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Porträt: Der Angstmacher

In Hamburg spielt ein kleiner Amtsrichter den Sheriff. Starke Sprüche, schlichte Rezepte. Hilflos bestaunen die etablierten Parteien den Erfolg des Rechtspopulisten.

Verbrecher sind in der Stadt. Die Luft, sagt Ronald Schill, der den Kampfnamen »Richter Gnadenlos« trägt, wird immer bleihaltiger. Jeder Hamburger ist ein potenzielles Opfer; er selbst ganz besonders gefährdet: Neulich in Eimsbüttel, als er gerade die Lenkradkralle an seinem 20 Jahre alten Matra-Simca löste (»Ich kenne meine Pappenheimer«), sah er im Rückspiegel einen langhaarigen Radfahrer. Der erkannte ihn, stieg ab und notierte die Autonummer von Deutschlands bekanntestem Rechtspopulisten. »Da habe ich eine Garage gemietet«, erzählt der Gründer und Chef der »Partei Rechtsstaatlicher Offensive«. »Ich zahle lieber 200 Mark im Monat als 4000, um das Auto wieder herzurichten.«

Der über 1,90 Meter große Mann fürchtet gar um sein Leben. »Mit einem Attentat auf mich könnte man Politik machen«, freut er sich. Dagegen: Wer Bürgermeister Ortwin Runde umbringe, der ändere gar nichts. Dann würde eben ein anderer Sozi an dessen Stelle treten.

Unikat Schill

Der derzeit beurlaubte Amtsrichter Ronald Barnabas Schill aber, 42 Jahre alt und neu in der Politik, ist ein Unikat. So einen hat es in Deutschland lange nicht gegeben. Rund 15 Prozent der Hamburger wollen ihm nach den Umfragen bei der Bürgerschaftswahl am 23. September die Stimme geben. Angesichts solcher Zahlen zerbröselten die Skrupel von CDU und FDP. Nun wollen sie mit dem lange Geächteten als Innensenator und Zweitem Bürgermeister eine Koalition eingehen. Erst kommt die Macht, dann die Moral.

Fast jeden Abend schlägt die Stunde des Richters. Draußen wird es langsam dunkel, drinnen - in irgendeinem überfüllten Saal in Hamburg - beginnt Ronald Schills interaktive Gruselshow. Jetzt, wo er sich schon als Staatsmann fühlt, formuliert er etwas vorsichtiger. Aber Fragen stellen, das ist ja wohl noch erlaubt.

»Was kann man tun gegen das Verbrechen?«, fragt Schill im Hotel Zeppelin in Hamburg-Schnelsen. »Aufhängen«, brüllt vorn neben dem Rednerpult ein weißhaariger Senior, der seinen Namen lieber verschweigt. »Wie kann man Jugendlichen Grenzen setzen?«, fragt Schill. »Hintern voll hauen«, brüllt der Greis hinter seinem Pilsglas. Dann schildert Schill den Strafvollzug der Hansestadt so rosig, dass man gleich zwei Wochen im Knast buchen möchte. Der Alte, 100 Prozent kriegsbeschädigt, fasst zusammen: »Verbrecher werden am Arsch geleckt.« Schill sagt das nicht. Nicht so. »Veralbert«, sagt er, würden die rechtschaffenen Bürger. Was etwas merkwürdig klänge, wenn es nicht im Publikum die gewünschten Assoziationen wecken würde. In den Gesichtern, manche mallorcabraun, viele grau von Arbeit und Arbeitslosigkeit, sind die Gedanken zu lesen: Wir - so meinen die Leute - werden verarscht. Jawoll.

