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Patrick von Ribbentrop: "Nur kritische Fragen zu stellen, ist unangemessen"

Wegen der Gefahr "fieser Fragen" wurde die Bürgerversammlung mit Bush abgesagt - dafür wollen der US-Präsident und Kanzler Schröder eine Stunde lang mit Jungunternehmern wie Patrick von Ribbentropp diskutieren. stern.de sprach mit dem Enkel von Hitlers Außenminister.

Aus Mainz berichtet Katja Gloger

Natürlich gehört auch eine Begegnung mit dem Volk zur neuen deutsch-amerikanischen Freundschaft. Und George W. Bush kennt seine Stärke - denn er kann umgänglich sein und freundlich, charmant, gar nicht verkrampft, sogar witzig – so lange die Fragen nicht allzu kritisch sind. So hatten sich die Amerikaner während der akribischen Vorbereitung des Deutschland-Besuches zunächst ein "Townhall Meeting" für Bush gewünscht - eine Art Fragestunde mit deutschen Bürgern, in der sich der Präsident so richtig als Mensch präsentieren wollte. Ein Symbol für den neuen Stil des Präsidenten: "Zuhören und lernen" will er nun. Und außerdem ist es immer gut, wenn die abendlichen Fernsehnachrichten den Präsidenten im trauten Zwiegespräch mit dem Volk präsentieren können.

Doch die Deutschen warnten: man könne die Gäste nicht vorsortieren, so wie beim Weißen Haus sonst üblich. Man solle sich also nicht wundern, wenn eventuell auch einige "fiese Fragen" gestellt würden. So weit ging es dann doch nicht mit dem Vertrauen in gemeinsame Werte: die Bürgerversammlung wurde abgesagt. Dafür setzen sich Bush und Schröder heute Nachmittag an einen Runden Tisch mit so genannten "Young Professionals". Der Versuch eines Gesprächs im Mainzer Kurfürstlichen Schloss wird exakt eine Stunde dauern. Zehn Organisationen wurden gebeten, Kandidaten für das Gespräch zu benennen.

Der Berliner Jungunternehmer Patrick von Ribbentrop, 32, ist einer dieser 20 auserwählten "Nachwuchs- und Führungskräfte". Auch Investmentbanker und Unternehmensberater werden zur erlauchten Runde gehören.

Herr von Ribbentrop, wie sind Sie ausgesucht worden?

Vor einer Woche kam ein Anruf vom Auswärtigen Amt mit der Einladung zu einem Runden Tisch mit Präsident Bush und Kanzler Schröder. Ich war ganz schön überrascht.

Wie kam das Auswärtige Amt auf Sie?

Ich glaube, durch die Atlantik-Brücke...

...der Organisation zur Förderung der deutsch-amerikanischen Freundschaft. Daneben wurden etwa auch die deutsch-amerikanische Handelskammer und der German Marshall Fund angesprochen - allesamt Organisationen, die Amerika eher unterstützen.

Ja, sechs der 20 Teilnehmer kommen von der Atlantik-Brücke. Man sagte uns, dass Präsident Bush die endgültige Liste der Teilnehmer persönlich festgelegt haben soll.

Was befähigt Sie, als "Nachwuchs- und Führungskraft" an der Runde teilzunehmen?

Ich habe Betriebswirtschaft studiert, vor über zehn Jahren meine erste Firma gegründet. Damals war ich Student an der Humboldt-Universität und habe die Rechte am Emblem der Uni erworben. Das Logo habe ich auf T-Shirts gedruckt, so wie in Amerika üblich. Da gibt es ja auch diesen Universitäts-Patriotismus. Ich habe mit drei T-Shirts angefangen. Heute werden im Humboldt-Shop 150 Produkte mit dem Logo verkauft. Und seit vier Jahren leite ich eine Software-Firma. Ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht wurde ich deswegen ausgesucht.

Eine Jungunternehmer-Karriere, so ganz nach dem Geschmack des US-Präsidenten, der sein Land führen will wie eine Firma. Was erwarten Sie?

Das ganze Gespräch dauert ja nur eine Stunde. In den ersten zehn Minuten sollen der Bundeskanzler und der US-Präsident sprechen. Wir haben also Zeit für sechs bis acht Fragen. Ich kenne ja einige der Teilnehmer. Wir haben uns beraten, welche Fragen wir stellen wollen.

Was wollen Sie denn von Bush wissen?

Wir haben uns überlegt, dass die Vereinten Nationen ein wichtiges Thema sind. Was spricht eigentlich gegen einen Sitz der Deutschen im UN-Sicherheitsrat? Das wäre eine Frage an Präsident Bush. Wir wollen auch fragen, warum die USA nicht an den Verhandlungen mit dem Iran teilnehmen. Wir haben auch eine Frage zum vereinten Europa und zur Nato.

Ist das nicht ziemlich staatstragend?

Ich finde, die Welt braucht eine Führungsmacht wie die USA mit ihren Werten wie Freihandel und Wettbewerb. Damit kann doch auch Deutschland ganz gut leben.

Repräsentieren sie damit die Mehrheit in Deutschland?

Ich bin in Amerika geboren und aufgewachsen, ich bin gebürtiger Amerikaner. Der US-Präsident versucht doch in seiner zweiten Amtszeit gerade, eine multilaterale Politik zu machen, Gespräche zu führen, Partner einzubinden. Das wird sicher auch in Deutschland anerkannt werden.

Woher nehmen Sie diesen Optimismus? Hier ist ja gerade mal jeder Zehnte mit Bushs Politik einverstanden.

Es gibt eine gewisse anti-amerikanische Stimmung. Aber das steht als Frage bei uns nicht im Vordergrund. Ich möchte lieber freundschaftlich an das Gespräch herangehen. Und sportlich.

Hat man Sie gebeten, bestimmte Fragen nicht zu stellen?

Es gab keinerlei Beeinflussung. Ich habe das Außenministerium extra gefragt, ob es Tabu-Themen gäbe. Das hat man ausdrücklich verneint. Wir sind frei in unseren Fragen. Allerdings finde ich es unangemessen, nur kritische Fragen zu stellen.

Sie sind der Enkel von Joachim von Ribbentrop, Hitlers Außenminister, der den Pakt mit Stalin unterzeichnete und nach Kriegsende in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen gehängt wurde. Wurden Sie bei der Auswahl zum Gespräch darauf angesprochen?

Nein. Ich lebe ganz normal mit diesem Namen. Er interessiert eigentlich niemanden mehr richtig, auch in Deutschland nicht. Ich will auch nicht über die Vergangenheit sprechen. Ich kann sie nicht ändern. Aber ich will alles tun, dass sie sich nicht wiederholt.

Sind sie aufgeregt?

Und wie. Man trifft ja nicht alle Tage den mächtigsten Mann der Welt. Ich fühle mich sehr geehrt. Und sicher ziehe ich meinen besten Anzug an.