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Pisa-Studie: Darum ist Sachsen so gut

Jubel in Sachsen: Die Schüler des Freistaats haben bei der neuen Pisa-Studie am besten abgeschnitten. Ob in Mathematik, den Naturwissenschaften oder der Lesekompetenz - die Sachsen schafften in allen Disziplinen den Sprung auf Platz eins. Diese Entwicklung ist kein Zufall.

Von Niels Kruse und Christoph Schäfer

Wenn Schuleschwänzen ein Indikator dafür ist, wie gut oder schlecht es um die Qualität der Lehranstalten bestellt ist, dann scheint in Sachsen vieles zum Besten zu stehen. Gerade einmal 3,5 Prozent der Schüler haben laut einer Untersuchung der TU Dresden aus dem Jahr 2006 mindestens einen Tag im Jahr unentschuldigt gefehlt. Das sei ein Spitzenwert, hieß es damals. Zwar gab es zu dem Zeitpunkt keine vergleichbaren Studien aus anderen Bundesländern, allerdings schätzten Experten den Wert im Rest der Republik deutlich höher, zwischen vier und zehn Prozent.

Aus dem gleichen Jahr stammen auch die Daten der Pisa-Studie, deren Ergebisse nun vorgestellt wurden und die die Sachsen zum Siegerland in Sachen Schulbildung gemacht haben. Sowohl in Mathematik als auch in den Naturwissenschaften sowie bei der Lesekompetenz haben die getesteten 15-Jährigen ihre Altersgenossen aus anderen Bundesländern hinter sich gelassen. In Fächern wie Informatik, Naturwissenschaften und Technik liegt das ostdeutsche Bundesland sogar direkt hinter dem Pisa-Gesamtsieger Finnland auf Platz zwei.

Dieser Erfolg der Sachsen kommt für die meisten Experten nicht überraschend: Lehrer, Pädagogen und Bildungspolitiker loben vor allem, das in sächsischen Klassenzimmern vergleichweise wenig Schüler sitzen. So kommen in Sachsen 22,6 Schüler auf eine Klasse, in Nordrhein-Westfalen 26,6. "Die Lehrerversorgung ist im Osten recht gut", sagt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands.

Auch der geringe Anteil an Migrantenkindern hat zum Pisa-Erfolg der Sachsen beigetragen. Lediglich 3,7 Prozent der Schüler an allgemeinbildenden Schulen des Freistaats kommen aus Familien mit Nicht-Deutschen Wurzeln, in anderen Bundesländern sind es bis zu zehnmal mehr. Wie alle anderen einschlägigen Studien auch, belegt die Pisa-Studie, dass Kinder aus Einwandererfamilien im Bildungssystem vergleichsweise schlecht integriert sind. "Im Hinblick auf die Kompetenzen", so die Studie, "erreichen Jugendliche mit Migrationshintergrund ein deutlich geringeres Niveau als Jugendliche ohne diesen Hintergrund." Dies gelte besonders für Schüler, deren Eltern beide im Ausland geboren wurden.

Migrantenkinder am Gymnasium unterrepräsentiert

Als Konsequenz seien Jugendliche mit ausländischen Wurzeln "in den Schularten unterrepräsentiert, die zu weiterführenden Abschlüssen führen und in den Schularten überrepräsentiert, die zu einem Hauptschulabschluss führen". Außerdem müssten sie "sehr viel häufiger" eine Klasse wiederholen. Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin und Vorsitzender des Aktionsrats Bildung, weist zudem darauf hin, dass die Migrantenkinder in Ostdeutschland oft aus anderen Herkunftsländern stammen als die im Westen. Vor allem Jugendliche mit vietnamesischen Wurzeln könnten "in der Schule oft hervorragend mithalten". Die Vize-Vorsitzende der sächsischen Lehrergewerkschaft GEW, Uschi Kruse, schränkt aber ein, dass auch in Sachsen Schüler mit Migrationshintergrund durch das Schulsystem benachteiligt würden. "Weil es aber nicht so viele von ihnen hier gibt, fallen sie bei Pisa nicht so ins Gewicht."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Bildungsexperten zweigliedrige Schulsysteme empfehlen, und weshalb Sachsen auch heute noch von der Bildungspolitik der DDR profitiert.

