HOME

Pflegenotstand: "Die Dinge laufen aus dem Ruder!" - dieser Hilferuf einer Krankenpflegerin rüttelt Jens Spahn auf

Eine Kinder-Pflegerin hat auf Facebook in dramatischen Worten ihren Arbeitsalltag geschildert. Sie findet damit Gehör bei Gesundheitsminister Spahn. Er hat der Pflegerin geantwortet.

Pflegenotstand

Immer weniger Menschen wollen in der Pflege arbeiten – das Nachsehen haben die Patienten (Symbolbild)

Getty Images

Der Befund der Krankenpflegerin fällt dramatisch aus: "Die Dinge laufen aus dem Ruder!", schreibt Johanna Uhlig in einem Facebook-Beitrag, der direkt an Gesundheitsminister Jens Spahn gerichtet ist. Für ihr Statement erhielt sie tausendfachen Zuspruch. Mehr als 75.000 Leser teilten ihren Beitrag, seitdem er am 18. November online ging. Auch in der Kommentar-Spalte erfuhr und erfährt die junge Frau nach wie vor Frau viel Lob dafür, wie deutlich sie den Pflegenotstand in der Kinder- und Altenbetreuung anspricht.

Sehr geehrter Herr Spahn, gerade komme ich aus der Nachtschicht. Ich bin erschöpft, verärgert und enttäuscht. Ich möchte...

Gepostet von Johanna Uhlig am Sonntag, 18. November 2018

Nach eigenen Angaben arbeitet Uhlig seit vier Jahren in einem Krankenhaus als Krankenpflegerin für Neugeborene und Kinder bis 18 Jahren. Doch da gerät sie immer mehr an ihren Grenzen. Teilweise seien die Schichten so hektisch, dass sie "weder etwas gegessen, noch getrunken habe". Sie sei nur noch erschöpft und verärgert.

"Das Gesundheitssystem stürzt ein wie ein Kartenhaus"

Und so wie ihr ginge es auch anderen auf der der Station: "Erfahrene Kollegen kündigten, weil sie die immer schlechter werdenden Bedingungen und den drohenden Qualitätsverlust nicht mehr persönlich mittragen konnten. Es gab Kündigungen von jungen Kollegen, die sich nach einigen Monaten gar nicht erst vorstellen konnten, diese Arbeit im Dreischichtsystem fortzuführen", schreibt sie auf Facebook. Auszubildende würden Konsequenzen ziehen und frühzeitig hinschmeißen. Sie orientierten sich zu anderen Berufen um.

Das Gesundheitssystem stürze ein wie ein Kartenhaus, warnt Uhlig. Als Beispiel nennt sie die Altenpflege: "Ältere Herrschaften melden sich zum Toilettengang, aber aus akuter Personalnot werden sie gebeten, es doch 'einfach laufen zu lassen', schließlich hätten sie ja eine Einlage. Patienten äußern Schmerzen, die Pflegekraft jedoch ist im Nachtdienst allein. Sie schafft es durch das hohe Arbeitsaufkommen nicht, zügig ein Schmerzmittel zu verabreichen."

Die Pflegerin redet Spahn ins Gewissen

Uhlig schildert in ihrem Beitrag auch, wie sich knappe Besetzungen für die ambulante Kranken-Betreuung auswirken: "Die Menschen zu Hause warten auf eine Pflegekraft, die ihnen aus dem Bett hilft, die Tabletten verabreicht und bei Bedarf das Insulin spritzt. Aber was passiert, wenn eines Tages niemand mehr kommt? Das alles sind alarmierende Signale."

Viele Pflegekräfte hätten den Beruf verlassen - aus Gewissensgründen, aus gesundheitlichen Gründen oder sie hätten schlichtweg die Notbremse für sich selbst gezogen, berichtet Uhlig. An Spahn gerichtet schreibt sie: "Aus aktuellem Anlass kann ich Ihnen sagen, dass keiner meiner Kollegen geblieben wäre, selbst wenn man ihnen deutlich mehr Gehalt angeboten hätte." Die Arbeitsbedingungen müssen sich radikal ändern, fordert sie. Uhlig nimmt Spahn in die Pflicht endlich den Mangel beim Pflegepersonal zu beheben: "Daher bitte ich Sie, Ihren Auftrag als Gesundheitsminister ernst zu nehmen! Kämpfen Sie mit uns allen für ein Gesundheitssystem, in dem Menschen verantwortungsvoll und kompetent versorgt werden können!"

Jens Spahn antwortet per Video

Ihr Aufruf an Jens Spahn ist unterdessen nicht verhalt. Der Gesundheitsminister meldete sich in einem Facebook-Video direkt zu Wort. An Uhlig gerichtet sagte Spahn, ihre Aussagen haben ihn persönlich "bewegt“. Auch er räumte ein: "Wir müssen wahnsinnig viel arbeiten, um Vertrauen zurückzugewinnen." Als erste Maßnahmen, um den Notstand zu bekämpfen, zählte Spahn die Schaffung neuer Stellen und Personal-Untergrenzen auf. Er gab aber zu, dass er damit nicht sofort all jene Kritikpunkte von Uhlig beheben könne, aber es sein "ein erster Schritt".

Liebe Johanna Uhlig, vielen Dank für Ihre ehrlichen und eindrucksvollen Zeilen hier bei Facebook bit.ly/johanna_uhlig. Gern möchte ich Ihnen antworten.

Gepostet von Jens Spahn am Montag, 19. November 2018
sos