»Schwarze Schafe« unter farbigen Ausländern

Ronald Schill muss sich die manikürten Hände nicht allzu schmutzig machen. Andeutungen reichen, um Ressentiments zu mobilisieren. Er plaudert über das Verhältnis »bestimmter ethnischer Gruppen« zur Gewalt. Streut ein, dass im Kosovo erst die Waffe den Mann zum Manne mache. Dass es »schwarze Schafe« unter farbigen Ausländern gebe. Und in Kurdistan, da würden die Dealer mittlerweile mit Videos aus deutschen Gefängnishotels angeworben. »Seht her«, sagten die Drogenbosse, »dass ist das Schlimmste, was euch passieren kann: Fernseher, Stereoanlagen, frische Bettwäsche.«

Schill spielt mit seinem kräftigen Bass, imitiert den flötenden Tonfall strickender SozialpädagogInnen, die anscheinend die Stadt regieren. Dann holt er aus zum Doppelschlag gegen die Verderbtheit der Jugend und die Wesensart des Polen. Das hört sich so an: Der notorische Autoknacker Dennis, eine Hamburger Berühmtheit, sei von den herrschenden »Kuschelpädagogen« zu einer »erlebnispädagogischen Reise« nach Polen geschickt worden. Da machten die Polen, so Schill, »eine ganz neue Erfahrung: Deutsche klauen ihre Autos«.

Der Saal tobt

Der Saal tobt. Wie bei den anderen Rezepten des »Richters Gnadenlos«. Unartige Jugendliche? Zur Schocktherapie übers Wochenende in »unwirtliche Einzelzellen«. Schwarzafrikaner ohne Papiere? Da müsste man eines der vielen afrikanischen Hungerländer finden, die sie gegen ein paar Mark Entwicklungshilfe aufnehmen. Nicht therapierbare Vergewaltiger? Nur wieder auf die Menschheit loslassen, wenn sie sich vor der Haftentlassung kastrieren lassen. Schon der alte Grieche Plutarch habe gesagt: »Ein Staat, der sich wehrlos macht, verliert erst die Achtung seiner Bürger und dann sich selbst.«

Thekengeschwätz. Nicht ohne Charme vorgetragen. Vieles hübsch erfunden. Manches sogar richtig. Alles nicht weiter bemerkenswert, würde nicht selbst Roger Kusch, den CDU-Spitzenmann Ole von Beust als eine Art Gegen-Schill in sein Team geholt hat, erwarten, »dass der nächste Innensenator Schill heißt«. Ein rechter Scharfmacher also auf dem Sprung in eine Landesregierung. Vorerst. Schill denkt bereits an Größeres, an die Bundestagswahl im nächsten Jahr: »Wenn der Ruf erschallt, sind wir auf eine bundesweite Ausdehnung vorbereitet.«

Nicht für möglich gehalten

In Hamburg ist etwas passiert, das die seit über vier Jahrzehnten regierende SPD nicht für möglich gehalten hatte. Uwe Maeffert, ein ergrauter Strafverteidiger, bei dem Schill einst Rechtsreferendar war, beschreibt es so: »In Zeiten von Wohlstand und Demokratie wechselt die Freiheitsliebe die Seiten.« Nicht Schutz vor dem Staat wünschten sich die Bürger, sondern Schutz durch den Staat. Das ist Schills Chance. Und das Dilemma einer arroganten SPD. Erst angesichts des drohenden Wahldebakels entdeckte sie ihr Herz für die innere Sicherheit. Drogendealern lässt sie nun den Reizsaft Ipecacuanha einflößen, damit sie heruntergeschluckte Alukügelchen mit Stoff wieder erbrechen. Nicht nur deshalb ist dieser Wahlkampf unappetitlicher als alle zuvor.

Innensenator Olaf Scholz tigert durch sein riesiges Büro. Recht und Ordnung, so der wendige Senator, seien »ein sozialdemokratisches Thema«; innere Sicherheit »auch eine repressive Aufgabe«. Am Hauptbahnhof schöben Dutzende zusätzliche Polizisten Dienst, notorischen Dealern werde mit einer »Sonderbetreuung« zugesetzt. Motto: »Ich bin liberal, aber nicht doof.« Auf Scholz? Fensterbank steckt ein Stoffpüppchen in Polizeiuniform. Das sieht putzig aus und erinnert ein wenig an die Verwandlung der Regierenden in den letzten Wochen. Plötzlich rufen sie nach mehr Repression, nach Polizei, nach der Härte des Gesetzes.

