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Dienst an der Allgemeinheit: Kommt die Wehrpflicht zurück? Erster Ministerpräsident will Volksbefragung

Gespensterdebatte oder Kitt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Die Idee einer allgemeinen Dienstpflicht für junge Bundesbürger trifft einen Nerv. Sachsens Ministerpräsident plädiert für eine Volksbefragung. Verteidigungsexperten bleiben skeptisch.

Rekruten beim Training: Der neue Dienst soll keine reine Wehrpflicht sein

Rekruten beim Training: Der neue Dienst soll keine reine Wehrpflicht sein

DPA

Die CDU-Generalsekretärin preschte vor und die Diskussion ist nun in vollem Gange. regte in Interviews mit der "Bild-Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen" an, junge Frauen und Männer sollten doch ein Jahr lang in der Armee oder im zivilen Bereich -  wie Altersheim oder Technisches Hilfswerk - dienen. Dabei wäre auch zu erörtern, ob es einer Pflicht bedarf oder stärkerer Anreize für freiwillige Dienste. Kramp-Karrenbauer will diese Idee auch ins CDU-Grundsatzprogramm aufnehmen.

Eine Rückkehr zur reinen wie vor 2011 wird in den Parteien allerdings von kaum jemandem außer der AfD ernsthaft befürwortet: Zu ungeeignet erscheint sie für die Bedürfnisse einer modernen Armee.

Die Union ist sich uneins

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer ( ) äußerte sich wohlwollender und regte eine Volksbefragung dazu an. "Eine Dienstpflicht kann dazu beitragen, sowohl die Herausforderungen im Sozialen als auch bei der Verteidigung unseres Landes besser zu bewältigen", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete mahnt jedoch zur Vorsicht. Ein verpflichtender Gesellschaftsdienst dürfe "weder Arbeitsplätze ersetzen noch stumpfer Selbstzweck sein", gab er in „Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten"  zu bedenken.

Der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der einst die Abschaffung der Wehrpflicht initiiert hatte, hält eine Grundgesetzänderung für nötig und warnt vor "exorbitanten Kosten". "Die notwendigen Finanzmittel für bis zu 700.000 junge Menschen pro Jahr würden erhebliche Einschnitte in anderen Bereichen nach sich ziehen. Nicht zuletzt bei der Ausrüstung der ."

Die SPD hält eine Umsetzung für schwierig

Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Fritz Felgentreu, sieht erhebliche rechtliche Schwierigkeiten. "Zwangsdienste sind nach europäischem Recht menschenrechtswidrig", sagte er der "Welt". Ob eine rechtskonforme Umsetzung möglich wäre, sei "völlig offen". Er beobachtet allerdings Sympathien für die Idee "in fast allen politischen Lagern". Dabei gehe es jedoch "weniger um das Stopfen von Personallücken als um Fragen des staatsbürgerlichen Bewusstseins und des gesellschaftlichen Zusammenhalts".

Auch in der FDP gibt es Befürworter. Im Gegensatz zu Parteichef Christian Lindner, der eine Dienstpflicht strikt abgelehnt hat, sagte Bremens FDP-Fraktionschefin Lenke Steiner der "Bild"-Zeitung: "Ich bin persönlich für ein verpflichtendes Jahr, egal ob Wehrpflicht odersoziales Jahr. Es ist wichtig, früh Verantwortung zu übernehmen und zu lernen für andere einzustehen."

Wohlfahrtsverbände warnen vor "Gespensterdebatten"

Wer zur Bundeswehr will, kann sich auch bisher schon für bis zu 23 Monate verpflichten. Zudem war nach Aussetzung der Wehrpflicht und damit auch des alternativen Zivildienstes der Bundesfreiwilligendienst geschaffen worden, mit Stellen im sozialen, ökologischen und sonstigen gesellschaftlichen Bereich sowie im Zivil-und Katastrophenschutz. Nach Angaben des Hauptgeschäftsführers des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider, sind derzeit 39.000 Freiwillige im Einsatz.

Auch er hält eine allgemeine Dienstpflicht für rechtlich fragwürdig. Statt solche "Gespensterdebatten" zu führen, müsse der Bundesfreiwilligendienst attraktiver gemacht werden, verlangte er in der "Rheinischen Post". Es brauche eine Erhöhung des Taschengelds von derzeit 300 Euro pro Monat, Entlastungen bei Nahverkehrstickets und mehr Teilzeitangebote. "Wenn wir die nötige Finanzierung gesichert bekämen, könnten wir auch mehr junge Menschen beschäftigen."

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sos / DPA