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Politik-Karrieren: Friedrich Merz - ein Aufrechter geht

Der ehemalige Fraktionschef der Union, Friedrich Merz, hat angekündigt, bei der nächsten Bundestagswahl nicht mehr zu kandidieren, er will sich aus der Politik zurückziehen. Sein Abgang hat eine Vorgeschichte - in der Merkel und Stoiber keine glücklichen Rollen spielen.

Von Hans-Peter Schütz

Warum steigt so ein Mann aus? Gerade mal 51 Jahre ist Friedrich Merz, also am Anfang des besten politischen Alters. Bundesweit hat er bei der letzten Bundestagswahl mit 57,7 Prozent Erststimmen bundesweit das beste persönliche Ergebnis aller CDU-Politiker erreicht. Und der ehemalige CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende ragt sachlich wie rhetorisch weit über den Durchschnitt eines an politischen Begabungen nicht eben reichen Parlaments hinaus. Unerreicht bei den Themen Wirtschaft und Finanzen, einer der auch ohne Manuskript brilliert. Weshalb also geht er?

Wer Friedrich Merz begreifen will muss in den Mai 2002 zurück. Zu einer Schlüsselszene seines politischen Lebens.

"Hab Vertrauen"

Da sitzen Merz, Angela Merkel und Edmund Stoiber zusammen, um zu bereden, wie es nach der Wahl weitergehen soll in der Union. Stoiber sagt: "Wir werden erst nach der Wahl gemeinsam über die Führung der Fraktion entscheiden."

Merz antwortet: "Herr Stoiber, Sie werden sehen, das ich mich in dieser Frage auf das Wort von Angela Merkel nicht verlassen kann." Angela Merkel lächelt und sagt: "Ja, nun habe doch mal Vertrauen zu uns."

Über Nacht abserviert

Das Ergebnis des Gesprächs, dessen Wortlaut Merz noch heute wörtlich erinnert, ist bekannt: Als die Union in der Wahlnacht noch knapp vorne lag, wollte Merkel Merz auf den Sitz des Bundestagspräsidenten abschieben. Am Tag danach wurde er ohne jede Rücksprache von Merkel und Stoiber als Fraktionschef abserviert. Ein Vertrauensbruch, den Merz, ein durchaus emotionaler Analytiker, nicht verziehen und nicht verarbeitet hat.

Spätestens danach war das Verhältnis zwischen "Angela" und "Friedrich" endgültig beschädigt. Merz hat es als zutiefst undankbar empfunden, dass die Konkurrentin ihn auf dem schwierigsten Platz, den die CDU nach dem Abgang Kohls, der Schwarzgeld-Affäre und dem Sturz Wolfgang Schäubles zu vergeben hatte, nur so lange duldete, wie es in ihr eigenes Machspiel passte - und ihn dann als Fraktionsvorsitzenden über Nacht per Wortbruch in Kooperation mit Stoiber abservierte.

Kirchhoff statt Merz

Er war es schließlich gewesen, der in den Krisentagen der CDU als Erster gesagt hat, Angela Merkel müsse CDU-Vorsitzende werden. Die CDU-Präsidiumssitzungen, mit den von Merkel per SMS zuvor bestellten Wortmeldungen, hat er stets nur mühsam ertragen. Seine Parteiämter gab er nach der Bundestagswahl 2005 ab - nicht zuletzt, weil Merkel es nicht über sich brachte, nur ein Schrittchen auf den Duzfreund von einst zuzugehen und ihm für den Fall des Wahlsiegs das Amt des Finanzministers verbindlich zuzusichern. Stattdessen berief sie den Steuerprofessor Kirchhoff ins Wahlkampfteam. Aus der Sicht von Merz ein schwerer Fehler, der letztlich zu einem Wahlergebnis führte, das nur noch die Große Koalition zuließ.

"Bin nicht politiksüchtig"

Er blickt dennoch nicht in Verbitterung zurück: "Meine schönste Zeit in der Politik war nach 98, als wir in hoffnungsloser Lage waren mit einem Chef Schäuble und ich war sein Stellvertreter. Da haben wir nächtelang geredet über die Zukunft des Landes."

"Politiksüchtig bin ich nicht", hat er vor kurzem erst zu stern.de gesagt. Und da hat er die Frage, ob er ein Problem mit der Hinterbank im Bundestag habe, auf der er nach dem Verzicht auf seine Ämter saß, strikt verneint. Und fröhlich lachte er auch über die Frage, ob er sich denn schon als politischer Frührentner fühle. Was den Ausschlag für den Abschied gegeben haben dürfte: Der Politiker, der als Fraktionschef und als Abgeordneter stets für klare Kante eingetreten ist, mag sich mit der Politik der Großen Koalition nicht länger abfinden. Gewurstel und Gewürge sind seine Sache nicht. Und man kann sicher sein, dass die prozeduralen und juristischen Zumutungen, die er als Mitglied des Rechtsausschusses im Rahmen der Gesundheitsreform ertragen musste, seinen Entschluss beschleunigt haben. Seit längerem bedrückte ihn der Gedanke, die Union sei unter Merkel und in der Großen Koalition als Volkspartei auf abschüssigem Weg. Jedenfalls beklagt er seit längerem eine Politik, die die Mittelständler in Scharen aus der CDU treibe. Und eine Politik, die seiner Ansicht nach den liberalkonservativen Flügel seiner Partei so nachhaltig verprellt, dass die Gesamtunion keine Chance mehr hat, wieder einmal über 40 Prozent zu kommen.

Geld und Enkel

Gewiss ist ihm der Abschied vom Mandat nicht leicht gefallen, vor allem im Blick auf seinen Wahlkreis im Hochsauerland. Ihm fühlte er sich stets intensiv verpflichtet. Andererseits gab es durchaus Verlockungen für ihn. In den Wirtschafts- und Industrieclubs der Republik feierten ihn die Bosse nach seinen Vorträgen mit stürmischem Applaus und dem stillen Bedauern, dass der Mann mit der Steuerreform auf dem Bierdeckel wohl keine Chance mehr sieht, etwa 2009 nach einer Niederlage von Merkel wieder in die erste Reihe der Politik zurückkehren zu können. Nicht zu vergessen, dass Merz als Partner der internationalen Anwaltssozietät Mayer, Brown, Rowe und Maw.LLP. an vielen Fäden zieht, an denen ganz großes Geld bewegt wird - auch zu seinem Vorteil.

Und am Ende stimmt auch, was Merz immer über sich gesagt hat: "Ich habe auch ein Leben außerhalb der Politik." Im März wird er Großvater und darauf freut er sich "unbändig."