Patient SPD Wo es die SPD nicht mehr gibt


Feuerwehr, Kirchengemeinde, Sportverein: Im schleswig-holsteinischen Eddelak gibt es fast alles - nur keine SPD mehr. Anfang 2007 haben die letzten Genossen ihre Parteibücher zurückgegeben - aus Wut über eine SPD, die ihnen statt sozialdemokratisch nur noch profilneurotisch vorkommt.
Von Kilian Trotier

So sieht er also aus, der Ort, aus dem die SPD verschwand: Eine Herde Schafe weidet am Ortseingangsschild, häufig mit Riet gedeckte Einfamilienhäuser reihen sich am Straßenrand aneinander, der Kirchturm ragt aus dichten grünen Baumkronen im Ortszentrum empor. Eddelak ist ein typisches Dorf, man könnte fast sagen, ein Vorzeigedorf. Eine beachtliche Zahl der 1450 Einwohner engagiert sich ehrenamtlich bei der Feuerwehr, im Sportverein, in der Kirchengemeinde. Beim von der Pfarrei organisierten Dorffest wollen jedes Jahr so viele Menschen mithelfen, dass sie sich gegenseitig die Arbeit wegnehmen.

Eines sucht man aber vergebens in Eddelak: einen Ortsverein der ältesten Partei Deutschlands, der SPD. Offiziell ad acta gelegt haben die verbliebenen neunzehn SPD-Mitglieder Eddelaks das Kapitel am 1. Januar 2007. Einen richtigen Krach gab es nicht. Geschlossen haben sie ihre Parteibücher zurückgegeben. Was geblieben ist, ist die Enttäuschung. Die große Enttäuschung über den Niedergang einer Partei.

Der Ärger sitzt tief

"Die SPD als soziale und demokratische Partei gibt es nicht mehr", sagt Hannelore Jebens. "Das Kürzel stehe heute doch vielmehr für 'selbstsüchtig, profilneurotisch Deutschland'". Der Ärger sitzt tief bei der ehemaligen SPD-Fraktionschefin. Sie stammt aus einer "alten Sozifamilie". Der Schritt in die Politik war für Jebens eine Selbstverständlichkeit. Doch dann musste sie mit ansehen, wie die Parteispitze ihre eigenen politischen Ideale Stück für Stück verriet. "Wir waren es einfach leid, uns vor Ort ständig für Entscheidungen rechtfertigen zu müssen, die wir selbst nicht mittragen." Hannelore Jebens ist auch eineinhalb Jahre nach ihrem Austritt immer noch angefressen.

Gemeinsam mit einigen ihrer Mitstreiter aus dem Ort war Jebens im Sommer 2006 nach Kiel gefahren. Die Lokalpolitiker hatten einen Termin beim damaligen Innenminister Ralf Stegner. Es ging um eine Schlüsselzuweisung von zweimal 50.000 Euro für das Dorf aus dem Landkreis Dithmarschen. Die Gelder wurden nicht bewilligt. Aber nicht das hat die Delegation schockiert. "Herr Stegner war derart aalglatt und arrogant, das konnten wir uns nicht länger bieten lassen." Reimer Borchers regt sich noch heute über das Verhalten seines damaligen Parteibruders auf. Seit 1990 ist er Bürgermeister von Eddelak. Sechzehn Jahre lang unter der Flagge der SPD. "Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht", erzählt Borchers. "Einige unserer Leute waren seit 40 Jahren in der SPD. Da hängt doch auch ein ganzes Leben dran."

Mit Gerhard Schröder fing die Entfremdung an

Mit der Agenda-Politik von Gerhard Schröder fing die Entfremdung aber an. Die Hartz-Gesetze, der autoritäre Führungsstil. Die Eddelaker Genossen fanden sich nicht mehr wieder in ihrer Partei. Aber nicht nur die Berliner Politik erntete Unverständnis, auch mit den Parteipolitikern in Schleswig-Holstein kamen die Eddelaker nicht mehr auf eine Linie. "Wir mussten jeden SPD-Sonnenschirm und jeden SPD-Luftballon für die Landtagswahlkämpfe aus der Kasse unseres Ortsvereins bezahlen. Und meinen Sie, wir hätten mal ein Dankeschön für unsere Bemühungen bekommen?", sagt Borchers verbittert. Das Treffen mit Ralf Stegner war dann der endgültige Auslöser für den kollektiven Austritt.