Scholz und der rot-grüne Senat sitzen in der selbst gestellten Falle. Sie kann überall zuschnappen, nicht nur in Hamburg: Wenn die Leute verunsichert sind und die Regierenden selbstgerecht, haben Angstmacher wie Schill Konjunktur. Zu beharrlich hat der Senat die Probleme der inneren Sicherheit verdrängt, zu verbissen am Hilfe-statt-Strafe-Idealismus der siebziger Jahre festgehalten. So wurde der Straßenhandel mit Drogen lange als eine Art Sozialarbeit geduldet, denn irgendwie müssen die Kranken ja an ihren Stoff kommen. Jetzt fehlen den SPD-Regenten Kraft und Glaubwürdigkeit, um sich dumpfen Sprüchen entgegenzustellen.

»Gnadenloser Opportunist«

Der altgediente Strafverteidiger Maeffert nennt Scholz einen »gnadenlosen Opportunisten« und findet: »Es ist erbärmlich, was getan wird, um die Wahl doch noch zu gewinnen.« Der kleine Amtsrichter treibt sie alle vor sich her. CDU-Kusch jammert: »Koalitionen sind immer schrecklich.« Schills »Wasser-und Brot-Mentalität« findet er natürlich ganz furchtbar. FDP-Spitzenkandidat Lange, ein früherer Konteradmiral und vielleicht bald Leichtmatrose in einer Regierung mit Schill als Erstem Offizier, sagt: »Opferschutz vor Täterschutz steht bei mir obenan.« Aber mit »Kopf-ab-Parolen« will er nichts zu tun haben.

»Knüppel aus dem Sack«, juxt Schill über die »hysterischen Reaktionen« der anderen Parteien auf seinen Erfolg. In seinem spartanischen Büro, mitten in einem Gewerbegebiet, beleuchtet eine Messinglampe die kahlen Wände. Der Stuhl scheint zu klein für den groß gewachsenen Mann, der sich meist missverstanden fühlt, weil er mit Missverständnissen Politik macht. Je kleiner der Raum, desto ruhiger wird seine Stimme. Die Todesstrafe, sagt er, lehne er ab, wenn auch ohne Leidenschaft. Amerikanische Gefängnisse, in denen Häftlinge gedemütigt werden, indem man sie zwingt, rosa Unterwäsche zu tragen, erscheinen ihm als üble Auswüchse. Auch wenn es den Deutschen mit ihrer Nazivergangenheit nicht zustehe, den großen Bruder zu kritisieren. Der Antifaschismus, der in keiner seiner Reden aufschimmert, sei ihm in Wahrheit ein Herzensanliegen.

1944 hat die Gestapo seinen Großvater abgeholt, später sei der Opa umgebracht worden; sein Vater - damals acht - habe die Häscher in die Wohnung geführt: »Der lief vor denen her freudestrahlend in den dritten Stock.« Fünf Minuten später klickten die Handschellen.

Gnadenlos demokratisch

Der gnadenlose Richter gibt sich gnadenlos demokratisch. Vielleicht denkt er wirklich so. Typen wie der alte Nazi in Hamburg-Schnelsen seien ihm zuwider. Er liebe die Freiheit und das Recht. Sagt er. In seinem Büro. Aber den beispiellosen Aufstieg in der Politik verdankt er nicht seinen Treueschwüren auf die Verfassung.

