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Meinung

Wehrpflicht-Diskussion: In Bundeswehr oder Pflege: Warum nicht ein Jahr Deutschland dienen?

Deutschland diskutiert über die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Besonders wegen des Pendants im sozialen Bereich, meint stern-Redakteur Thomas Krause: Ein Lebensjahr für Deutschland zu opfern, ist nicht zuviel verlangt.

Links schiebt ein junger Pfleger eine ältere Dame im Rollstuhl, rechts marschiert ein Trupp Bundeswehrsoldaten

Deutschland diskutiert über die Wiedereinführung von Wehrpflicht und Zivildienst

DPA

Seit 2011 gibt es keine mehr, doch CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer holt die eigentlich beerdigte Idee wieder hervor. Und die ist gar nicht so schlecht - aber nicht unbedingt wegen der Bundeswehr. Denn besonders im sozialen Bereich könnten junge Menschen nicht nur die Situation Hilfsbedüftiger verbessern, sondern auch selbst viel lernen. Etwa, dass das Leben anders aussieht als auf Instagram.

Nach 13 Jahren Schule habe ich einige Monate nach dem Abitur meinen Zivildienst in einer Wohngruppe für Behinderte angetreten. Das war 1995. Trotz zweier Tage, an denen ich Mitarbeiter und Bewohner kennengelernt hatte, wusste ich nicht wirklich, was mich erwartet. Außer Schulstoff hatte ich noch nicht viel gelernt im Leben. Dreizehn Monate später wusste ich, wie viel Freude die Arbeit mit Menschen machen kann. Ich hatte gelernt, auf andere Menschen einzugehen. Ich hatte gelernt, Verantwortung für andere zu übernehmen. Ich hatte aber auch gelernt, mit Frust umzugehen und meine Grenzen zu erkennen. Kurz gesagt: Kein Jahr in der Schule und kein Jahr an der Uni haben mich menschlich so weitergebracht wie diese 13 Monate Zivildienst.

Soziale Arbeit lehrt Empathie

Warum also sollten junge Menschen diese oder ähnliche Erfahrungen nicht auch in Zukunft machen sollen? Ich glaube, dass soziale Arbeit jeden zu einem empathischeren Menschen macht. Man wird aus seiner Komfortzone herausgeholt und entwickelt Verständnis für die Lebenssituationen anderer. Gerade in Zeiten sozialer Medien, wo ein abschätziger oder beleidigender Kommentar schnell geschrieben ist, könnten viele junge Menschen sehen, dass es viele Sicht- und Lebensweisen gibt, die alle ihre Berechtigung haben. Die Arbeit mit Menschen, denen es schlechter geht als einem selbst, erweitert den Horizont.

Wichtig wäre natürlich, dass die Politik die Sozialdienstleistenden nicht nur als billige Arbeitskräfte in der Pflege verheizt. Die Situation für die Arbeitnehmer im sozialen Bereich muss so verbessert werden, dass sie im Tagesgeschäft die Muße haben, den jungen Menschen auch wirklich etwas beizubringen. Dann profitieren alle von einem Jahr Sozialdienst: junge Männer und Frauen, Pflegepersonal und vor allem Pflegebedürftige.

Wehrdienstleistende als Fundament der Bundeswehr

Ähnlich bei der : Natürlich soll niemand seinen Grundwehrdienst in Afghanistan oder Mali absolvieren. Aber etwa die logistischen und technischen Grundlagen für die immer vielfältigeren Aufgaben und Einsätze der Bundeswehr zu schaffen: dafür könnten Wehrdienstleistende herangezogen werden.

Jugendliche und junge Erwachsene sollten ohne Gewissensprüfung die freie Wahl haben, ob sie einen sozialen, ökologischen oder militärischen Dienst antreten wollen. Aber nach der Schule ein Lebensjahr dem Land zu dienen, in dem man lebt - das ist meiner Meinung nach nicht zuviel verlangt. Und dem gesellschaftlichen Klima in Deutschland tut es sicherlich auch gut.

Rekruten Bundeswehr