Eng mit dieser Debatte verknüpft ist die vielzitierte soziale Undurchlässigkeit des deutschen Schulsystems. Vor allem Kinder mit ausländischer Herkunft und solche aus Arbeiterfamilien würden oftmals nicht ausreichend gefördert oder gar nicht erst für das Gymnasium empfohlen. Doch diese Bildungsmauern scheinen langsam zu bröckeln - in Sachsen, wie aber auch in anderen Ländern. Die beginnende Entkopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg sei eine erfreuliche Entwicklung, so Philologenvorsitzender Meidinger. "Aber jeder weiß auch, dass bei der sozialen Chancengerechtigkeit Erfolge nur sehr mühsam und langsam erzielt werden können."

Zweigliedriges Schulsystem die Lösung?

Ein möglicher und erfolgversprechender Weg zu diesem Ziel ist ein zweigliedriges Schulsystem, wie in Sachsen. Es gilt vielen anderen Bundesländern mittlerweile als Vorbild für künftige Reformen. Nach der Wende hatte der Freistaat zunächst ein dreigliedriges System eingeführt, dann aber nach kurzer Zeit Haupt- und Realschule zur Mittelschule vereinigt. Allerdings wird dort nur zwei Jahre lang gemeinsam gelernt. Nach der sechsten Klasse verteilen sich die Schüler auf "abschlussbezogene" Haupt- und Realschulklassen.

Bildungsforscher stellen diesem System gute Noten aus, der Aktionsrat Bildung empfiehlt es seit Jahren. "Die Politik muss das Erfolgsmodell Gymnasium beibehalten und dafür sorgen, dass diejenigen, die nicht gymnasialfähig sind, eine sehr gute Bildung in einem gemeinsamen zweiten Schultyp erhalten", sagt Uni-Präsident Lenzen. Als Hauptvorteil des zweigliedrigen Systems gilt, dass lernschwache Schüler besser integriert werden und so häufiger zu einem Bildungsabschluss kommen als in anderen Ländern.

"Unsere Mittelschulen vermitteln den Schülern ein anderes Selbstbewusstsein, als wenn sie "nur" zur Hauptschule gingen", so Uschi Kruse. Der Kultusminister Sachsens, Roland Wöller (CDU), sagte, dies sei auch deswegen ein Erfolg, weil so rund die Hälfte jedes Jahrgangs einen Realschulabschluss erreiche. Eine in Deutschland unerreichte Quote, so Wöller.

Ein weiterer Aspekt für den Erfolg Sachsens ist die beinahe traditionell wichtige Rolle der Naturwissenschaften in den Ost-Schulen. Zu DDR-Zeiten waren Chemie, Physik, Biologie und Technik zusammen mit Sport einer der wenigen Bereiche, in denen das Land international auf Augenhöhe mit dem Westen spielen konnte. So wurde etwa der erste Megabyte-Chip bei Robotron in Dresden entwickelt. Bis heute spielen die Naturwissenschaften in den neuen Bundesländern ein große Rolle in den Schulen. Und werden auch intensiver unterrichtet: Während der Westen für die Fächer im Schnitt vier Wochenstunden einplant, ist es im Osten mindestens eine mehr.

Mathe oder Physik als Leistungskurs

Nachdem die Oberstufe in Sachsen reformiert wurde, sieht der Lehrplan vor, dass jeder Schüler entweder Mathematik oder Physik als einen von zwei Leistungskursen belegen muss. Auch so wird die Bedeutung dieser Schulfächer dokumentiert. Uschi Kruse macht noch einen weiteren Grund aus, warum Sachsen gerade im Bereich der Naturwissenschaften so stark ist: "Offenbar können die sächsischen Lehrerinnen und Lehrer besonders gut sowohl Wissen vermitteln als auch die entsprechenden Interessen wecken. Pisa zeigt, dass die Prinzipien für sich alleine angewandt nicht so gut funktionieren."

Von:

und Christoph Schäfer