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Philipp Mißfelder: Wortbeilage für konservative Wähler

Nur wenn die Union auch konservative Wähler mobilisiert, kann sie 40 Prozent einfahren. Das jedenfalls glaubt Philipp Mißfelder, Chef der jungen Union und Autor der Mahnschrift über modernen Konservativismus. Im stern.de-Interview erklärt er seine Strategie.

Herr Missfelder, Sie sind 28 Jahre jung, aber offenbar erzkonservativ. Sie gehören zu den Autoren eines konservativen Manifests, das vor Werte- und Profilverlust der CDU/CSU warnt. Was wollen Sie - und was soll die Überschrift "Konservativ im Herzen - progressiv im Geist?"

Das Etikett erzkonservativ trifft nicht zu. Gerade bei jüngeren Menschen, vor allem bei den Unionsanhängern, stelle ich aber fest, dass viele wieder auf bürgerliche Werte setzen. Es besteht eine Sehnsucht nach Themen wie Glauben, Verlässlichkeit und Konservatismus. Und deshalb glaube ich, dass auch die Junge Union mit diesem Papier auf Wähler zugehen muss, die uns besonders nahe stehen.

Das Papier liest sich über lange Passagen wie Kritik am Kurs der Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Das sehe ich nicht so. Ich unterstütze den Kurs der Öffnung der Union durch Angela Merkel und Generalsekretär Ronald Pofalla. Wir möchten diesen Kurs ergänzen.

Öffnungskurs in welche Richtung?

Es ist richtig, dass wir zum Beispiel in der Frage der Kinderbetreuung vor allem die Interessen der jüngeren Frauen berücksichtigen. Was Ursula von der Leyen macht, wird von der Jungen Union nachhaltig unterstützt. Aber: Wir müssen auch an unsere Stammwähler denken, denn die fühlen sich teilweise durch die Politik der großen Koalition und durch viele Kompromisse vor den Kopf gestoßen.

Diese Kundschaft der Union liest doch jeden Tag in der Zeitung, dass die Sozialdemokratisierung der CDU ständig Fortschritte macht.

Gut, das lesen sie. Aber aus meiner Sicht, trifft das überhaupt nicht zu. Und unser Papier unterscheidet sich an vielen Stellen nicht vom Grundsatzprogramm der CDU, das wir gerade diskutieren. So stehen wir voll hinter dem Begriff der Leitkultur. Aber in der Außendarstellung setzen wir Vier auf einen anderen Schwerpunkt als dies bei der Präsentation des Parteiprogramms der Fall ist.

Sie beklagen in Ihrem Papier, die Politik der CDU/CSU sei in der Koalition nicht identifizierbar genug.

Dieses Defizit können wir jetzt bei der Programmdebatte ausgleichen, die wir zurzeit führen. Das Problem ist in der Tat, dass wir in der großen Koalition zu Kompromissen gezwungen sind, von denen unsere Anhänger häufig enttäuscht sind.

Haben Sie das Papier auch geschrieben aus Furcht, dass die Volkspartei CDU künftig nicht mehr über 40 Prozent kommt, weil sie die konservativen Wähler durch ihre Politik vernachlässigt und verliert?

Wir sind bei den vergangenen drei Bundestagswahlen immer unter 40 Prozent geblieben - aus verschiedenen Gründen. Wir müssen, um das zu überwinden auf zwei Dinge setzen: Erstens auf die Öffnung in Richtung Mitte, um dort mehr Stimmen zu gewinnen. Zweitens aber auch uns bemühen, das Reservoir unserer Stammwähler voll auszuschöpfen. Für mehr als 40 Prozent brauchen wir Stimmen von beiden Seiten. Unser Papier versucht mit symbolischer Sprache das konservative Lager wieder stärker anzusprechen. Denn ohne die Konservativen gibt es keine 40 Prozent.

Jeder sieht doch, dass die Kanzlerin vor allem auf das junge großstädtische Publikum und die Frauen setzt. Dort sieht sie die Zukunft der Union, nicht bei den Altvorderen, die immer noch von Alfred Dregger träumen.

Es ist ja richtig, dass wir in der Vergangenheit in den Städten und vor allem bei den jungen Frauen zu wenige Stimmen geholt haben. Aber ich wiederhole: Auf 40 Prozent werden wir nur kommen, wenn wir, wie geschehen, das neue CDU-Grundsatzprogramm um die konservative Botschaft ergänzen. Dazu gehört, dass wir für ein Betreuungsgeld eintreten für Eltern, die ihre kleinen Kinder nicht in die Krippe geben wollen. Das liegt auf der Linie der Familienpolitik der CDU, die wir bisher stets vertreten haben.

Welche Punkte sind Ihnen dabei noch wichtig?

Wir betonen die Themen Patriotismus, Leitkultur und die Verlässlichkeit unserer Politik, aber auch die Fragen von neuer Sicherheit.

Einer Ihrer Mitstreiter ist Hendrik Wüst, Generalsekretär der nordrhein-westfälischen CDU. Steht damit denn NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers auch hinter Ihnen und Ihrem Papier?

Ich habe mit ihm über unser Papier nicht gesprochen. Aber auch die Überlegungen von Jürgen Rüttgers, die er in den vergangenen Tagen mit Blick auf die Arbeitnehmer vorgetragen hat, haben gezeigt, wie groß die Bandbreite unserer Partei ist. Wir müssen liberale und konservative Themen besetzen. Die Union muss auf alle Flügel setzen.

Bisher hatte man nicht den Eindruck, dass Jürgen Rüttgers sich sehr mit konservativen Gedanken beschäftigt. Ist er nun konservativ oder progressiv? Oder entsteht da ein neues Bündnis in der Union?

Jürgen Rüttgers führt den größten Landesverband der CDU und hat in NRW nach 40 Jahren SPD-Herrschaft die Mehrheit für die CDU errungen. Mit den Exponenten Karl Josef Laumann auf dem Sozialflügel und Christa Thoben auf dem Wirtschaftsflügel deckt er in seinem Kabinett die gesamte Bandbreite ab. Seine Idee der neuen Sicherheit findet auch bei vielen Jüngeren Zustimmung.

Interview: Hans Peter Schütz