Angefangen hatte alles mit einigen absurd überzogenen Urteilen. Zweieinhalb Jahre brummte Schill einer Frau auf, die ein paar Autos zerkratzt hatte. Solche Sprüche machten ihn berühmt, eröffneten ihm eine neue Perspektive als Rächer der Beraubten. Groß, elegant, tumbe Botschaften fein formulierend. Bei Schill zu Hause in der Glasvitrine liegt »Das neue Zitatenhandbuch« von Eberhard Puntsch. Schill versprüht großbürgerliches Flair, auch wenn er bis diesen Sommer in einer 26-Quadratmeter-Bude hauste. Er strafft sich vor Kameras, demonstriert als Surfer Fitness und fährt gern mit seinem Katamaran aufs Meer hinaus. »Bei Windstärke sieben nach Dänemark. Immer kurz vor der Kenterung. Das reizt mich.«

Ein irres Team

Zuständig bei Gericht war er für die Buchstaben Be bis Ca. Beruflich steckte er in der Dauerflaute. Karriereaussichten: keine. Nicht mal Strafrichter durfte Schill bleiben, er wurde - natürlich ein Komplott, sagt er - zu langweiligen Zivilsachen abgeschoben. Aber das bisschen Heldeninszenierung reichte, um ihn nach oben zu spülen. Den Applaus der Zuhörer empfindet er als warme Brise. Die Anerkennung der Mächtigen als Rückenwind. »Gleichberechtigte Gespräche«, so nennt er es, führte er mit Ex-Generalbundesanwalt Alexander von Stahl. Gern würde Schill den FDP-Rechtsausleger als Justizsenator nach Hamburg holen. Ein irres Team.

Wenn sich zu lange nichts ändert in einer Stadt, kann die Stimmung plötzlich kippen. Aus einem diffusen Unbehagen wächst Angst. Und die schürt keiner virtuoser als Schill, weil er selbst überall das Böse wittert. Pfefferspray hat er immer in der Tasche, gern umgibt er sich mit kräftigen Herren, die auf seine Sicherheit achten und dabei wichtig gucken.

Ein merkwürdiger Retter. Er zeigt Stärke und ist doch schwach. Beim Tauchen im Roten Meer schwamm seine Lebensgefährtin Katrin Freund vorneweg in ein rostendes Wrack. Er wollte hinterher, traute sich aber nicht. Freund nimmt ihn auch in der Politik an die Hand. Sie sitzt im Vorstand seiner Pseudopartei, kandidiert auf Platz vier der Liste für die Bürgerschaft. Gemeinsam mit Schill-Vize Mario Mettbach, dem eigentlichen Macher im Hintergrund, dominiert das Paar die Partei nach Belieben. Im fünfköpfigen Vorstand haben die drei immer eine Mehrheit. Eine »Versammlung gescheiterter politischer Existenzen« sieht Hamburgs FDP-Chef Rudolf Lange in Schills Partei. Der Personenkult geht so weit, dass der ganze Laden auf dem Wahlzettel unter dem Namen des Frontmannes zu finden ist. Dessen Saubermannimage ist das einzige Argument.

Schill fühlt sich als Sieger

Vergangene Woche musste Schill vor dem Bundesgerichtshof in Leipzig um seine neue Karriere kämpfen. Vor gut zwei Jahren hatte er Störer aus dem Gerichtssaal heraus in dreitägige Ordnungshaft abführen lassen. Einer von ihnen war nicht aufgestanden, als Schill im Namen des Volkes sein Urteil verkünden wollte. Die Haftbeschwerde bearbeitete er nur äußerst schleppend, was das Landgericht Hamburg als Rechtsbeugung wertete. Nach dem Revisionsverfahren in Leipzig muss der Prozess nun neu aufgerollt werden. Schill fühlt sich als Sieger.

Sein rüdes Verhalten im Gericht, hart an der Grenze des Zulässigen, zahlt sich für ihn aus. Und in der Politik muss der Law-and-Order-Mann nicht fürchten, dass ihn ein Richter stoppt: Es ist völlig legal, mit Schreckensszenarien und falschen Versprechungen (»Wir werden die Kriminalität in 100 Tagen halbieren«) Wähler zu ködern.

Zwischen mündlicher Verhandlung und Urteilsverkündung schlenderte Schill durch Leipzig. An Auerbachs Keller, wo eine Mephisto-Statue steht, sagte er: »Wir sind für jeden Wähler dankbar, und wenn es der Satan ist.«

Stefan Schmitz / print