Aus den lokalen Gremien hat sich deshalb aber kaum einer der ehemaligen Genossen zurückgezogen. Von Politikverdrossenheit keine Spur. Im Gegenteil: Sie haben weiter gemacht - nur unter anderem Namen. Ihre neue politische Heimat heißt nun "Eddelaker Wählergemeinschaft" (EWG), mit der sie einzig auf lokaler Ebene agieren wollen. Im Ort ist die Botschaft gut angekommen. Bei den letzten Kommunalwahlen erhielt die EWG zwei Drittel der Stimmen. Die CDU musste sich mit den restlichen 33 Prozent zufrieden geben. Reimer Borchers blieb damit Bürgermeister.

Lokalpolitik ja; Parteipolitik, nein danke

Seit ihrer Gründung im Februar 2007 hat sich die EWG zu weit mehr als nur einem Auffangbecken für alte SPD-Genossen entwickelt. 32 Mitglieder sind zurzeit in der EWG versammelt und die Tendenz ist weiter steigend. Auch Hauke Oeser, Hausmeister an der örtlichen Grundschule, sah in der EWG den richtigen Ort, um Entscheidungen in seinem Dorf mitgestalten zu können. In eine Partei wäre er nie eingetreten. "Da wird man immer nur für die große Politik verantwortlich gemacht." Mit Bernd Ladwig und Henning Schatt haben selbst zwei jüngere CDU-Mitglieder die Seite gewechselt. Und das mit der gleichen Begründung: Lokalpolitik ja; Parteipolitik, nein danke.

Diese Entwicklungen lassen auch den für den Kreis Dithmarschen zuständigen Bundestagsabgeordneten Jörn Thießen nicht unberührt. Zu den konkreten Versäumnissen und Missständen in Eddelak könne er aber nicht viel sagen. "Von den Eddelakern hat nie jemand versucht, auch nur ein Wort mit mir zu reden." Vor der letzten Bundestagswahl hat Thießen eine Wahlkampfveranstaltung in dem Dorf abgehalten. Der Saal war voll und er habe ein gutes Gefühl gehabt. "Doch dann haben wir kurze Zeit später auf eine Anfrage einen Brief mit dem Satz ‚Belästigen Sie uns bitte nicht' zurückbekommen." Das Phänomen der wachsenden Beliebtheit von Wählergemeinschaften kennt Thießen aus seinem ganzen Wahlkreis. Das Verhängnisvolle an dieser Entwicklung sei, dass hier Dorfgemeinschaftsorganisation, aber keine Politik betrieben werde. Dennoch will er mit den Wählergemeinschaften sprechen. Auch mit der aus Eddelak? "Ja, aber die steht ganz hinten auf meiner Liste."

Das Vertrauen in die Parteien ist weg

Die Anschuldigungen aus Berlin gehen in Eddelak ins Leere. Die ehemaligen SPD-Genossen interessieren sich nur noch wenig für ihre alte Partei. Für sie ist sie gestorben. "Und so schnell wird die SPD in unserem Ort auch nicht auferstehen", ist sich Reimer Borchers sicher. "Die Menschen wollen nun einmal keine Parteien mehr wählen, sondern Wählergemeinschaften." In den Kommunen ist dieser Trend eindeutig. Für welche Partei aber entscheiden sich die Anhänger der Wählergemeinschaften bei den größeren Wahlen? Hannelore Jebens blickt kurz zu Boden und sagt dann: "Wenn morgen Bundestagswahl wäre, würde ich den Wahlzettel ungültig machen." Hauke Oeser, Bernd Ladwig und Reimer Borchers nicken. "Ja, bei uns sieht es nicht anders aus." Hoffnung in die Gestaltungskraft von Politik haben sie nach wie vor. Aber das Vertrauen in die Parteien ist verschwunden. Und damit auch die über 100 Jahre alte Tradition der SPD in Eddelak.


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