl kaum. Die Nachwuchsorganisationen der kleineren linken Parteien leiden weit weniger. Die Grüne Jugend geriet nach dem Kosovokrieg im Jahr 1999 zwar in schwere Turbulenzen, verlor damals ein Drittel der Mitglieder. Mittlerweile hat die Organisation aber wieder fast genauso viele Mitglieder wie 1998 - etwa 6000. Bemerkenswert auch die Entwicklung bei der Linksjugend. Der Verband wurde im vergangenen Jahr gegründet und steht der Linkspartei nahe. Nach der geglückten Westexpansion der Mutterpartei sind dort mittlerweile etwa 9000 junge Menschen organisiert. Damit ist die Linksjugend bereits die zweitwichtigste linke Jugendorganisation in Deutschland. Und ein ernstzunehmender Gegner für die Jusos im Kampf um die besten politischen Köpfe an Deutschlands Schulen und Universitäten.

Morgenröte statt Agenda

Drohsel versucht die Jusos zu retten, in dem sie ihnen einen strammen Linkskurs verordnet: weg von der Agenda, hinein in die Morgenröte. In Drohsels Reden fallen oft Begriffe wie "System", "sozialistisch", "Kapitalismus": Worte, die man in dieser Kombination seit dem Amtsantritt von Bundeskanzler Gerhard Schröder nur noch auf Asta-Kongressen und Parteitagen der Linken vermutet hätte. "Das Auseinanderdriften von Oben und Unten muss uns dazu bringen, über die grundsätzliche Ausrichtung sozialdemokratischer Politik zu diskutieren", sagt Drohsel auf einem Juso-Kongress Anfang Juni. "Dieses System ist von Menschen gemacht, und dieses System kann auch von Menschen überwunden werden." Wie der Juso-Sozialismus konkret aussehen soll, ob eine Revolution dort hin führt, eine Evolution - niemand weiß es. Klar ist nur: Drohsel will die rot-rot-grüne Karte spielen. Auch auf Bundesebene.

Die SPD wäre nicht die SPD, wenn es nicht auch ihrer Jugendorganisation zwei Lager gäbe. "Wir werden seit Jahren konsequent niedergestimmt", sagt Anita Geißler, Sprecherin der "Pragmatischen Linken" innerhalb der Jusos. "Es ist unbegreiflich zu meinen, dass etwas erfolgreich sein könnte, womit die Jusos schon vor 40 Jahren gescheitert sind. Wie kann man da auf die Idee kommen, dass man damit heutzutage junge Menschen ansprechen könnte?" Dem von Drohsel ins Spiel gebrachten Linksbündnis erteilt Geißler eine Absage. "Wir sind klar gegen Rot-Rot-Grün. Wie kann man mit einer Partei koalieren wollen, deren Hauptfeind ausgerechnet die SPD ist?" Geißler und ihr Kollege Sebastian Jonscher sind sich sicher, dass sie mit ihrer Meinung eine "schweigende Mehrheit" bei den Jusos vertreten.

Diese Mehrheit, so sie denn tatsächlich existiert, könnte für Drohsel gefährlich werden. Je schwächer ihr Verband, je stärker die Linksjugend, desto lauter das Geraune, sie möge ihren Posten verlassen. Irgendwie kommt einem das bekannt vor. So reden sie auch in der Mutterpartei. Über Kurt Beck.


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