Politischer Aschermittwoch Herr Platzeck im Bierzelt


Der SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck galt erst als glückliche Wahl, dann als so schwach, dass man ihn zum Kanzlerkandidaten hochjubeln musste. Nun absolvierte der Preuße eine Bewährungsprobe: Er sprach vor der Weißwurst-Fraktion seiner Partei.
Eine Reportage von Marie-Sophie Löhlein

Ganz Bayern ist von der CSU besetzt. Ganz Bayern? Nein, in einem kleinen niederbayrischen Dorf namens Vilshofen gibt es eine tapfere Truppe, die der schwarzen Übermacht trotzig die Stirn bietet. Wie jedes Jahr bittet die bayrische SPD am Aschermittwoch in den Wolferstätter Keller, um bei Fischsemmel und Weißbier Durchhalteparolen an ihre treuesten Genossen auszugeben. Und das ist angesichts der immer weiter sinkenden Umfragewerte auch dringend notwenig. In diesem Jahr soll es vor allem einer richten: Matthias Platzeck, der neue SPD-Vorsitzende. Er soll frischen Wind in die bayerische Altherrenriege seiner Partei bringen.

Dass der gebürtige Preuße dazu in der Lage ist, daran zweifeln viele. "Zu farblos, zu langweilig und beileibe kein Bierzeltredner" sei Platzeck, hört man aus dem Munde vieler alteingesessener Sozis. Gleichwohl ist die Halle mit rund 800 Gästen gerammelt voll. Die CSU kann zwar das zehn Mal mehr Menschen mobilisieren, aber in der SPD gilt der Besucherzustrom schon als Erfolg - hier im Feindesgebiet.

"Aufn Edi gedrescht"

Generell geht’s bei der SPD deutlich bescheidener zu als bei der Konkurrenz: An den Wänden hängen keine Transparente, eine kleine Truppe Blasmusikanten kämpft wacker gegen die lärmenden Genossinnen und Genossen an. Im Hintergrund läuft die unrühmliche Transrapid-Rede des bayrischen Ministerpräsidenten in Dauerschleife - ein kleiner Anheizer, bevor auf "den Edi so richtig draufgedrescht wird", wie ein Besucher hofft.

Dann endlich tritt der erste Redner auf: Ortsvereinsvorsitzender Joachim Boigner. Seine Ausführung über den Wildfleischskandal und die Schneekatastrophen erhalten wenig Aufmerksamkeit, Stimmung will nicht so recht aufkommen. Dann eine Spontan-Rede des Verdi Arbeitskampfführers Norbert Plach, gerade in Vilshofen angekommen, über die Nürnberger Streikfront. Er kritisiert die Bundespolitik der SPD, die mitgeholfen hat, die Arbeitszeit für Beamte zu verlängern. Das sei "äußerst kontraproduktiv" sagt Plach und findet großen Beifall in der Zuhörerschaft. "Des is hoit koane Politik aus einem Guss" grummelt ein älterer Stammtischler zustimmend.

Bier und Boomerang

Dann endlich der ersehnte Einzug der "großen Drei" des Tages: Der Landesfraktionsvorsitzende Franz Maget, der Landesparteivorsitzende Ludwig Stiegler und der brandenburgische Hoffnungsträger Matthias Platzeck marschieren zu den Klängen des Erz-Herzog-Albrecht-Marsches auf die Bühne zu. Rythmisch-emphatisches Klatschen der Gäste begleitet sie. Als Erster greift Franz Maget zum Mikrophon. "Bayrischer als die CSU" findet er den SPD-Aschermittwoch, und das finden auch die Zuhörer, das Bier fließt immer schneller, die Luft wird immer heißer, langsam wird es stickig. Und schon werden die ersten Hiebe in Richtung Stoiber ausgeteilt, der wie ein "Boomerang von Berlin nach Bayern zurückgeflogen ist". Sicher in Berlin gelandet ist dagegen der frischgewählte Parteivorsitzende Platzeck, der nun vor das vorgewärmte Publikum tritt. Als er beginnt zu reden, ist es still im Saal, alle sind gespannt, ob sich der Preuße "von dem niemand so richtig was weiß" in Bayern behaupten kann. Er beginnt mit einem Loblied auf das "wunderschöne Bayern", auch für die Landesfraktion findet er wohlwollende Worte, alles in allem sei die SPD doch eine wirklich "gute Truppe".

Amtshandlung Handkuss

Seine lockere Wortwahl gefällt gut, doch so richtig warm werden die Leute in den ersten zehn Minuten der Rede noch nicht mit dem "Herrn Platzeck". Doch dann leistet sich der SPD-Vorsitzende einen kleinen Ausflug in Welt der Geheimdienste. Seine Verteidigung des BND und der deutschen Außenpolitik während des Irak-Krieges findet großen Anklang, langsam schmilzt dass Eis. Trotz der "Zwangsehe" mit der CDU/CSU findet er eindeutige Worte für sein Verhältnis zu den Unionsministern. Die seien nämlich faul, würden lediglich die Früchte rot-grüner Arbeit ernten. "Wir stehen im Maschinenraum, während die anderen noch auf dem Sonnendeck liegen", verkündet er unter stürmendem Beifall. Besonders auf den Wirtschaftsminister Michael Glos schießt sich Platzeck ein. Dessen "einprägsamste Amtshandlung" sei "bis jetzt der Kuss von Frau Merkels Hand" gewesen.

Als jedoch die Rede auf die Rentenpolitik kommt, werden seine Äußerungen schwammig, das bleibt auch den Zuhörern nicht verborgen. "Der sollt mal mehr Handeln, anstatt Reden" mokiert sich ein junges Mädchen von den Jusos.

"Guter Typ halt"

Dann ist die Veranstaltung auch schon zu Ende. Die Zuhörerschaft lässt erkennen, dass sie ein bisschen mit Platzeck geliebäugelt hat. "Sehr sympatisch" sei er, "nett", "ein guter Typ halt", ist zu hören. Auch die Jusos finden Herrn Platzeck "cool", sie freuen sich, dass endlich mal ein Junger an der Parteispitze steht. Dennoch: So richtig begeistern konnte Platzeck nicht. Sein Kampf um den Respekt der SPD ist noch lange nicht zu Ende.


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